Liesten l Ob knallharte Derbys, Abstiegskämpfe oder Aufstiegsendspiele – sie alle gingen in die Geschichte ein. Die Volksstimme erinnert zurück an sagenumwobene Schlachten.

In der Serie „Sternstunden der Altmark West“ sprechen wir mit Vereinslegenden, Funktionären, Spielern und Zeitzeugen der Altmark-Klubs. In Teil II blicken wir mit SV Liesten-Akteur Lucas Bresch auf das Kreispokal-Endspiel der Saison 2018/2019.

Rückblick auf das Kreispokal-Finale

Nach zweimaligem Pokalsieg hintereinander, schaffte der SVL ein historisches Novum. Noch nie gelang es einer Mannschaft, dreimal in Folge den Pott zu gewinnen. Ausgerechnet im hoch emotionalen Salzwedel-Derby gelang es dabei der Mannschaft unter der Leitung von Trainer Michael Piotrowski, dieses Kunststück mit einem 2:1-Erfolg zu vollenden. Doch der Weg bis dahin, war alles andere als einfach. Wir sprachen mit Liesten-Kapitän Lucas Bresch über das Kreispokalfinale 2019 in Arendsee und den größten Erfolg der Klubgeschichte Liestens.

Volksstimme: Lucas, Du bist der dienstälteste Akteur des SV Liesten und hast bereits den ein oder anderen Pokal mit deinem Heimatklub Liesten gewinnen können. Wie hat es die Mannschaft geschafft, nach zwei Pokalsiegen hintereinander, sich erneut dafür zu motivieren, den Pokal zu gewinnen?

Lucas Bresch: Wir hatten im Kopf, das Finale zu gewinnen, um Geschichte zu schreiben. Noch niemand hat es vor uns geschafft, den Pokal dreimal hintereinander zu gewinnen. Auch wenn wir schon alles erreicht hatten mit den Pokalsiegen, waren wir süchtig nach Erfolg. Egal, ob es ein Pokalspiel oder nur ein Trainingsspiel ist. Keiner von uns verliert gern. Wir alle wollten gewinnen.

Und dann geht es ausgerechnet auch noch im Finale gegen den großen Nachbarn Eintracht Salzwedel? Wie war die Atmosphäre um dieses Spiel herum?

Es war kein Spiel wie jedes andere, das ist klar. Es macht schon einen großen Unterschied, ob man im Liga-Alltag vor vielleicht 23 Zuschauern spielt, oder in Arendsee vor knapp 1000 Fans. Zumal zahlreiche Choreographien der Anhänger inszeniert wurden. Dazu war es auch noch ein Derby. Das hat natürlich noch mehr Interesse und Emotionen geweckt. Das war schon etwas Besonderes.

Dabei hätte das Spiel nicht schlechter für euch starten können. Nach nur vier Minuten geriet Liesten durch das Tor von Julian Seehausen in Rückstand. Was ging dir dabei durch den Kopf?

Diese Situation war vor dem Spiel nicht absehbar. Wir guckten uns um und mussten uns erst einmal schütteln. Ich wusste, dass es schwer werden würde. Solch ein früher Rückstand war nicht eingeplant. Wir krempelten die Ärmel hoch und arbeiteten uns über Zweikämpfe zurück ins Spiel. Zum Glück hatten wir diese schwierige Phase überstanden.

Per Foulelfmeter an Sebastian Kordus, erzielte Steven Beck in der 24.Minute den Ausgleich. Hattet ihr vor dem Spiel besprochen, wie es sich bei einem Rückstand zu verhalten gilt?

Nein, wir haben nicht vor dem Spiel ein Schema besprochen oder eine spezielle Strategie, wie wir spielen müssen, wenn wir in Rückstand geraten. Wir waren natürlich erleichtert nach dem Tor, da wir wieder besser ins Spiel fanden. Vor dem Elfmeter hatten wir auch Glück. Da traf Salzwedel auch noch die Latte. Wenn es da 2:0 steht, wird es schon schwieriger. Salzwedel war sehr bissig. Aber wir wussten aus der Vergangenheit, dass wir immer in der Lage sind, ein Spiel zu drehen. Unsere Ruhe und die Geduld haben sich am Ende dann auch ausgezahlt. Durch den Elfmeter fühlten wir uns in dieser Vorgehensweise auch bestätigt.

Das Spiel stand auf Messers Schneide. Zehn Minuten vor Ablauf der regulären Spielzeit stand es noch immer 1:1 in diesem Kampf umwobenen Finale. Dachtest du schon an die Verlängerung?

Um ehrlich zu sein, war die Aufgabe in diesem Spiel ein schmaler Grad. Einerseits wollten wir nicht zu viel nach vorne riskieren. Wir konnten nicht die Abwehr komplett auflösen und mussten ein gesundes Gleichgewicht zwischen Offensive und Defensive finden. In solchen K.O.-Spielen ist es das noch viel wichtiger. In einem Ligaspiel hat man im Verlaufe einer Saison die Gelegenheit, schlechte Ergebnisse wieder zu reparieren. In einem solchen Spiel kann jede Nachlässigkeit oder Unkonzentriertheit das Aus bedeuten. Zudem waren wir bereits viel gelaufen. Man merkte schon, dass das Spiel auch an die körperliche Substanz ging. Wir hatten noch nicht mit muskulären Verletzungen zu kämpfen, aber es war für alle Spieler sehr aufreibend.

