Am 15. Dezember 2015 übernahm Bennet Wiegert das Amt des Cheftrainers beim SC Magdeburg. Im Interview mit René Miller spricht der 36-Jährige über seinen Job, über seinen Verein und die Bedeutung der Stadt Magdeburg für ihn.

Volksstimme: Herr Wiegert, am 15. Dezember 2015 trat der SC Magdeburg im Pokalspiel gegen Frisch Auf Göppingen an. Sie saßen das erste Mal als Cheftrainer auf der Bank. Welche Bedeutung hatte dieser Tag in Ihrer Karriere?
Bennet Wiegert:
An das Pokalspiel von damals kann ich mich noch sehr gut erinnern. Auch daran, dass ich erst zwei Tage davor erstmals das Training leitete. Aber das genaue Datum hatte ich nicht mehr im Kopf. Unterm Strich ist das einer der großen Zufälle im Leben. Ich habe zwar alle Trainer-Lizenzen im Handball gemacht. Aber nicht vorrangig mit dem Ziel, mal als Trainer in der Bundesliga zu arbeiten. 

Weil der Druck so groß ist und man bei Misserfolg auch schnell seinen Job los ist?
Nein! Mit Druck muss man im Leistungssport immer leben und umgehen können. Aber im Nachwuchs hat man eine längere Planungssicherheit. Ähnlich wie bei Pal Dardai im Fußball bei Hertha BSC, der ja auch aus dem Nachwuchs nach oben rückte, war deshalb mein Vertrag zunächst noch unbefristet. Aber das haben wir inzwischen geändert, auch weil die Aufgabe als Geschäftsführer Sport dazu kam. 

Zufällig steht kommende Woche wie damals ein Pokal-Viertelfinale gegen Göppingen an ...
Es ist schon kurios, dass die Situation nach drei Jahren fast genauso ist. Damals ging in der Bundesliga nach oben nicht mehr viel, wir mussten alles auf die Karte Pokal setzen. Heute haben wir auch im Final Four des DHB-Pokals noch eine Rechnung aus dem Vorjahr offen. Und realistisch gesehen können wir nur noch in diesem Wettbewerb einen Titel gewinnen. 

Was bedeutet eigentlich Magdeburg für Sie?
Den absoluten Lebensmittelpunkt unserer Familie. Um nach Magdeburg zurückzukehren, habe ich damals sogar einen laufenden Vertrag in Gummersbach aufgelöst. Meiner Frau und mir war es wichtiger, dass die Kinder auch etwas von ihren Omas und Opas haben. 

Irgendwann sind die Kinder groß. Würden Sie als Trainer auch woanders arbeiten?
Noch sind die Kinder klein und der Weg mit dem SCM noch lange nicht abgeschlossen. Als ich damals als Cheftrainer begann, habe ich ein langfristiges Konzept vorgelegt, das die Verantwortlichen überzeugt hat und auch voll mitgetragen haben. Da ging es unter anderem um Jugendarbeit, Verjüngung des Kaders, Spielweise. Und davon haben wir noch längst nicht alles umgesetzt. Es wäre schön, wenn ich damit eine Ära in der Geschichte des SCM mitprägen könnte. 

Gibt es möglicherweise Vereine, bei denen ein Trainer Bennet Wiegert nicht passen würde?
Man soll im Sport nie nie sagen, weil es auch immer auf bestimmte Situationen und Konstellationen ankommt. Aber die Füchse Berlin und DHfK Leipzig könnte ich mir zurzeit aufgrund der besonderen Rivalität schwer vorstellen. Wenn ich dorthin wechseln würde, wäre ich vielleicht nicht authentisch und könnte von den Fans auch keinerlei Respekt erwarten. Das heißt aber nicht, dass ich etwas gegen diese Clubs habe. Die machen tolle Arbeit und ich erkenne deren Leistungen voller Respekt an. 

Auf was muss ein Verein neben Erfolgen noch achten?
Dass er eine Marke ist und bleibt, mit der man sich identifizieren kann. Und ich denke, dass der SCM definitiv so eine Marke ist. Aber daran muss man immer weiter arbeiten und es immer wieder aufs Neue bestätigen. 

Für die Identifikation der Fans mit dem Verein sind Spieler aus dem eigenen Nachwuchs enorm wichtig. Seit Matthias Musche und Dario Quenstedt hat es aber kein Junior mehr als Stammkraft ins Bundesliga-Team geschafft. 
Wir schauen im Trainerstab beim Nachwuchs genau hin und fördern unsere Talente auch. Denn wenn es Spieler aus dem eigenen Nachwuchs bis ins Bundesliga-Team schaffen, ist das immer schön. Aber sie müssen auch die entsprechende Qualität haben und uns richtig helfen. Von Quoten-Magdeburgern halte ich nichts.

