Staßfurt l Jens Liensdorf war auf der linken Seite die Linie entlanggelaufen, kurz hob er den Kopf, dann sah er den freien Mann und flankte. Doch Axel Quednow im Sturm hatte Rücklage und konnte den Ball nicht drücken und setzte den Kopfball drüber. Ja, diese Szene ereignete sich im Jahr 2018. Sind Sie verwirrt? Das würde Ihnen keiner übel nehmen. Denn ein Zusammenspiel zwischen den beiden müsste zehn bis 15 Jahre zurück liegen. Schließlich ist Liensdorf, Trainer beim SV 09 Staßfurt aus der Landesliga, 37 Jahre alt, sein Co-Trainer gar 46.

Dass beide am gestrigen Sonntag im Viertelfinale des Sparkassen-Cups gegen den Verbandsligisten Union Schönebeck in der Startelf standen, sagte alles über die Personalnot der Staßfurter aus. Und es war auch eine Erklärung für die Chancenlosigkeit der Bodestädter gegen keinesfalls entfesselt aufspielende Schönebecker. Trotzdem war Union-Trainer Andreas Sommermeyer freilich zufrieden. Vor allem die Null freute ihn, nachdem die Schönebecker in drei Spielen zuvor zehn Gegentreffer bekommen hatten. „Es war eine bessere Defensivleistung. Die Jungs nehmen die Hinweise an“, sagte Sommermeyer. „Allerdings hatte ich auch mehr Druck von Staßfurt erwartet.“

Eine richtige Nagelprobe für eine Verbandsliga-Defensive konnte das Spiel nicht sein, weil es den Staßfurtern an Stoßkraft fehlte ohne Stefan Stein (verletzt), Matthias Härtl (Arbeit) und den erst später zum Spiel gestoßenen Benjamin Kollmann (privat verhindert). Quednow als einziger Stürmer hatte Mitleid verdient. Bälle bekam er kaum, weil die 09er sehr tief standen. Union bestimmte Raum und Ball.

Bolze trifft gegen Ex-Verein

Mit kontrollierter Offensive zogen die Schönenecker die Kreise um den Staßfurter Strafraum immer wieder enger. Nach zwei Halbchancen von Philipp Glage (8., 12.) führte der erste gelungene Angriff zum Tor. Glage passte in die Gasse. Dort blieb der 18-jährige Toni Wasylyk mit jugendlicher Unbekümmertheit cool vor Tobias Witte und traf (22.). Ähnlich gut herausgespielt war das 2:0 kurz vor der Pause. Neuzugang Lucas Michaelis sah die freien Räume um Marcus Bolze, dieser umkurvte Staßfurts Keeper Tobias Witte und erhöhte (43.). Ausgerechnet Bolze traf also, der erst im Sommer von Staßfurt nach Schönebeck gewechselt war. Der Torjubel fiel aus. „Irgendwie besonders“ nannte er das Tor, aber komisch war es auch. Zu wohl hatte er sich in Staßfurt gefühlt, als das er nun ausgelassen jubeln mochte.

Nach der Pause wechselte Staßfurt durch. Kollmann kam für Quednow im 4-5-1-System als einzige Sturmspitze, auch Marcel Mähnert, der kurzfristig einen Rücktritt vom Rücktritt im Sommer machte, kam ins Spiel. „Er hat sich angeboten“, sagte Liensdorf. Der Coach sagte bereitwillig ja. Jeden fitten Spieler konnte er gebrauchen. Mähnert kam für Florian Abram, der sonst beim SV 09 II in der Salzlandliga spielt.

Der frische Wind tat Staßfurt gut. Erste zählbare Gelegenheiten wurden eingefahren. Matthias Lieder passte auf Kollmann, der scheiterte am Union-Keeper Stephan Pingel (50.). Und weil Fußball manchmal ungerecht ist, fiel im Gegenzug das 3:0 für Schönebeck. Bolze tankte sich rechts durch, passte zu Kapitän Mathias Rhode, der den freien Glage sah. Staßfurts Lukas Möller war noch dran am Torschuss von Glage, allein ins Toraus konnte er ihn nicht mehr lenken (52.). Eine Minute später war wieder Bolze der treibende Keil in der Staßfurter Defensive, passte auf Justin Dehnecke: 4:0 (53.).

Sommermeyer von Wasylyk angetan

„Die zwei Tore in unserer Drangphase waren der Genickbruch“, schätzte Liensdorf ein. „Es ist natürlich ärgerlich, dass wir als Titelverteidiger ausgeschieden sind. Aber viel mehr war nicht möglich mit dieser Personalnot. Da konnten wir kein Pressing spielen. Wichtig war, dass wir uns relativ gut bewegt haben. In der zweiten Halbzeit war auch die Kraft weg.“ Auch Sommermeyer freute sich, dass der ungefährdete Sieg nicht mehr ins Wanken geriet. „Als Kollmann reingekommen ist, war das schon ein Unterschied“, sagte er. Aber Union ließ sich die Kontrolle nicht mehr nehmen. „Ein paar Laufwege stimmten noch nicht, der Aufbau war ein bisschen langsam, aber wir haben das Spiel gut laufen lassen. Es ist einfacher für uns, wenn wir auf so einem großen Platz mehr Räume haben“, sagte Sommermeyer. „Die Jungs verstehen das System.“ Und setzen es immer besser um. Besonders von Wasylyk war er angetan. „Er hat ein Mega-Spiel gemacht.“

Beim SV 09 hingegen hingen die Köpfe. Nicht nur, weil sich Chris Horstmann nach einem Nackenschlag gegen Rhode eine Rote Karte einfing und für die ersten Saisonspiele gesperrt sein wird. Besonders die verpasste Chance wird eine Weile in den Kleidern hängen. „Wir wussten, dass Schönebeck defensiv anfällig ist. Das ist das schlechteste Union-Team, gegen das wir je gespielt haben“, sagte Liensdorf. Nur ausnutzen konnte Staßfurt das nicht.

Staßfurt: Witte – Nagel, Müller, Jesse, Liensdorf (70. Unger), Quednow (46. Kollmann), Stachowski, Lieder, Horstmann, Möller, Abram (46. Mähnert)

Schönebeck: Pingel – Bolze (63. Baumgarten), Fichte, Treusch, Michaelis, Bubke, Wasylyk (63. Weidemeier), Kucybala, Dehnecke, Glage (70. Heidel), Rhode

Tore: 0:1 Toni Wasylyk (22.), 0:2 Marcus Bolze (43.), 0:3 Philipp Glage (52.), 0:4 Justin Dehnecke (53.); SR: Kautz (Calbe), ZS: 60; Rot: Chris Horstmann (80.)