Salzlandkreis l Später wurden die Hooligans mehr oder weniger durch die Ultras verdrängt. Viele Gruppen berufen sich dabei auf das „Ultra-Manifest“ aus Italien, welches sich deutlich gegen die Kommerzialisierung im Profifußball wendet und zusätzlich Regeln aufstellt.

Während bei den Hooligans, denen immer wieder eine Verbindung zur rechten Szene nachgesagt wird, der Kick nach Gewalt im Vordergrund steht, zeichnen sich Ultras besonders durch ihre Gesänge, Choreographien, Spruchbänder, Schwenkfahnen, Doppelhalter sowie Kurvenshows aus.

Gewalt keine Einbahnstraße

Doch die Gewalt im Fußball ist keine Einbahnstraße, die sich nur vom Zuschauer – zumeist in Form von Pyro-Aktionen oder verschiedener, sich untereinander prügelnder Fangruppen – auf das Spiel widerspiegelt. In der aktuellen Situation, wo sich viel gegen Dietmar Hopp, den DFB oder die DFL richtet, hat man jedoch oftmals ein anderes Gefühl.

Bilder

So gab es zuletzt auch immer wieder Bilder zu sehen, in denen sich zahlreiche Spieler um den Schiedsrichter versammelten, um die Entscheidung des Unparteiischen entscheidend zu beeinflussen. Auch die Trainer am Spielfeldrand sind dabei nicht außen vor. Fast an jedem Spieltag konnte zuletzt beobachtet werden, wie vor allem die Entscheidungen des Videoschiedsrichters kritisch beäugt wurden oder wie mit dem vierten Offiziellen diskutiert wurde.

In den Amateurligen spielten sich in den letzten Jahren vereinzelnd sogar noch wildere Szenen ab, welche die Gewalt nochmal auf eine höhere und ganz andere Stufe stellten.

Anzahl der Tätlichkeiten gehen zurück

Eine erfreuliche Ausnahme bildet hier der Kreisfachverband (KFV) Fußball Salzlandkreis. Seit Jahren geht die Anzahl der Tätlichkeiten zurück, wie Statistiken belegen. Auch Helmut Lampe, Vize-Präsident des KFV, kann sich kaum an gewalttätige Übergriffe erinnern, die sich in der jüngeren Vergangenheit auf den Sportplätzen des Salzlandes zugetragen haben. „Es gibt hier mal ein Anrempeln, hin und wieder auch eine Rote Karte, aber das ist nach dem Spiel dann auch schnell wieder vergessen.“

Er selbst habe ohnehin noch nie Probleme gehabt, wenn es um das Verhalten der Spieler ihm gegenüber auf dem Spielfeld ging. „Das hat aber vielleicht auch mit meiner Tätigkeit im KFV zu tun und damit, dass die Sportler wissen, auf welche Erfahrung ich zurückblicken kann. Wenn in meiner Schiedsrichterlaufbahn überhaupt mal etwas vorgefallen sein sollte, dann muss das zu tiefsten DDR-Zeiten gewesen sein“, erinnert sich Lampe an seine lange Karriere als Unparteiischer zurück.

Doch betrachtet man den Stand der Dinge deutschlandweit, ist eine solch entspannte Situation, wie im Salzlandkreis nicht immer repräsentativ. Fans oder Spieler werden nicht nur durch den Fußball zum Gewalttäter, vielmehr wird die Gewalt mit in den Fußball hineingetragen. Diese Tendenz zur Gewalt wird durch die Emotionen oder das Fanleben, die der Sport mitbringt, verstärkt und intensiviert. So können Spielerverkäufe, verpasste Vertragsverlängerungen, eine vermeintliche Fehlentscheidung des Schiedsrichters, Provokationen der gegnerischen Fans sowie schwere Fouls, die das eigene Team einstecken muss, ebenfalls das Fass zum Überlaufen bringen.

Negativbeispiel als einzige Ausnahme

Ein besonderes Negativbeispiel gab es dabei auch im Salzlandkreis. Vor knapp sieben Jahren kam es beim Salzlandliga-Duell zwischen dem Egelner SV Germania und Warthe Hakeborn zum unrühmlichen Höhepunkt. Der Vorfall schlug hohe Wellen. „Sogar der MDR berichtete darüber“, erinnert sich Lampe. Was war passiert? Durch einen Gegentreffer in letzter Minute hatten die Gäste aus Hakeborn ihr Spiel in Egeln mit 2:3 verloren. Als die Partie abgepfiffen war, brannten bei Warthes Kapitän Stefan W. die Sicherungen durch.

