Gardelegen l Der 37-jährige Routinier Michael Damke aus Gardelegen erklärt im Exklusiv-Interview mit der Volksstimme, weshalb die Fußball-Regeländerungen ab der Saison 2019/2020 so wichtig sind, was die Zusammenlegung der Altmarkverbände Ost und West bedeuten würde und weshalb die Schiedsrichter-Tätigkeit sein Leben ist.

Er ist auf den Sportplätzen der Region und auch darüber hinaus bekannt wie ein bunter Hund. Michael Damke leitet Fußballspiele bis hin zur Männer-Verbandsliga und hat in den vergangenen Jahren viel gesehen und erlebt.

Michael, Sie sitzen im Schiedsrichterausschuss des KFV Altmark-West. Wie erleichtert seid ihr gewesen, als die neuen Anpassungen des Regelwerkes ab der Saison 2019/2020 seitens der FIFA beschlossen wurden?
Michael Damke:
Wir sind schon sehr froh, dass Modifizierungen hinzu gekommen sind, die den Spielfluss gewähren und Stresssituationen vermeiden. Die Mauerregelung während eines Freistoßes kann da als Beispiel gelten. Es gibt keinen Spieler mehr, der sich zwischen eine Mauer drängelt und dadurch einen Konflikt mit den gegnerischen Spielern anzettelt. Sowas gab es in vielen Spielen, weshalb ein lauter Pfiff von Nöten war. Das Gerangel entfällt mit der Regelveränderung, so dass hierbei von einer echten Hilfe zu sprechen ist.

Die für viele brisanteste und für Gesprächsstoff sorgende Handspielregelung wurde ebenfalls angepasst. Wie viel Diskussion wird es noch ab der kommenden Saison geben?
Bei der Handspielregelung wird immer ein Interpretationsspielraum gewährleistet sein. Die Perspektive und die Wahrnehmung wird bei jedem Schiedsrichter verschieden sein. Selbst der Videobeweis in der Bundesliga, hat mit der Wahrnehmungsproblematik zu kämpfen. Wir können uns aber glücklich schätzen, nun eine klare Linie zu ziehen, wie das Handspiel des Angreifers im gegnerischen Strafraum und des Verteidigers im eigenen Sechzehner zu werten ist, wenn eine unabsichtliche Bewegung, die nicht zum Ball führt, gegeben ist. Es wird unabhängig davon, ob Absicht oder keine Absicht vorliegt, kein Tor mehr für die angreifende Mannschaft gepfiffen. Im Umkehrschluss wird bei unabsichtlichen Ballberührungen im Strafraum mit der Hand des verteidigenden Spielers, kein Elfmeter mehr gepfiffen. Damit können wir mehr Gerechtigkeit schaffen und auf Verständnis bauen.

Das Zeitspiel soll ebenfalls eingeschränkt werden. Spieler, die bei einer Auswechslung sich zu viel Zeit lassen und nicht an der von ihnen am nächst gelegenen Seitenlinie das Spielfeld verlassen, werden sich auf drakonische Strafen gefasst machen müssen.
Ganz genau. Bei bewusstem Zeitspiel und absichtlicher Verlangsamung beim Wechsel, wird der auszuwechselnde Spieler verwarnt. Schlimmstenfalls wird sogar gepfiffen, wenn der Spieler in der Folge das Spielfeld nicht verlässt und der Wechsel findet nicht statt. Im Extremfall kann es bei wiederholtem Wechselversuch mit selbigem Spieler einen Platzverweis geben, wenn das Spielfeld erneut aufgrund des Zeitspiels nicht verlassen wurde. Eine gelb-rote Karte wäre die Folge, so dass der Spieler, der eingewechselt werden soll, sich danach nur gegen einen anderen Spieler einwechseln lassen darf oder wieder auf der Bank Platz nehmen muss. Diese Änderung ist konsequent und wird das Spiel schneller machen.

Wie schwierig wird die Umsetzung der Neuerungen in der Praxis für die Schiedsrichter sein?
Es muss nicht schwierig sein. Abstufungen gibt es sicherlich, was die Ligen anbelangt. In den Ligen auf Landesebene wird anders gespielt, als auf Kreisebene. Das Tempo ist höher und die Aktionen sind durchsichtiger. Auf Kreisebene ist wieder etwas anderes gefordert. Dort kann es vermehrt zu unkontrollierten Aktionen kommen. Wichtig ist für den Schiedsrichter, das richtige Positionsspiel zu haben.

Dem Schiedsrichterwesen der Altmark West wird nicht nur eine Anpassung an das Regelwerk geliefert. Bald könntet ihr auf Verstärkungen der Altmark Ost bauen, wenn die Fußball-Verbände Altmark West und Altmark Ost in Zukunft korrespondieren.
Die Tendenz des Zusammenschlusses ist gegeben. Wir führen ohnehin einen engen Kontakt und haben regelmäßigen Austausch mit den Schiris der Altmark Ost. Das Verhältnis zum Schiedsrichterwesen dort ist gut. Unter Umständen könnte der Zusammenschluss ein Gewinn für uns sein. Bei Ausfällen auf beiden Seiten, ergänzen sich die Verbände durch den Einsatz der benachbarten Kollegen.