In der 84. Minute wurdet ihr durch Henning Schröders Tor zum 2:1 erlöst. Kannst du dich an die Jubelszenen noch erinnern?

Ja, das schon. Aber ganz ehrlich: ich hatte keine Kraft, um noch in die Jubeltraube zu rennen und zu feiern. Wir haben uns alle darüber gefreut, aber es sind auch insgesamt nur zwei Gratulanten zu Henning gerannt. Nicht, weil wir uns nicht für ihn gefreut haben, sondern um die letzten Kraftreserven zu schonen. Unser Kapitän Matthias Wentze und ich haben uns angeguckt und wussten, dass es noch eine heiße Schlussphase werden würde. Wir wollten die Konzentration nochmal hochfahren, um die letzten Minuten zu überstehen.

Wie groß wären deine Nerven gewesen, wenn ihr am Ende in die Verlängerung oder gar ins Elfmeterschießen hättet gehen müssen. Hättest du dich getraut, in einem solchen Finale zum Punkt zu schreiten?

Ja, das denke ich schon. Wir hatten im Training hin und wieder Elfmeterschießen geübt. Allerdings in Turnierform und nicht unter Drucksituationen. Aber ich hatte auch schon ein paar Elfmeterschießen hinter mir. Zwar nicht in einem Pokalfinale, aber in ein einigen Pokalrunden in der Vergangenheit. Im Normalfall fragen wir im Team, wer sich bereit fühlt zum Schießen und wer dem Druck nervlich nicht gewachsen ist. Wer sich gut fühlt, soll bei uns die Elfmeter schießen. An dem Tag, hätte ich es mir zugetraut, auch wenn ich in meiner Laufbahn genau so viele Elfmeter verschossen, wie verwandelt habe. Aber ich hätte die Verantwortung übernommen.

Hattest du nach der spannenden Schlacht gegen Eintracht Salzwedel noch Kraft, um die Siegerehrung bewusst wahrzunehmen?

Ja klar, das schon. Diesem Moment vergisst man nicht. Vor allem, wenn man als Spieler die Goldmedaille mit nach Hause nehmen kann. Das ist ja das Einzige, was man als Spieler als Auszeichnung für diesen Moment bekommt. Wenn man gewinnt, dann ist das umso schöner, wenn das Publikum Spalier steht und die Siegermannschaft feiert. Wenn man als Zweiter zur Siegerehrung marschiert, dann fühlt man sich als Verlierer, obwohl man als Finalist etwas erreicht hat. Aber die Enttäuschung ist dann natürlich umso größer. Als Sieger lässt es sich einfach besser feiern. Als zweiter bleibt einfach im Hinterkopf hängen, dass man sich mit einer Niederlage verabschiedet.

Wenn man nach so einem emotionalen Titelgewinn sich in Richtung Urlaub verabschiedet, denkt man dann noch über das Finale nach, um alles Revue passieren zu lassen?

Klar erinnert man sich daran und erzählt später mit den Kollegen nach dem Training mal darüber, wie alles gelaufen ist und wie man das geschafft hat. Aber es ist nicht so, dass wir uns in die Liege legen und darüber nachdenken, wie großartig alles war. Dafür haben wir auch nicht genügend Zeit. Man feiert 2-3 Tage, aber danach geht es auch schon weiter. Jeder aus der Mannschaft hat ein geregeltes Alltagsleben. Man konzentriert sich auf den Beruf oder die Familie. Das Fußballleben ist zudem schnelllebig und es geht nach einer Saison auch schnell wieder weiter mit der Vorbereitung auf die folgende Saison.

War der Sieg im Finale mit dem dritten Pokaltriumph hintereinander eine Wachablösung in Salzwedel?

Das kann ich nicht beurteilen. Das ist uns auch nicht so wichtig. Wir dürfen nicht nach links und rechts schauen, sondern müssen dafür sorgen, unsere definierten Ziele zu erreichen. Ich denke, wenn man den Liga-Alltag betrachtet, kann man derzeit noch nicht von einer Wachablösung als Nummer Eins in Salzwedel reden. Wir befinden uns momentan auf Platz 1 der Landesklasse, aber abgerechnet wird erst am Schluss. Wenn man jetzt Erster ist und am Ende der Saison hinter der Eintracht Fünfter wird, dann war die harte Arbeit für die Katz. Und im Pokal spielen wir bereits im Halbfinale wieder gegen die Eintracht. Das fühlt sich dann schon an, wie ein Finale. Dieses Spiel müssen wir erst einmal überstehen. Da wird uns alles abverlangt werden.