Magdeburg l Wirklich nicht jeder Schwimmer kann von sich behaupten, seine Trainingspartner wären ein Baum, ein Pferd und fünf Hunde. Leonie Märtens vom SC Magdeburg gehört da sicherlich zu den ganz großen Ausnahmen. Für die Einheiten im heimischen Garten hatte sie pflanzliche Unterstützung gefunden – jenen Baum also, der dafür sorgte, dass sie nicht über den acht Meter langen Pool hinauskrault.

Und sie hatte sich „weitere Bewegungskomponenten gesucht“, berichtet die 16-Jährige mit einem Lächeln. Märtens reitet regelmäßig auf der Stute Anna durch die Bördeprärie. Und weil der kleine Stadtteil Diesdorf, in dem sie mit ihrer Familie wohnt, besonders hundelieb ist, geht sie jeden Tag für eineinhalb Stunden mit Schnappi, Charlin, Molle, Rambo und Mini Gassi. Womit eigentlich nur die Frage bleibt, wer da auf wen aufpasst? Aber vermutlich wird Rambo sein Bestes geben.

Zurück zu den Kacheln

Über solch eine Anekdote aus dem Reich der Leonie Märtens kann ihr Trainer Stefan Döbler ganz sicher ganz herzlich lachen, aber vielmehr noch ist er begeistert von der Kreativität seiner Schützlinge während der Corona-Krise. Nicht nur Gassi gehen, nicht nur im Pool Kilometer sammeln, an einer Leine gebunden und gehalten von einem Baum wie jener im Garten der Märtens. Nein, seine Schützlinge sind noch einen Schritt weiter gegangen – nämlich bis direkt an und dann in den See, regionalabhängig bei Wassertemperaturen zwischen elf und 15 Grad. „Das haben sie alle aus der Eigeninitiative heraus gemacht“, sagt Döbler.

Diejenigen, die nicht das Privileg haben, Nachwuchskader 1 im Deutschen Schwimmverband (DSV) zu sein – und das sind alle außer Märtens, Marlene Blanke, Elena Backhaus sowie Danny Schmidt und Ben Langner aus der Gruppe von Coach Bernd Berkhahn –, werden ihre Idee nun weiter in die Tat und im Badesee umsetzen müssen. Denn nur dem Kader 1 sind seit dem vergangenen Donnerstag wieder die Türen zur Elbeschwimmhalle geöffnet. Im Gegensatz zu anderen Bundesländern übrigens: In Bayern zum Beispiel darf ab heute auch der Nachwuchskader 2 oder Landeskader, zu denen in Magdeburg zum Beispiel ein Kiran Winkler oder ein Linus Schwedler gehören, wieder „Kacheln zählen“.

Döbler wechselt ans Becken

Trotzdem ist auch Coach Döbler der Monotonie seines über Wochen andauernden täglichen Telefondienstes für Athleten endlich entkommen und an den Beckenrand gewechselt. Der 51-Jährige ist darüber hörbar erleichtert. Und er berichtet lächelnd über die ersten Trainingsstunden: „Keiner musste gerettet werden, alle können noch schwimmen.“

Den Auftakt in die Freiwasser-Einheiten hatte übrigens Anna Obieglo übernommen, im März im heimatlichen München. Erst im Feldmochinger See, dann im Wörthsee. „Zurzeit gehe ich im Harmatinger Weiher schwimmen“, hat sie berichtet. Erste Bildaufnahmen lieferten den Beweis.

Neuen Anzug gekauft

Und andere folgten ihrem Beispiel. „Sogar Nils Wille, der mit Freiwasser überhaupt nichts am Hut hat“, erzählt Döbler und klingt davon ziemlich beeindruckt. Wille, der die 200  Meter Schmetterling als Hauptstrecke hat, hat sich dafür einen eigenen Neopren-Anzug gekauft, was nicht selbstverständlich ist: So ein Anzug kostet bis zu 400 Euro.

Marlene Blanke schwamm ebenfalls fortan in Berlin, im Schlachtensee im Bezirk Zehlendorf. Und Leonie Märtens schwamm im Salbker See. „Mir ist vor drei Wochen die Idee gekommen, weil ich es wirklich satt hatte, nur noch Krafttraining zu absolvieren, laufen zu gehen oder Fahrrad zu fahren“, erklärt Märtens.

Alles abgesagt

Also kraulte sie erst im Pool und damit im sieben Grad kalten Wasser. Den Neopren-Anzug borgte sie sich dazu zunächst von Sarah Köhler, Vizeweltmeisterin über 1500 Meter Freistil und Team-Weltmeisterin im Freiwasser. „Aber mittlerweile habe ich meinen eigenen Anzug.“ Und in diesem hatte sie in Salbke regelmäßig trainiert. „Ich bin bis zu einer Stunde täglich geschwommen. Dabei bin ich auf zwei bis vier Kilometer gekommen.“ So war das also bis zu ihrer Rückkehr in die Elbehalle.

Das hatte natürlich auch Döbler vor einer neuen Herausforderung gestellt. Die Eigeninitiative seiner Athleten zwang ihn selbst zur Initiative bei der Trainingsgestaltung. „Ich habe die Wassereinheiten in den individuellen Plänen integriert und ein Programm für 30 Minuten geschrieben“, sagt der Coach. „Ich finde es einfach gut, was meine Athleten machen.“ Und dass sie sich von den aktuellen Absagen aller internationaler Höhepunkte im Schwimmen – inklusive der Junioren-Europameisterschaften im Becken und im Freiwasser – nicht runterziehen lassen.

Gewicht im grünen Bereich

Leonie Märtens sieht es nämlich sehr praktisch: „Auch wenn wir in diesem Jahr vielleicht keinen Höhepunkt mehr haben, wird es doch im nächsten Jahr wieder einen geben. Und genau das wird auch die Konkurrenz denken. Wenn die Mädels dann zum Beispiel auf ,Instagram‘ berichten, dass sie sehr viel gemacht haben, dann aktiviert mich das nur umso mehr und fördert meinen Ehrgeiz.“ Und die beste Motivation zieht sie aus diesem Gedanken: „Ich will nicht, dass sie schneller werden als ich.“

Döbler indes hofft nicht nur auf gleichbleibendes Tempo, sondern auch auf gleichbleibendes Gewicht. „Schwimmen ist nun mal mehr als eine Ausdauersportart, da wäre es schon schön, wenn alle ihr Wettkampfgewicht in etwa halten könnten“, sagt der Trainer lächelnd.

Leonie Märtens hatte mit Anna, Schnappi, Charlin, Molle, Rambo, Mini und dem Baum sehr gute Freunde gefunden, die ihr in Sachen Gewicht geholfen haben. Sie kann nun bestätigen: „Natürlich habe ich ohne das normale Training etwas zugenommen, aber ich bin noch im grünen Bereich.“