Magdeburg l Tanzende Spielerkreise, Jubelgesänge, feuchtfröhliche Partys bis mitten in der Nacht – so sehen Meisterfeiern normalerweise aus. Nicht aber in Zeiten der Corona-Pandemie. Dass in der Sachsen-Anhalt-Liga der Frauen der TuS 1860 Magdeburg nun als Landesmeister feststeht, ließ die Emotionen nicht wirklich überkochen. Ein paar Smileys in der gemeinsamen Whatsapp-Gruppe waren da schon das Höchste der Gefühle.

„Wir freuen uns schon irgendwie, aber es hat einen faden Beigeschmack“, sagt TuS-Trainer Wolfgang Matzat. „Es ist schade, weil wir es lieber sportlich zu Ende gebracht hätten.“ Doch der Coach war auch schon am Rechenschieber aktiv: „Wir sind alle Szenarien durchgegangen, wir wären auf jeden Fall Meister geworden.“

HVSA setzt auf Fairness

Zum Meister gemacht hat die TuS-Frauen nun das „norwegische Modell“. Der Vorstand des Handball-Verbandes Sachsen-Anhalt (HVSA) entschied sich nach einer Video-Sitzung am Montagabend dazu, die Saison zu beenden. Gewertet wird die Spielzeit nach dem Quotienten aus gesammelten Pluspunkten und den absolvierten Spielen. „Es gab auch andere Alternativen, zum Beispiel eine Wertung nach der Hinrunde“, sagte Stefan Schneider, Vizepräsident Öffentlichkeitsarbeit beim HVSA, „doch dieses Modell schien uns am fairsten, weil alle absolvierten Spiele gewertet werden.“

Doch warum fiel die Entscheidung gerade jetzt? „Zum einen haben andere Verbände vorgelegt, zum anderen kam aus unseren Vereinen auch vermehrt der Wunsch auf, eine Entscheidung zu treffen“, berichtet Schneider.

Verzicht auf Aufstieg?

Von einer „blöden Situation“ sprach nicht nur Matzat. Der TuS-Trainer ordnet der Gesundheit seines Teams die höchste Priorität zu, blickt dennoch aber schon einmal in die Glaskugel bezüglich eines möglichen Aufstiegs. „Wir haben schon einmal in das Team hineingehört und wollen wahrscheinlich nicht aufsteigen.“ Der Mehraufwand der Oberliga sei zu groß. „Das sind fast alles gestandene Frauen mit Familie.“

Haben die einen die vorzeitige Meisterschaft klargemacht, sind die anderen plötzlich die Abstiegssorgen los. Dem HSV Magdeburg aus der Sachsen-Anhalt-Liga der Männer sollte der Abbruch eher entgegenkommen. Auch wenn Coach Harry Jahns beteuert: „Wir wären auch so drin geblieben.“ Jetzt ist der Klassenerhalt aber auch beschlossene Sache, denn im „norwegischen Modell“ gibt es keine Absteiger.

Abbruch wurde erwartet

Die Entscheidung des HVSA ist für Jahns, auch Trainer der HSV-Frauen, „der erwartete Schritt“. Er fügt sogar an: „Anders wäre es nicht mehr gegangen.“ Und rechnet vor: „Wir hätten noch fünf Spiele offen gehabt. Dazu drei bis vier Wochen Vorbereitung. Wir hätten also noch neun, zehn Wochen benötigt und so viel Zeit haben wir nicht mehr.“

Der Handball-Enthusiast gesteht mit einem Lächeln ein: „Manchmal sind auch andere Dinge wichtiger als der Sport.“ Es sei jetzt bedeutender, dass es – wenn es wieder möglich ist – an den Schulen weitergehe. „Das Leben muss erstmal wieder in Gang kommen, dann können wir auch wieder an Sport denken.“

Wunsch: Neue Saison soll normal starten

Ob die neue Saison dann wie geplant starten kann, ist ja ebenfalls noch nicht geklärt. „Es wäre schön, wenn im Oktober alles normal weitergeht, aber wir wissen es nicht“, sagt Jahns. Doch die Emotionen, die in diesen Tagen ausbleiben, sei es bei Meisterfeiern oder geschafften Klassenerhalten, werden in der kommenden Spielzeit sicher doppelt und dreifach nachgeholt.