Magdeburg (dpa/sa) - Wenn in Sachsen-Anhalt am 27. August das neue Schuljahr beginnt, sollen alle Klassenstufen erstmals seit Mitte März wieder jeden Tag in voller Stärke in der Schule sein. Mit dem Präsenzunterricht soll auch Stoff aufgeholt werden, der in den Wochen der coronabedingt verordneten Schulschließungen liegen blieb. Doch das Coronavirus bleibt präsent. "Es ist kein Schuljahr mit einer Vollkaskoversicherung", sagte Bildungsminister Marco Tullner (CDU) am Dienstag - und stellte die Regeln vor, mit denen eine Ausbreitung des Coronavirus in den Schulen verhindert werden soll.

MASKEN: Eine Maskenpflicht will das Land nur für die ersten zwei Tage vorschreiben - auf dem Schulgelände, aber nicht im Unterricht. Danach sollen Schulleitungen selbst entscheiden, ob in bestimmten Räumen, zu bestimmten Gelegenheiten und im Unterricht ein Mund-Nasen-Schutz getragen werden muss. Damit setzte sich Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne (SPD) nicht mit ihrem Vorschlag durch, mit Blick auf Urlaubsrückkehrer und die lange Inkubationszeit vorsichtshalber zwei Wochen Maskenpflicht anzuordnen. Allerdings müssen alle im Schulgebäude stets eine Maske dabei haben. Das Land stellt noch einmal eine Million Masken zusätzlich für die Schulen zur Verfügung.

BEGRÜNDUNG: Die zweitägige Pflicht soll ermöglichen, dass alle Schülerinnen und Schüler und das Personal an den Schulen einen Bogen zum Gesundheitszustand ausfüllen, in dem auch mögliche Aufenhalte in einem Risikogebiet oder Kontakt zu Infizierten abgeklärt werden sollen, heißt es vom Bildungsministerium. Zudem soll das Hygienekonzept bekannt gemacht werden. Wer diese Angaben bis Ende August nicht in der Schule abgegeben hat, darf die Schule nicht mehr betreten. Das Gleiche gilt bei Reiserückkehrern aus Risikogebieten ohne negativen Corona-Test. Für Schülerinnen und Schüler soll es in diesem Fall Aufgaben für zuhause geben - denn die Schulpflicht greift.

UNTERRICHT: Nach aktuellem Stand läuft der Unterricht selbst in allen Jahrgängen wieder im Normalbetrieb. Auf die Einhaltung eines Mindestabstands von eineinhalb Metern darf verzichtet werden, auch wenn im Unterricht keine Masken getragen werden. Allerdings sollen die Schulen sogenannte Kohorten bilden, feste Gruppen, die anderen Kohorten innerhalb der Schule möglichst nicht begegnen. Schwimmunterricht ist erlaubt, Chorgesang und das Spielen von Blasinstrumenten in geschlossenen Räumen verboten. Grimm-Benne warb dafür, Unterricht möglichst oft nach draußen zu verlegen.

EINSCHRÄNKUNGEN: Sollte es einen Corona-Fall an einer Schule geben oder in einem Ort oder einem Stadtteil ein größerer Corona-Ausbruch passieren, treten höhere Schutzmaßnahmen in Kraft. Infizierte und deren Kontaktpersonen dürfen die Schule nicht mehr betreten, eventuell ist davon auch eine komplette Kohorte betroffen. Zudem wechseln die betroffenen Schulen wieder zurück in das Wechselmodell, das einen Mindestabstand erlaubt.

Das heißt: Wie schon vor den Ferien von den älteren Jahrgängen praktiziert, werden die Klassen aufgeteilt und lernen abwechselnd zuhause und in der Schule. Sollte eine Schule geschlossen werden müssen, haben Kinder bis 12 Jahre Anspruch auf Notbetreuung, der Rest wechselt in den digitalen Unterricht von zuhause.

HYGIENE: Auch wenn es keine generelle Maskenpflicht gibt, macht das Land zahlreiche Vorgaben. So muss in allen Pausen und auch während des Unterrichts regelmäßig mit weit geöffneten Fenstern und minutenlang gelüftet werden. So soll verhindert werden, dass sich das Virus in der Luft anreichert und die Gefahr einer Ansteckung steigt. Die Schulgebäude müssen nach einem festgelegten Plan regelmäßig gründlich gereinigt werden. Zudem müssen genügend Waschgelegenheiten, Seife, Einmalhandtücher sowie Desinfektionsmittel vorhanden sein.

RISIKOGRUPPEN: Vor den Sommerferien gab es nach Angaben des Bildungsministeriums rund 1300 Lehrerinnen und Lehrer, denen ärztlich die Zugehörigkeit zu einer Corona-Risikogruppe attestiert wurde. Sie waren vom Präsenzunterricht befreit und übernahmen stattdessen digitalen Fernunterricht. Diese Regelung gilt zunächst nicht mehr.

Im Regelbetrieb und bei geringem Infektionsgeschehen müssen alle Lehrkräfte zum Präsenzunterricht erscheinen, sagte ein Sprecher des Bildungsministeriums. Sobald es eine erhöhte Anzahl an Fällen in einer Region gibt, können Lehrkräfte vom Präsenzunterricht befreit werden - wenn ihnen ein Amtsarzt die Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe bescheinigt. Die Schwelle liegt bei 10 Infektionen je 100 000 Einwohner binnen sieben Tagen.

Auch für Schülerinnen und Schüler, die wegen Vorerkrankungen ein erhöhtes Risiko haben, schwer an Covid-19 zu erkranken, gilt im Regelbetrieb grundsätzlich die Schulpflicht. Im besonders begründeten Einzelfall könnten in Absprache mit der Schulleitung Ausnahmeregelungen gefunden werden.

UNTERRICHTSVERSORGUNG: Wie gut der Plan funktioniert, hängt auch davon ab, wie viele Lehrkräfte überhaupt vor der Klasse stehen. Das sei schwer zu prognostizieren, sagte Bildungsminister Tullner. "Erst wenn der Kollege da ist, wissen wir, dass er kommt." So sei unklar, wie viele Lehrkräfte sich krank meldeten. Die Opposition geht davon aus, dass sich der Lehrermangel trotz Einstellungsoffensive des Landes nicht abmildert. "Meine Interpretation ist: Wenn es optimal läuft, dann werden es nicht weniger", sagte Linken-Fraktionschef Thomas Lippmann am Dienstag. Er rechne nach den bisherigen Erfahrungen und vorliegenden Daten damit, dass die Zahl der Lehrkräfte erneut sinke, während die Zahl der Schülerinnen und Schüler leicht um 1000 bis 1500 auf rund 200 000 steigen werde.

Ziel ist es, 103 Prozent Unterrichtsversorgung zu erreichen, damit auch Krankheitsausfälle vertreten werden können. Voriges Schuljahr lag sie laut Ministerium mit 96 Prozent deutlich darunter. Aus Sicht von Lippmann zeigen aktuelle Zahlen, dass Tullner zu wenig einstellt: Im Juni arbeiteten rechnerisch 15 670 Vollzeitlehrer. Das war der niedrigste Wert in einem Juni in den vergangenen drei Jahren. Im Vorjahresmonat waren es rechnerisch rund 100 Vollzeitkräfte mehr.