Er trat den Egelner Stürmer Denis Winter in die Beine. Als dieser gestürzt war, trat er ihm gegen den Kopf. Dafür kassierte er sofort die Rote Karte. „Durch meinen Fehler hatten wir die Partie verloren. Das war eine Kurzschlussreaktion“, versuchte der Kapitän der Gäste sich später zu rechtfertigen. Er habe sich damals auch schnellstmöglich bei der Mutter von Winter entschuldigt, da dieser selbst nicht mit ihm sprechen wollte.

Doch dem Sportgericht reichte das nicht. Es sperrte den Angreifer des SVW für drei Jahre. Er wollte sich aber ohnehin komplett vom Fußball zurückziehen. „Doch inzwischen tritt er wieder für Hakeborn gegen den Ball“, weiß Lampe zu berichten. Weder auf noch neben dem Platz ist er dabei negativ aufgefallen, was dem allgemeinen Trend im Salzlandkreis entspricht.

Michael Damke ist ein langjähriger Schiedsrichter aus Gardelegen, der bis zur Verbandsliga pfeifen darf und somit schon enorme Erfahrungen gesammelt hat. Auch er hält fest: „So kurios das klingt. Ich habe als Schiedsrichter noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Im damaligen Landesliga-Derby - vor über 1000 Zuschauern - zwischen dem Schönebecker SV und dem Schönebecker SC soll mich mal ein Zuschauer - ohne dass ich es gemerkt habe - angespuckt haben. Erst in der Kabine hatte mich mein damaliger Assistent Burkhard Kramp darauf hingewiesen. Sonst kann ich aber von keinen negativen Erfahrungen sprechen. Mir wurden keine Schläge angedroht und auch mit den Spielern hatte ich nie ein größeres Problem.“

Ebenfalls nur die Ausnahme bildet im Salzlandkreis das Abbrennen von Pyrotechnik. Bilder wie beim Pokalspiel zwischen Groß Rosenburg und dem SV Plötzkau im Salzlandpokal haben Seltenheitswert. Zu Recht, denn Feuerwerkskörper, Raketen, bengalisches Feuer, Rauchpulver, Rauchbomben, Leuchtkugeln und andere pyrotechnische Gegenstände sind in allen deutschen Stadien sowie auf allen Sportplätzen verboten und daran wird sich vermutlich auch nicht viel ändern. Obwohl man beim Hamburger SV zuletzt einen neuen Ansatz versuchte, scheinen sich die Verantwortlichen kaum umstimmen zu lassen. Im Vordergrund steht nämlich der Schutz aller Fußballfans und dieser kann einfach nicht hundertprozentig gewährleistet werden, wenn man Pyrotechnik erlaubt - auch wenn die Bilder dieser Choreos mitunter schön anzusehen sind.

Auch die Gewalt von Spielern untereinander oder die Gewalt von Spielern oder Trainer gegen den Schiedsrichter wird in Zukunft kaum abnehmen. Man kann von Glück sagen, dass es im Salzland noch keine wilden Szenen – wie im Juni vergangenen Jahres in Duisburg – gab. Damals musste ein Fußball-Amateurspiel wegen eines Gewalteklats abgebrochen werden.

Solche Jagdszenen gab es bislang nicht in unserem Kreis und wird es hoffentlich niemals geben. Es ist allerdings zu einfach, dass man die Bundesligen in die Pflicht nimmt, weil diese angeblich ihrer Vorbildfunktion nicht nachkommen würden.

Fußball ist ein Sport, der nicht allein über das Können der jeweiligen Mannschaft definiert ist. Wenn es so wäre, stünde zum Beispiel der Regionalligist 1. FC Saarbrücken kaum im Halbfinale des DFB-Pokals. Der Fußball wird auch über Emotionen und die Atmosphäre im Stadion oder auf dem Sportplatz entschieden. Gerade aus den Emotionen oder dem Adrenalin heraus, entsteht nun einmal Reibung, die sich einfach irgendwann entladen muss.

Im Salzlandkreis muss man feststellen, dass Gewalt im Fußball sicher vereinzelnd aufkommt, allerdings nicht in der Masse und Schwere der Vergehen, weshalb diese großen Probleme derzeit weit weg erscheinen. Selbst wenn es während des Spiels mal gewisse Probleme gibt, können diese zumeist nach einem klärenden Gespräch aus der Welt geschafft werden. Dennoch sollten die Vereine in unserer Region weiterhin stets einen guten Austausch mit den eigenen Anhängern und den Schiedsrichtern pflegen. Schließlich wollen wir auch in Zukunft nie von solchen Situationen berichten.