Die Altmark-West ist gegenwärtig auf Schiedsrichter des Nachbarverbandes angewiesen. Spürt ihr den Bedarf auch bei den Jugend-Schiedsrichtern?
Das Positive vorweg: Wir können alle Spiele auf Landesebene und Kreisebene, die mit der höchsten Priorität gekennzeichnet sind, besetzen. Zu denen gehören die Landesklassen, Kreisoberligen und Kreisligen bei den Männern, A- und- B-Junioren, sowie den Frauen auf Landesebene. Die Spiele mit niedrigerer Priorität pfeifen entweder Vereinsbetreuer oder wie im Falle der Bambinis, also der jüngsten Altersklasse, auch Trainer, die mit ihren Mannschaften in Turnierform gegeneinander antreten und dafür sorgen, dass die Spieler lernen, sich selbst einig zu werden.

So man es selbst vom Bolzplatz kennt. Aktuell haben wir, was die Anzahl an Schiedsrichtern im Jugendbereich angeht, ein Defizit. Das kann ich bestätigen. Als ich vor 22 Jahren angefangen habe, war ich 17 Jahre alt. Damals zählten wir 140 Schiedsrichter im Verband. Jetzt stehen wir bei noch 69 Schiedsrichtern, von denen gerade noch 40 Schiedsrichter auf Kreisebene pfeifen. Einige davon spielen selbst noch aktiv als Spieler in ihren Klubs.

Dadurch müssen wiederum die erfahrenen Schiedsrichter mehr Spiele pfeifen als zuvor, damit der Spielbetrieb aufrecht erhalten wird. Warum tun Sie sich das an?
(Lacht) Na ja, ich empfinde es nicht als Belastung. Im Gegenteil. Ich kann nicht so einfach aufhören. Für mich würde dann etwas verloren gehen. Die Schiedsrichterei ist für mich das geilste Hobby auf der Welt. Ohne die Aufgabe als Schiedsrichter, würde mir etwas fehlen.

Sie sind bereits 22 Jahre im Dienst des KFV-Altmark-West tätig. Haben Sie nie Ambitionen gehabt, in höheren Ligen als der Verbandsliga zu pfeifen?
Nein, nicht wirklich. Ich bin mit der aktuellen Situation zufrieden. So wie es ist, war es schon immer. Ich fand den Beginn meiner Laufbahn toll, und finde sie immer noch großartig. Das Problem ist: Wenn ich jetzt anfangen würde, mich für höhere Ligen zu empfehlen, könnte ich rein alterstechnisch, vielleicht gerade so noch in der Oberliga pfeifen. Danach müsste ich aufgrund der Statuten aufhören. Ähnlich verhielt es sich mit Pierluigi Collina. Für mich ist er eine der Besten, wenn nicht sogar der beste Schiedsrichter gewesen, den der Weltfußball zu bieten hatte.

Aber er musste aus alterstechnischen Gründen aufhören. Diese Regel ist für viele Zuschauer nicht nachvollziehbar. Aber somit haben auch Nachrücker eine Chance erhalten, sich im Weltfußball zu zeigen. Genauso verhält es sich auch in den nationalen und regionalen Ligen. Der Platz eines Schiedsrichters sollte nicht unbegrenzt lang besetzt bleiben. Jeder Schiedsrichter hat eine Chance verdient, höhere Aufgaben anzupacken. Alles hat also seine Vor-und Nachteile. Ich war immer zufrieden mit meinen Aufgaben, daher hat sich die Frage nach dem Wunsch auf Veränderungen bei mir nie gestellt.

Worin sehen Sie die Schwierigkeit, die Rolle des Schiedsrichters auf dem Platz so zu erfüllen, dass ein Aufstieg als junger Schiedsrichter möglich ist?
Nun, diese Frage lässt sich nicht so leicht beantworten. Ein junger Schiedsrichter kann auch seine Rolle gut ausfüllen, wenn er den großen Sprung nicht schafft. Wir dürfen nicht vergessen: ein Schiedsrichter muss, wie es der Name schon sagt, in aller erster Linie richten. Das bedeutet, er muss in Bruchteilen von Sekunden eine Entscheidung fällen. Dazu bedarf es vieler Erfahrungswerte. Nicht jeder Schiedsrichter, der ein guter Sportler ist, ist auch gleichzeitig ein guter Richter. Als Beispiel hierfür dienen die Spiele auf Kreisebene. Dort wird noch ohne Linienrichter auf Abseits entschieden. Ob ein Spieler einen Meter oder weniger im Abseits steht, kann eine Einzelperson gar nicht korrekt entscheiden. Wenn ein Schiedsrichter also nicht auf schnellstmöglichem Weg den Sprung nach oben schafft, wird sich keiner daran aufhängen. Im Gegenteil. Wir wollen junge Schiedsrichter auf ihrem Weg begleiten und sind froh, dass sie in unserer Region, erste Erfahrungen sammeln und austauschen dürfen.

Vielen Dank für das Gespräch und auch in Zukunft „Gut Pfiff“.