Schönebeck l Das erste Spotlight direkt nach dem Wettkampf fiel nicht auf die Stars aus der ersten Reihe, sondern den Trainer. Da stand Boris Obergföll nach dem Speerwurf-Wettbewerb beim Solecup im Blitzlicht-Gewitter der Fotografen bei den Speeren, grinste und sagte dann: „Der Speerwurf hat versagt, es gab keine 90 Meter.“ Und weiter: „Ich bin es gar nicht gewohnt, im Rampenlicht zu stehen.“

Der Bundestrainer der Speerwerfer, der vor seiner Hochzeit mit Christina Obergföll als Boris Henry zweimal WM-Bronze holte, hatte den Schalk im Nacken. Und blieb trotzdem positiv. Nein, die magischen 90 Meter waren gestern beim Solecup in Schönebeck nicht gefallen, aber schämen mussten sich Olympiasieger Thomas Röhler und Weltmeister Johannes Vetter nicht. Beim Sieg von Vetter mit 86,96 Meter lieferte auch Röhler eine ordentliche Weite von 85,88 Meter ab. Und Röhler gönnte Vetter die kleine Revanche für das Diamond-League-Meeting in Doha vor zwei Wochen. Ohne Schuhe stand der Olympiasieger vor dem letzten Wurf von Vetter in der ersten Reihe, als dessen Sieg schon feststand und war danach auch der erste Gratulant per Schulterklopfer, als dieser etwas enttäuscht drein blickend ins Publikum winkte.

Natürlich hätte Vetter die 90 Meter gerne geknackt. „Das hätte ich den Schönebeckern gegönnt“, sagte er. „Aber wir sind eben keine Maschinen, sondern Sportler.“ Die Erwartungen in der Öffentlichkeit sind immens groß geworden bei der Hetzjagd nach immer größeren Weiten. Dass diese in Schönebeck nicht erfüllt werden konnten, hatte aber auch seine nachvollziehbaren Gründe. „Man wird an den 90 Metern gemessen“, sagte der zweitplatzierte Röhler. „Aber es zählt nicht immer nur die Weite, sondern auch die Qualität und die Technik. Und die waren gegeben.“ Will heißen: Die Würfe waren ziemlich in Ordnung. Viel mehr war einfach nicht drin. Wegen des doch etwas zu kurzen Anlaufs. „Das ist pure Physik“, erklärte Röhler. „Da ist man vorne beim Abwurf einfach langsamer.“ Und die Athleten können ihre ganze Kraft und Power nicht in den Speer legen.

Meetingrekord fällt

Der Meetingrekord fiel trotzdem. Der stand bei 84,38 Meter aus dem Jahre 2010 von Ex-Weltmeister Matthias de Zordo. Dass sowohl Vetter als auch Röhler diesen relativ souverän knackten, sagte einiges über den Leistungsstand der beiden Ausnahmeathleten aus. Und das Schönebecker Publikum honorierte das. „Es war trotzdem ein schöner Wettkampf“, sagte Vetter. „Ich bin sehr gerne bei solchen kleinen Meetings. Das ist familiär, das macht Spaß.“

Röhler, der in den vergangenen Jahren schon oft zu Gast war beim Solecup, freute sich, dass der Speerwurf derart aufgewertet wurde. „Es war schön zu sehen, dass die Zuschauer alle hier waren. Es war eine geniale Stimmung.“ Kugelstoßen und Diskuswurf sind sonst die Highlights in Schönebeck, dort drängelten und drängeln sich die Zuschauer schon immer dicht an dicht. Aber auch im weiten Rund des Stadions nebenan herrschte diesmal Feierstimmung.

Für Vetter steht schon am Sonntag das nächste Meeting „in der Provinz“ an. Da tritt der Weltmeister beim Pfingtsportfest in Rehlingen an. Danach setzen sich sowohl Vetter als auch Röhler wieder in den Flieger. Am kommenden Freitag steht in Eugene im US-Bundesstaat Oregon das nächste Diamond-League-Meeting an. Mit wohl längerem Anlauf. Dann sind vielleicht auch wieder die 90 Meter drin. Und wenn nicht, ist auch alles gut. Beide Muskelprotze liegen perfekt auf Kurs für das große Ziel im August. Da steht die Heim-EM in Berlin an. Der Weg ist das Ziel. Kleine Durchhänger auf der langen Etappe sind durchaus erlaubt.