Berlin (dpa) - Die Ostdeutschen haben nach den Worten von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) das Leben in der alten Bundesrepublik manchmal etwas überhöht. Das Leben sei sicherlich anders gewesen. "Aber für viele auch alles andere als leicht", sagte die Kanzlerin dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND/Freitag) zum 30. Tag der Deutschen Einheit. "Die Vorstellung, dass das gesamte Leben in Westdeutschland so war wie ein "Westpaket", entsprach nicht der Realität. Es war auch in der alten Bundesrepublik für sehr viele Menschen ein hart erarbeitetes Leben."

Die Kanzlerin sagte weiter: "Ich wünsche mir, dass unser Land weiter in Frieden und Freiheit leben kann. Das ist, wenn wir uns in der Welt umsehen, keine Selbstverständlichkeit." Und in wichtigen Fragen sollte es einen großen Zusammenhalt zeigen. Zugleich sollte die Vielfalt weitergelebt werden können, die Deutschland ausmache. "Es muss nicht Mecklenburg-Vorpommern so werden wie Bayern oder Sachsen und umgekehrt. Und Vielfalt soll auch nicht reduziert werden auf Ost und West oder Stadt und Land, sondern es soll die Vielfalt sein, die die Menschen leben, die aus unserer Kultur und Geschichte und jedem Einzelnen von uns hervorgeht."

Enttäuschungen habe es nach der Wiedervereinigung vor 30 Jahren natürlich auch gegeben, sagte Merkel. Etwa, wenn jemand zum Zeitpunkt der Einheit 45 Jahre oder älter gewesen sei und seine Arbeit verloren habe. Auch für jüngere Menschen sei es schwer gewesen, eine vernünftige Arbeit zu bekommen. "Ostdeutsche Erfahrungen wurden nicht ausreichend gewürdigt und berücksichtigt."

Und weiter: "In der DDR haben wir sehr vieles gelernt, was wir plötzlich nicht mehr brauchten: die vielen Marxismusprüfungen und die Staatsbürgerkunde waren plötzlich - zum Glück - unwichtig, oder dass man im Sommer Winterschuhe kaufte und dass man schnell zugriff, wenn es Tomatenketchup gab." Aber: "Wir haben auch Dinge erlernt, die man in das Leben im wiedervereinten Deutschland einbringen kann. Wir haben gelernt zu improvisieren und wir haben uns angesichts vieler Mängel immer gut organisiert. Das sind Fähigkeiten, die einem auch heute helfen", sagte die Kanzlerin, die in der DDR aufgewachsen ist.

Richtig sei auch, dass es in der Summe deutliche Unterschiede zwischen Ost und West im Wahlverhalten und in der Zufriedenheit gebe. "Das zeigt, dass wir für die Demokratie immer wieder werben müssen. Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Vielleicht war auch in den ersten Jahren der deutschen Einheit nicht genügend Zeit, um deutlich zu machen, dass die Demokratie auch anstrengend ist. Dass Freiheit auch bedeutet, mitzumachen, sich einzubringen."