Halberstadt l Dieses Mal führte sie der Sport nach Südamerika.

Lauf-Höhepunkt wird zur Farce

„Dieser Lauf sollte mein 201. Marathon werden und zugleich erstmals die 3000-km-Marke meines Jahreslaufpensums, Wettkämpfe und Training, knacken“, erwähnt Irmgard Eggert. Doch kurz vor dem Abflug nach Südamerika erfuhren sie und alle anderen Teilnehmer der Lauf-Weltreise „Chile-Argentinien-Patagonien“, dass der 20. Costa Pacífico Marathon aufgrund der anhaltenden politischen Proteste in Chile wegen Sicherheitsbedenken kurzfristig abgesetzt wurde.

Einen Monat zuvor war der Klimagipfel von Santiago de Chile nach Madrid verlegt worden. Andere sportliche Veranstaltungen erfuhren ein ähnliches Schicksal wie der Lauf. So wurde zum Beispiel der Spielbetrieb der 1. und 2. Liga durch den Fußballverband ANFP vorzeitig beendet und der für April 2020 geplante WRC-Lauf (FIA World-Rally-Championship) der Ralley-WM bereits abgesagt.

„Die Enttäuschung war groß. Denn damit hatte die Reise ihren Höhepunkt eingebüßt“, berichtet die Halberstädtern. Für sie und ihren Mann, der sich für den Halbmarathon an der Pazifikküste entschieden und dafür trainiert hatte, war die Stimmung nach dieser Hiobsbotschaft erst einmal „im Keller“. Der 16-stündige Flug über Paris in die chilenische Hauptstadt änderte daran nicht viel.

In Santiago de Chile erfuhren sie mehr über die aktuelle Situation und die Gründe der Proteste, als es die Medien zu Hause vermittelt hatten, und sahen nicht nur die vielen Transparente an den Gebäuden, verstärkte Polizeipatrouillen, sondern auch friedliche Protestzüge. „Das Reiseprogramm erfuhr keinerlei Einschränkungen. Wir waren während des kurzen Aufenthalts zu Fuß und mit dem Bus unterwegs und haben sehr viel gesehen“, so Gerald Eggert. Am Abend vor der Weiterreise nach Vina del Mar begründete Renndirektor Rodrigo Salas Moncada der Reisegruppe die Notwendigkeit der Absage und warb für Verständnis.

Alternative wird angenommen

Das sommerliche Wetter, das zum Baden einladende Meer und die ausgedehnten Entdeckungstouren am langen Strand und durch den bekannten Badeort nahe Valparaíso ließen die Stimmung umschlagen. Als Ersatz für das gecancelte Rennen fand ein 10-km-Lauf entlang der Küste statt. Obwohl keine Wertung erfolgte, gab jeder sein Bestes und erhielt im Ziel neben dem T-Shirt auch eine Medaille und eine Ersatz-Urkunde.

Die Reise führte die Gruppe weiter nach Patagonien, wo unter anderem die üppigen Vulkanlandschaften des Nationalparks Vicente Pérez Rosale besucht wurden. Der Osorno-Vulkan und weitere schneebedeckte Berge bildeten bei einer langen Bootsfahrt auf riesigen tiefblauen oder smaragdgrünen Seen und deren fjordähnlichen Armen eine eindrucksvolle Kulisse. Die herrliche Landschaft und unberührte Natur war auch bei der Fahrt mit dem Bus über einen Andenpass nach Argentinien und bei zwei weiteren Katamarantouren zu erleben.

Entdeckungstour durch Buenos Aires

Die Ruhe in dieser Region wurde nach einem Flug vom Großstadtlärm und hektischem Treiben in Buenos Aires abgelöst. „Auch hier haben wir in kurzer Zeit bei Stadtrundfahrten und auch Entdeckungstouren zu zweit sehr viel gesehen und erlebt“, so Irmgard Eggert, „in besonderer Erinnerung wird uns die große Tangoshow voller Harmonie und Leidenschaft bleiben.“

Knapp dreieinhalb Stunden dauerte der nächste Inlandflug nach Ushuaia, der südlichsten Stadt des Kontinents, die den Beinamen „Ende der Welt“ trägt. Feuerland war bis 1957 eine argentinische Sträflingsinsel. Heute kann man das berüchtigte Gefängnis auf Feuerland besichtigen und mit einer Schmalspur-Eisenbahn (die Schienenwege wurden einst von Sträflingen gebaut) durch den Nationalpark fahren, dessen üppige Vegetation entdecken und vom „Postamt am Ende der Welt“ Grüße in die Welt schicken. Was alle getan haben.

Auch Sportliches war vorgesehen - ein speziell für die Reisegruppe organisierter Lauf gemeinsam mit Einheimischen um einen See nahe dem Stadtzentrum. Jeder konnte entscheiden, ob er eine oder vier Runden laufend oder walkend unterwegs sein wollte. Eggerts zogen vier vor, was mehr als 10 km im Laufschritt bedeutete. Eine Zeitwertung erfolgte nicht, doch es gab Erinnerungsmedaillen und -urkunden. Irmgard Eggert hatte mit Petra Werner (ebenfalls vom Rennsteiglaufverein) eine weitere Ultraläuferin gefunden, mit der sie und eine Argentinierin diesen Lauf trotzdem im Wettkampftempo zurücklegte.

Katamaranfahrt als Abschluss

Am letzten Tag in Feuerland stand noch eine mehrstündige Katamaranfahrt auf dem Beagle-Kanal, auf dessen Inseln Robben, Kormorane und Pinguine leben. Letztere konnten leider nicht gesichtet werden, da sehr hoher Wellengang den Kapitän zwang umzukehren.

Nach der Zeit im kühleren Süden erneut für eine Nacht in Buenos Aires, erlebten die Reisenden am Rückflugtag 38 Grad im Schatten. Bei der Ankunft in Berlin waren es fast 30 Grad weniger.

„Es bleibt so vieles in Erinnerung. Vor allem die wunderschöne exotische Natur in beiden Ländern. Während bei uns die Bäume ihre Blätter schon lange abgeworfen hatten, herrschte dort sattes Grün vor. Standen bei uns schon Weihnachtssterne in den Fenstern, blühten dort Blumen in den Parks und Vorgärten und sorgten für ein farbenfrohes Bild in den Städten und Landschaften“, schaut Gerald Eggert zurück, „fehl am Platz kamen uns der Weihnachtsschmuck auf den Straßen, in den Kaufhäusern und in den Schaufenstern vor. Denn bei dem Sommerwetter haben zumindest wir nicht an Weihnachten gedacht.“

Ehepaar Eggert hat viel erlebt

Zur Bilanz der 16-tägigen facettenreichen Reise zählen acht Flüge, bei denen in rund 44 Stunden insgesamt 31.648 km zurückgelegt wurden. Außerdem weist die Statistik aus: sieben Hotels, vier Katamaranfahrten, mehrere Bustouren, eine Eisenbahnfahrt, drei Nationalparks, ...