Wie schwer ist es, einem verdienten Spieler wie Robert Weber zu sagen, dass man nicht mehr mit ihm plant?
Einfach ist so etwas nicht. Aber in unserem Job muss man nun einmal auch unliebsame Entscheidungen treffen. Das war bei Yves Gravenhorst ja ähnlich. Ihn zu überzeugen, seine aktive Zeit zu beenden und Co-Trainer zu werden, hat schon ein paar Gespräche gebraucht. Entscheidend ist dabei aber immer, dass man sich frühzeitig mit diesem Thema beschäftigt und auseinandersetzt. Hier sollte man nichts aussitzen und auf einen zukommen lassen. Da muss man ehrlich sein und auch frühzeitig eine Entscheidung mitteilen. 

Der Saisonstart war famos. Aber zuletzt gingen drei Spiele in Folge verloren. Wie gehen Sie mit der aufkommenden Kritik um?
Der müssen wir uns stellen. Das Aus vor drei Wochen im EHF-Cup gegen Porto ist für alle enttäuschend. Darüber gibt es keine Diskussion. Aber was die letzte Saison betrifft, da gibt es sicherlich Schlimmeres, als ein europäisches Halbfinale zu verlieren. Da muss man auch die Relationen wahren. Wir sind keine Metropole und haben auch keinen dicken Geldgeber. Trotzdem spielen wir in der Bundesliga ganz oben mit. Und dass es uns gelungen ist, Olympiasieger wie Jannick Green, Michael Damgaard und Mads Christiansen nach Magdeburg zu holen und diese auch zum Bleiben zu bewegen, ist nicht alltäglich. 

Welche Rolle würde eigentlich der Spieler Bennet Wiegert im Team des Trainers Bennet Wiegert spielen?
Ich befürchte, dass das ein kompliziertes Verhältnis wäre. Und ganz ehrlich: Als Spieler möchte ich mich selbst nicht unbedingt haben. Denn ich war anstrengend, habe eigentlich alles hinterfragt. Deshalb kann ich mich aber auch in den einen oder anderen schwierigen Charakter hineinversetzen und damit ganz gut umgehen. Aus der Ruhe bringt mich so schnell keiner. Es muss dabei nur immer klar sein, wer der Chef ist. 

Sind Sie eigentlich mit Ihrer eigenen Karriere als Spieler rundum zufrieden?
Leider nicht! Nur fünf Länderspiele gemacht zu haben, ist einfach zu wenig. Mich ärgert im Nachhinein auch, dass ich nie ein großes Turnier gespielt habe. Vielleicht war ich damals als junger Spieler schon zu früh zu weit und wurde gehypt. Spieler wie Dominik Klein, Holger Glandorf und Michael Kraus haben mich dann irgendwann überholt.

Was unterscheidet die heutigen Spieler von denen zu Ihrer Zeit?
Die Jungs sind heutzutage viel professioneller. Wenn ich sehe, wie da auf Ernährung geachtet wird, ziehe ich den Hut. So diszipliniert haben wir damals nicht gelebt. Und durch die Technik ist ja auch die ganze Videovorbereitung viel spezieller und ausführlicher. Diese vielen Details bekamen wir früher gar nicht zu sehen. 

Gibt es eine Erklärung, warum Experten wie Stefan Kretzschmar und Heiner Brand so überrascht von Ihrer Trainerkarriere sind?
Bei Kretzsche kann ich das verstehen. Der war damals mein Zimmerkumpel. Wir waren jung, hatten andere Sachen im Kopf. Bei Heiner Brand wundert mich seine Aussage. Denn er müsste wissen, dass ich mich auch damals schon mit dem Handball in seiner ganzen Komplexität beschäftigt habe. 

Könnten Sie sich vorstellen, als Bundesliga-Trainer in Rente zu gehen?
Klares Nein! Man muss wissen, wann Schluss ist, und zum richtigen Zeitpunkt den Absprung finden. Ich kann nicht mal sagen, ob ich das mit 50 noch so will. Denn ich möchte dann auch genügend Zeit für meine Enkelkinder haben. 

Weil jetzt die Zeit für die Kinder viel zu knapp ist?
Ich nutze jede freie Minute, die ich ohne Handball sein kann, für meine Kinder. Ich wäre auch gerne mal wieder zum FCM ins Stadion gegangen. Gegen den HSV hatte ich eine Einladung. Aber das Halloween-Fest meiner Tochter hatte an diesem Abend Priorität. Die Zeit ist leider so knapp, dass ich selbst kaum noch dazu komme, richtig Sport zu machen oder mich mal länger mit Freunden zu treffen.