Schönebeck l Schnellen Schrittes marschiert Nadia Rohani die drei Meter hinüber zum Schrank, zieht die Schublade auf und ihr Leben in Form von dutzenden bunten Bildern aus dem Dunkeln ins Licht. Sie bringt Leben in den Raum und macht die Geschichte, die bisher nur verbal und über eine Dolmetscherin übermittelt werden konnte, anschaulich und begreiflich. Manchmal wirkt sie bestürzt, doch meist ist die Taekwondo-Sportlerin von der TGS „Wild Devils“ Schönebeck gefasst. Die schlimmen Geschichten erzählt sie fast nebenbei. Aber sie wirkt auch dankbar. Denn das Leben der Nadia Rohani ist keines, das sich in wenigen Sätzen zusammenfassen lässt. Sie will, dass man versteht, was dort im fernen Afghanistan los ist. Jenen Land, in dem sie geboren wurde. Das Land, das sie oft vermisst, aber politisch gesehen nicht das ihre ist. Nicht mehr.

Vor drei Jahren ist die heute 35-Jährige aus Kabul, der Hauptstadt des von vielen Unruhen durchgeschüttelten asiatischen Landes, geflüchtet. Im August 2014 hatte Rohani all ihre Ersparnisse zusammengekratzt, war mit dem Flugzeug von Kabul über Dubai nach Moskau geflogen, bevor sie mit einer kleinen Gruppe nach Deutschland geschleust wurde. 15 000 Dollar hatte sie dafür hingeblättert, um nach Schönebeck zu kommen. Dort, wo schon ihre Cousine lebte. Ihr altes Leben hat sie seitdem komplett hinter sich gelassen.

Doch warum das alles? Weil Nadia Rohani in ihrem Heimatland ihren Sport nicht so ausüben durfte, wie sie es gern getan hätte. Und nicht nur das. Es ging an ihr Leben, an das Leben ihrer Angehörigen. „Mein Leben war in Gefahr“, sagt sie heute. „Ich war nicht mehr sicher in Afghanistan.“

Bilder

Rückblende: Im Jahr 2005 hatte Rohani in ihrer Heimat mit dem Kampfsport Taekwondo angefangen. Schnell zeigte sich, dass Rohani Talent hat. Sie kämpfte sich schnell und präzise in immer mehr Auswahlen hinein. 2009 hatte sie es ins Nationalteam geschafft. Weil Taekwondo ihr allein aber nicht genügte, suchte sie sich noch einen zweiten Sport. 2010 fing sie mit Cricket an. Der Mannschaftssport ist in Pakistan und Afghanistan beliebt, vor allem bei Männern. Frauen blieb er aber vorenthalten. Rohani rebellierte in ihrem Sport und gründete die erste Cricket-Mannschaft für Frauen. „Drei Jahre habe ich dafür gekämpft“, erzählt Rohani.

Doch gerade in der islamischen Republik Afghanistan ist die Gleichstellung von Mann und Frau ferne Zukunft. So auch im Sport. „Männer in Afghanistan wollen nicht, dass Frauen Sport machen“, erklärt Rohani. Trotzdem engagierte sie sich. Aber mit ihren Frauen blieb sie auf sich allein gestellt. Finanzielle Unterstützung gab es nicht. Die Spielerinnen sollte sie selbst von zu Hause abholen. Trotzdem erspielte sie sich im patriarchalischen Afghanistan auch Partien im Ausland. Der erste Ländervergleich war jener zwischen Afghanistan und Tadschikistan. Renndress statt Burka. Das schnelle Schlagballspiel hatte es Rohani angetan. Jener Frau, die immer wie ein Junge gekleidet war, kurze Haare trug, lange Kleider und schicke Schuhe nie gern mochte und sowieso nicht so religiös war. Und deswegen auffiel.

Bedrohungen nach Demos

Irgendwie war das auch ein politisches Statement. Rohani ging dafür sogar auf die Straße. Sie demonstrierte für das Recht auf freie Ausübung ihres Sports. Doch die Anfeindungen in aller Öffentlichkeit blieben nicht aus. „Wenn ihr so weitermacht, dann seid ihr bald tot“, wurde ihr zugerufen. „Wir wurden alle einzeln bedroht“, sagt Rohani. Sie hatte Angst. Cricket spielt heute keine der Frauen mehr. Einige flüchteten nach Indien, andere zogen sich bis heute ins Private zurück und beugten sich dem Druck.

Wo es beim Cricket nur bei verbalen Bedrohungen blieb, erlebte sie aber im Taekwondo direkte Auswirkungen auf Leib und Leben. Ein Trainer wurde mit einem Messer angegriffen, vier Taekwondo-Sportler erschossen. Der Prozess läuft. Wer das genau war? Das ist unklar. Es sind zwei verschiedene politisch unterstützte Taekwondo-Gruppen,die sich gegenseitig permanent in die Quere kommen. Nicht nur mit Worten, auch mit Gewalt.

Und beim Taekwondo wurde auch permanent politisch dazwischengefunkt. Nur wer politisch konform handelte, hatte wohl auch eine Chance, zu großen Meisterschaften zu fahren. So gewann Nadia Rohani zum Beispiel dreimal bei regionalen Meisterschaften, hatte sich qualifiziert für Wettkämpfe in Thailand. Aber dorthin reisen durfte sie nie. „Die Ausrede war, dass mit dem Pass etwas nicht stimmte. Das war nichts für mich.“ Rohani, die sich gern für Frauen einsetzte und ihnen helfen will, fand das alles nicht gerecht.

Doch spätestens mit den Bedrohungen bei der Demo war eine Rote Linie überschritten. „Ich konnte nicht mehr vor die Tür gehen. Drei Monate lang. Da habe ich Depressionen bekommen. Ich konnte nicht mehr weiter“, sagt Rohani. Sie wusste auch nicht mehr weiter ohne ihren Sport. Auch ihre Familie war in Gefahr. „Meine Mama hat gesagt: Ich will, dass du wieder glücklich bist. Es ist besser, wenn du Afghanistan verlässt.“ Nadia Rohani musste gehen. Sie ging mit der Angst, dass es klappen muss mit der Flucht. Sie weiß nicht, was ihr geblüht hätte, wäre sie zurückgeschickt worden.

Andere Mentalität

Die 35-Jährige vermisst Afghanistan. Sie liebt die Kultur und das Land. „Ich hatte dort viele Freunde und viel Spaß.“ Nachts um die Häuser ziehen, das Leben genießen. Nadia Rohani war kein Kind von Traurigkeit. Und sie vermisst auch die offene, freundliche Art der Mitmenschen. Die Mentalität. An die zurückhaltende Kultur in Deutschland musste sie sich erst gewöhnen. Immerhin: Hier ist sie sicher. Das schätzt sie sehr. Und ihren geliebten Taekwondo-Sport kann sie auch ausüben. Freilich nicht auf dem Niveau wie in Afghanistan, aber das gibt ihr Halt. Dreimal die Woche trainiert sie, fährt regelmäßig zu Wettkämpfen, dazu arbeitet sie momentan als Maurerin. Obwohl sie in Kabul studiert hat und dort Nachhilfe-Lehrerin war.

Bei der Taekwondo-Gemeinschaft in Schönebeck bei den „Wild Devils“ hat sie ein Zuhause gefunden. Dort wird ihr geholfen. Und ihr Deutsch ist mittlerweise so passabel, dass sie im Gespräch mit der Volksstimme auch immer wieder gleich die Fragen auf Deutsch beantwortet ohne die dazwischengekoppelte Übersetzung in der Sprache Dari abzuwarten. Wie sie Martin Goldschmidt zum Beispiel, den Schönebecker Trainer, so findet? Sie lächelt. „Er ist ein sehr netter Mann“, sagt sie auf Deutsch. Sie fühlt sich integriert und wohl. Ihre Aufenthaltserlaubnis gilt bis 2019. Dann kann neu verhandelt werden, je nachdem, wie die politischen Zustände in ihrem Heimatland dann sind. „Ich will irgendwann unbedingt zurück“, sagt sie. Derzeit ist das aber unmöglich. „Im Moment sind die Bedingungen sogar noch schlimmer als damals.“

Bis dahin macht sie das Beste aus ihrer Zeit in Deutschland. Einmal die Woche telefoniert sie mit ihrer Mama. Derzeit überlegt sie, wie sie von ihrem wenigen Geld einen weiteren Deutsch-Kurs besuchen kann. Das Zertifikat B 1, vom Jobcenter finanziert, hat sie in der Tasche. Sie will aber mehr. Sie strebt B 2 an.

Und dazu hat sie ihren Sport. Neben dem Taekwondo geht Rohani auch Laufen, fährt Rad oder geht ins Fitnessstudio. Der Sport ist ihr Ventil. So ist es schon immer gewesen. Wie sie Schönebeck so findet? „Ja, es ist ganz schön hier“, sagt sie. Sie lächelt wieder. Kabul hat 3,9 Millionen Einwohner, Schönebeck etwas mehr als 30 000. Die quirlige Geschäftigkeit der Großstadt hat die Elbestadt freilich nicht. Aber sie ist frei und sicher. Das zählt.