Magdeburg (dpa) l Täve Schur hat gerade keine Zeit für sein Rad. Das liegt übrigens nicht an seinem stattlichen Alter von nunmehr 89 Jahren. Der Radsport-Held des Ostens ist noch immer ein viel gefragter Mann. Kürzlich hat er sein neues Buch ("Was mir wichtig ist") herausgebracht, jetzt nutzt er die coronabedingte Zwangspause zum Signieren von Exemplaren daheim in Heyrothsberge bei Magdeburg. Außerdem zwickt das Knie immer mal wieder.

Für ein markantes Datum hat Schur gerade keinen Kopf. Der 17. Mai steht vor der Tür und damit jährt sich zum 65. Mal jener Tag, an dem Gustav-Adolf Schur – den ohnehin jeder nur als Täve kennt – 1955 zum ersten Mal die Internationale Friedensfahrt gewann. "Ich hatte was drauf und wurde von Jahr zu Jahr besser. Meine Leistungsfähigkeit wuchs immer mehr und in diesem Jahr war ich dran", sagt Schur im Interview der Deutschen Presse-Agentur. Dabei war er schon vor dem Premieren-Sieg bei der Tour de France des Ostens ein Star in der DDR. Die erst 1953 eingeführte Wahl zum "Sportler des Jahres" hatte Schur stets für sich entschieden, am Ende sollten es neun Ehrungen werden. Aber der Sieg auf der 2214 km langen Tortur von Prag über Ost-Berlin nach Warschau verhalf Schur zu seinem internationalen Durchbruch. "Das gesamte Ausland wurde aufmerksam. Später bei der WM hing alles an meinem Hinterrad", erinnert sich Schur. Mit dem WM-Titel klappte es 1958 und 1959 dennoch.
Bis zur achten von 13 Etappen dauerte es bei Schurs vierter Friedensfahrt-Teilnahme, ehe er das Gelbe Trikot erobert hatte. Der Belgier Joseph Verhelst kassierte mehr als elf Minuten und verlor die Spitze an Schur auf dem Weg von Leipzig nach Berlin. Schur holte sich später in Lodz die vorletzte Etappe und lag am Ende in der polnischen Hauptstadt über acht Minuten vor dem Tschechen Jan Vesely, seinem engen Freund, nachdem er später seinen ersten Sohn benannte.

Als es damals in Prag an den Start ging, hatte Schur bereits 10 000 Trainingskilometer in den Beinen. Und zwar nicht unter spanischer Sonne, sondern im mitteleuropäischen Winter. "Das waren harte Zeiten. Da hat man gelernt, auf die Zähne zu beißen", sagt Schur. Erstmals hatten die DDR-Fahrer Diamant-Rennräder zur Verfügung. Acht Gänge, vorn zwei Kettenblätter. Doch von der Rundfahrt existiert nur noch ein Trikot, das laut Schur im Friedensfahrt-Museum in Kleinmühlingen zu finden ist. Die Räder seien überall verstreut.

Seine Rolle als Sportheld der DDR-Propaganda untermauerte der Sieg bei der Friedensfahrt noch mehr. Mehr als 30 Jahre saß Schur in der Volkskammer, bekannte sich auch nach der Wende zu den Ideen des Sozialismus. "Es kam für mich nie in Frage, in den Westen zu gehen", betont er. Sein Lebensweg, seine verklärenden Ansichten über das DDR-System sowie des Dopings an Minderjährigen verhinderten später zweimal die Aufnahme in die Hall of Fame des deutschen Sports – was ihn kränkte. "Schur ist nicht gewählt worden, und es wird in dieser Weise keinen dritten Anlauf geben", sagt Michael Ilgner, Vorstandschef der Deutschen Sporthilfe, 2017. Die Tür zur Ruhmeshalle bleibt für ihn für immer zu.

Bei der Friedensfahrt empfängt man ihn hingegen mit offenen Armen. Der Course de la Paix ist heute nur noch ein Nachwuchsrennen in Tschechien und Schur sollte für dieses Jahr die Schirmherrschaft übernehmen. Doch die Reise fiel aus. Natürlich Corona. Also ist Schur daheim und hofft auf wärmeres Wetter. "Wenn es mir dann nochmal gelingt, aufs Rad zu steigen. Das wäre ein riesiges Erlebnis für mich."