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Handball Stiller Star: Knorrs Flucht aus dem Rampenlicht

Juri Knorr ist das Aushängeschild des deutschen Handballs. Er wird gefeiert, kritisiert und wie durch ein Brennglas beobachtet. Zu viel für den zurückhaltenden Nationalspieler?

Von Jordan Raza und Patricia Bartos, dpa Aktualisiert: 22.04.2024, 17:49
Deutschlands Handball-Star Juri Knorr verlässt die Rhein-Neckar Löwen im Sommer 2025 und wechselt wohl ins Ausland.
Deutschlands Handball-Star Juri Knorr verlässt die Rhein-Neckar Löwen im Sommer 2025 und wechselt wohl ins Ausland. Tom Weller/dpa

Mannheim - Natürlich steht Juri Knorr am Dienstag wieder im Fokus. Wenn die Handballer der Rhein-Neckar Löwen im Viertelfinal-Hinspiel Sporting Lissabon empfangen, könnte es der letzte European-League-Auftritt des viel diskutierten Nationalspielers vor Heimpublikum sein.

In der kommenden Saison sind die in der Bundesliga abgestürzten Mannheimer nur deutschlandweit unterwegs. Und im Sommer 2025 verlässt Knorr den zweimaligen Pokalsieger - vermutlich in Richtung Dänemark. 

Seit seinen fulminanten WM-Auftritten im Vorjahr ist der 23 Jahre alte Spielmacher das Aushängeschild des deutschen Handballs. Hoffnungsträger, Galionsfigur, Publikumsliebling. Die Erwartungen sind hoch. Entsprechend groß ist der Druck. Gewinnt das DHB-Team, ist Knorr der Held. Bleiben Knorrs Leistungen aus, prasselt gnadenlose Kritik auf den introvertierten Ballverteiler ein. 

Bundesliga verliert ihr Aushängeschild

Zu viel für den schüchternen Jungen aus dem Norden, der doch einfach nur Handball spielen möchte? „Der Druck (...) ist für ihn, so wie er sein Leben leben möchte, zu groß“, hatte Ex-Nationalspieler Stefan Kretzschmar vermutet. 

Dem Vernehmen nach zieht es Knorr zum dänischen Spitzenclub Aalborg Handbold, der ab Sommer vom früheren Flensburger Trainer Maik Machulla betreut wird. Weniger Aufmerksamkeit, weniger Liga-Spiele, näher dran an der Familie und trotzdem Partien in der Königsklasse sind Argumente, die für einen Wechsel sprechen. 

Viele Experten deuten den Abgang als Flucht aus dem Rampenlicht. „Zu den Gründen meiner Entscheidung kann ich zum aktuellen Zeitpunkt noch wenig sagen. Ich werde dies aber tun, sobald es möglich ist“, äußerte Knorr. 

Selbstkritisch, schüchtern, bodenständig

Die Bundesliga verliert in Knorr ihren prominentesten Akteur. Niemand schreibt so viele Autogramme wie der schüchterne Flensburger. Niemand muss so viele Selfies knipsen. „Klar freue ich mich, dass die Aufmerksamkeit gestiegen ist. Aber es war in den letzten Monaten auch ein bisschen viel. Ich bin kein Typ, der das komplett genießt“, hatte Knorr rund um die Heim-EM im Januar gesagt. 

Ein Lautsprecher ist der bodenständige Rückraumspieler nicht. Knorr redet leise, ist extrem selbstkritisch. Seine Worte wählt er mit Bedacht. Nach der EM-Niederlage gegen Kroatien hatte er sich völlig niedergeschlagen beim Publikum für seine Performance entschuldigt. 

Sportpsychologe warnt vor gesundheitlichen Folgen

Sportpsychologe Jürgen Walter weiß, dass introvertierte Sportler tendenziell mehr Schwierigkeiten haben, sich von Druck zu befreien. „Sie sind mehr nach innen gerichtet, sie hinterfragen mehr, sie reflektieren mehr und kommen dadurch auch leichter ins Grübeln“, sagte der Experte der Deutschen Presse-Agentur.

Walters Erfahrungen zeigen jedoch, dass der Druck größtenteils selbstgemacht ist. „Jeder Sportler entscheidet selbst, wie gelassen er mit Fehlern oder Rückschlägen umgeht.“ Walter appellierte an Athleten, sich selbst mental stark zu machen. „Eigenlob stimmt. Wenn ich das Positive an der Sache sehe, führt das zu einem Druckabbau. Die Freude auf den Erfolg muss der Sorge vor dem Misserfolg immer überwiegen.“

Gidsel: Druck in Dänemark nicht weniger

Wie viel Druck Knorr wirklich verspürt und welche Gründe ausschlaggebend für den Wechsel sind - das weiß der Weltklasse-Handballer nur selbst. Klar ist aber, dass ihm der Wechsel nicht einfach fällt. „Ich weiß, dass mit dieser Entscheidung ein sehr besonderes Kapitel in meiner Karriere enden wird“, schrieb er auf Instagram. Viel einfacher dürfte es aber auch in Aalborg nicht werden. „Denn in Dänemark ist Handball die Sportart Nummer 1 und der Druck ist da nicht weniger“, sagte Welthandballer Mathias Gidsel.