Olympia

Fünfkampf-Trainerin: „Wir verdreschen unsere Pferde nicht“

Ihre Aufforderung zum Gerteneinsatz an Athletin Annika Schleu löst bei den Olympischen Spielen eine große Debatte aus. Die Wortwahl bereut Fünfkampf-Bundestrainerin Kim Raisner, die Vorwürfe empfindet sie aber als „zu hart“.

Von Interview: Miriam Schmidt, dpa 08.08.2021, 06:34 • Aktualisiert: 08.08.2021, 06:39
Bundestrainerin Kim Raisner (M) und Fünfkämpferin Annika Schleu (r).
Bundestrainerin Kim Raisner (M) und Fünfkämpferin Annika Schleu (r). Marijan Murat/dpa

Tokio - Nach dem Reit-Drama um die Moderne Fünfkämpferin Annika Schleu bei den Olympischen Spielen in Tokio hat Bundestrainerin Kim Raisner den Vorwürfen der Tierquälerei energisch widersprochen.

„Ich bin weit davon entfernt, Tiere zu quälen. Ich liebe Tiere, ich liebe Pferde. Wir verdreschen unsere Pferde nicht“, sagte die 48-Jährige der Deutschen Presse-Agentur. Nach ihrem Olympia-Ausschluss durch den Weltverband spricht die Trainerin im Interview über ihre viel kritisierten Aussagen, das Reit-Reglement im Modernen Fünfkampf und die teils heftigen Reaktionen auf die Vorfälle in Tokio.

Frage: Wie haben Sie die Szenen im Wettkampf erlebt, passt Ihre Wahrnehmung zu dem Bild, das in der Öffentlichkeit gezeichnet wird?

Kim Raisner: Es ist ein Ausschnitt. Annika kam schon sehr aufgelöst zum Abreiteplatz in der Hoffnung, dass sie das Pferd tauschen kann. Aber laut Reglement hatten wir keine Chance. Das geht nur, wenn ein Reiter zweimal runterfällt oder das Pferd viermal verweigert. Also musste Annika aufsitzen und mit diesem Pferd reiten. Beim Abreiten war dann alles super, Pferd und Reiter haben einander vertraut. Auch die Besitzerin des Pferdes war dabei und hat uns Tipps gegeben. Als Annika raus reiten wollte, ging das Pferd nicht vorwärts. Sie hatte bis dahin einen grandiosen Wettkampf, hatte einen großen Vorsprung und ist im Laser Run sehr gut. Mit einem halbwegs normalen Ritt hätte sie immer noch Chancen auf eine Medaille oder eine sehr gute Platzierung gehabt.

Frage: Was ging Ihnen da durch den Kopf?

Raisner: In dem Moment habe ich nur daran gedacht, dass sie aus dieser Ecke raus muss und das Pferd in Gang kriegen muss, dann ist die Chance da, dass sie es noch schafft. Aber das Pferd wollte gar nicht. Annika hat das gemerkt und da war einfach Verzweiflung da. Natürlich fordere ich da auf, dass sie als Reiterin die Möglichkeiten, die sie hat, nutzt, und mit den Hilfen, die da sind, versucht, das Pferd aus dieser Ecke zu bekommen. Natürlich ist man da emotional, auch ich. Jetzt kann man sich darüber streiten, ob die Wortwahl richtig war oder ob das zu harsch war. Wenn man ein Pferd vorwärts reiten will, dann muss man die Zügel locker lassen, was Annika gemacht hat, und haut hinten drauf. Damit verprügelt man aber noch nicht sein Pferd. Es war ein Gerteneinsatz.

Frage: Was sagen Sie zu den Vorwürfen von Tierwohlgefährdung und Tierquälerei, die danach geäußert wurden?

Raisner: Ich finde sie zu hart. Das Pferd wollte nicht, das haben wir schon bei der Vorreiterin gesehen. Natürlich hätte ich das Pferd gerne getauscht. Man kann sich schon fragen, ob das auch ins Reglement aufgenommen werden sollte, dass man als zweiter Reiter, dem das passiert, dann ein anderes Pferd nehmen kann, damit die Sportlerin die Chance hat, dass sie ihr Reitkönnen beweisen kann. Aber das hilft jetzt Annika nicht weiter, das gibt das Reglement nicht her.

Frage: Bereuen Sie im Nachhinein die Wortwahl und hätten Sie damit gerechnet, dass diese Aussage solche Reaktionen auslöst?

Raisner: Ja, im Nachhinein kann man vielleicht sagen, das war zu harsch. Ich weiß, auch dieser Klaps auf den Hintern, der hätte nicht sein müssen, aber der war nicht doll. Das Pferd hätte beinahe die Leute umgetreten, die das Tor aufgemacht haben, weil es rückwärts getreten ist. Und dann kam es auf mich zu. Aber dass es jetzt so dargestellt wird, dass man Pferde generell so behandelt, das stimmt nicht. Ich bin weit davon entfernt, Tiere zu quälen. Ich liebe Tiere, ich liebe Pferde, genauso wie Annika. Wir verdreschen unsere Pferde nicht.

Frage: War es die Ausnahmesituation, die einen dann so handeln lässt?

Raisner: Natürlich war das auch emotional. Wenn man sieht, was für eine Chance man hat, die man nicht vergeben will. Natürlich ist man da auch ehrgeizig.

Frage: Wie haben Sie davon erfahren, dass Sie von den Spielen ausgeschlossen sind?

Raisner: Es gab nur diese Pressemitteilung vom Weltverband.

Frage: Welche Reaktionen haben Sie jetzt bekommen und wie gehen Sie damit um?

Raisner: Ganz schlimm hat es eigentlich Annika getroffen, die über Instagram Nachrichten bekommen hat. Das geht von Miststück bis hin zu Tierquälerin. Ich hab Nachrichten bekommen wie „Auf dich müsste man draufhauen“ und all sowas. Das sind schon Angriffe. Da fallen auch Ausdrücke, sowas wie Miststück, das ist nicht nett, das zu lesen.

Frage: Hätte aus Ihrer Sicht im Wettkampf anders gehandelt werden müssen, hätte das Pferd nicht mehr antreten dürfen?

Raisner: Der Parcours war ok, die Qualität der Pferde war gut. Wenn ein Pferd zweimal in ein Hindernis kracht, kann es natürlich sein, dass das Pferd sagt, das hat mir so weh getan, ich springe nicht mehr. Ich weiß, dass das immer wieder zu Diskussionen führt, auf einem fremden Pferd, aber das bringt dieser Sport mit, das macht unsere Sportart aus. Bei Olympia guckt die ganze Welt zu und dann wird immer sehr schnell über eine ganze Sportart geurteilt.

ZUR PERSON: Kim Raisner (48) ist seit 2006 Bundestrainerin beim Deutschen Verband für Modernen Fünfkampf. Die frühere Moderne Fünfkämpferin aus Berlin wurde während ihrer aktiven Karriere zweimal Europameisterin und Fünfte bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen.