Keine Mannschaft spielt schöner, kein Team effektiver. Borussia Dortmund wird mehr und mehr als Titelaspirant Nummer eins in der Fußball-Bundesliga gehandelt. Selbst die Ersatzbank ist mittlerweile einer Spitzenmannschaft würdig. Doch das Wort Meisterschaft bleibt in Dortmund tabu. Grabesstimmung herrscht dagegen bei Werder Bremen.

Dortmund/Bremen (dpa). Die meisten Tore, die wenigsten Gegentreffer, die größte Laufleistung, das gefährlichste Mittelfeld und eine verblüffende Punkteausbeute – Borussia Dortmund wird mehr und mehr zur Mannschaft der Superlative. Der Highspeed-Fußball in Schwarz-Gelb ist nicht nur schön, sondern auch effektiv. Dennoch meidet Hans-Joachim Watzke das Wort Meisterschaft. Dem berauschenden Auftritt des Teams beim 4:0 in Hannover folgte der nüchterne Kommentar des Geschäftsführers: "Wir sind bodenständige Westfalen. Wir träumen nicht und tun gut daran, unseren Weg knochentrocken weiterzugehen."

Auf sage und schreibe zwölf Punkte ist der Vorsprung der Borussia auf den bisherigen Topfavoriten FC Bayern München bereits angewachsen. Und selbst der Dritte aus Leverkusen liegt bereits sieben Zähler hinter dem Tabellenführer. Nicht nur Mirko Slomka attestiert dem Revierclub Meisterreife. "Dieser BVB ist einer Spitzenmannschaft in jedem nur denkbaren Teilbereich absolut würdig", befand der Trainer von Hannover 96.

Anders als in früheren Jahren ist der Erfolg nicht das Ergebnis einer verschwenderischen Geldpolitik, sondern eines aus der Finanznot geborenen Modellversuchs. Neuerdings werden Werte nicht vernichtet, sondern erschaffen. Mit jedem Spiel wächst der Marktwert solch hochbegabter Jungprofis wie Nuri Sahin, Shinji Kagawa oder Mario Götze, die mit erstaunlicher Souveränität und großer Spielfreude zu Werke gehen. "Bei uns haben alle totalen Bock aufs Kicken", kommentierte Manndecker Mats Hummels.

Vermeintliche Gesetzmäßigkeiten des Fußballs setzten "die Unglaublichen" Woche für Woche en passant außer Kraft. Fast scheint es, als vergeude die Borussia im Europapokal keine Kraft, sondern schöpfe neue. Nur vier Tage nach dem eigentlich demoralisierenden 0:0 von Paris wirkte das Team in Hannover frisch und inspiriert. Auf die ständig wiederkehrende Frage, wie lange sein junges Team noch in der Lage sei, einen solch immens hohen physischen Aufwand zu betreiben, reagiert Klopp mittlerweile allergisch: "Nichts deutet auf einen Kräfteverschleiß meiner Spieler hin, der über eine normale Müdigkeit hinausgehen würde." Seit der Fußball-Lehrer im Sommer 2008 die Regie übernahm, geht es mit der Borussia kontinuierlich nach oben.

In die entgegengesetzte Richtung marschiert Werder Bremen. Als die Spieler am Tag nach dem 0:6 (0:3) von Stuttgart auslaufen wollten, kamen sie nicht auf ihren Trainingsplatz. Das Gelände war noch abgeschlossen. Nach vier Pleiten in nur 13 Tagen und der höchsten Niederlage seit 1987 passte die technische Panne gut zur aktuellen Krise: So wenig lief bei Werder schon seit Jahren nicht mehr zusammen. Der Verein reagiert darauf allerdings so besonnen, wie man es von ihm kennt. Die Spieler bekamen noch gestern eine 75-minütige Standpauke. Trainer Thomas Schaaf und die generelle Strategie stehen aber nicht zur Diskussion.

Noch in Stuttgart hatten die Profis ihren Frust ungefiltert herausgelassen. Tim Wiese sprach von einer "Riesen-Blamage", Per Mertesacker sogar von einem "Tiefpunkt in der Geschichte" des Vereins. Aus dem DFB-Pokal sind die Bremer bereits ausgeschieden, in der Champions League stehen sie kurz davor und auch in der Bundesliga "können wir unsere Ziele nicht erreichen, wenn wir so spielen wie im Moment", meinte Geschäftsführer Klaus Allofs.

Thomas Schaaf musste sich erst einmal sammeln. "So etwas ist mir noch nicht passiert", sagte er nach dem größten Debakel seiner elfjährigen Amtszeit. "Wir waren wie ein Sparringspartner, gegen den man alles zeigen kann und der einem nicht wehtut." So unangetastet seine Position bei Werder auch ist: Ähnlich wie Jens Keller nach fünf Siegen in sieben Spielen so etwas wie das Gesicht des Stuttgarter Aufschwungs ist, ist Schaaf mittlerweile das Gesicht dieser Bremer Krise. Viele Probleme an der Weser sind hausgemacht wie sein Unmut an Fans und Medien für deren Kritik am unsicheren Neuzugang Mikael Silvestre, wie seine ständigen Änderungen bei Aufstellung und System oder wie seine unzureichenden Maßnahmen in Bezug auf die löchrige Abwehr.