Magdeburg l Eigentlich sollte der Sonnabend für Sportler und Trainer an der Bar des "Shalyapin Palace Hotel" in Kasan ausklingen. Das hätte Bernd Berkhahn sicher einiges gekostet. "Ich muss wohl ein paar Runden ausgeben", hatte der Trainer nämlich am Nachmittag lachend erklärt.

Aber seine Athleten Finnia Wunram, Rob Muffels und Florian Wellbrock vom SCM waren nach ihren Erfolgen einfach zu müde für einen Umtrunk. "Wir sind gleich ins Bett", meinte Wunram am gestrigen Sonntag. Aber das mit einem Lächeln: "Ich bin immer noch überglücklich." Die Bar des Teamhotels gehörte letztlich allein den Trainern des Deutschen Schwimmverbandes (DSV).

Medaillenziel bereits erfüllt

Und in dieser Runde ließ Berk-hahn sicher noch einmal Revue passieren, wie Wunram sich "optimal an die taktische Absprache gehalten hat". Wie Muffels "weltmeisterlich an den Bojen agierte", den Anschlag aber ein wenig verhauen hat. Wie Wellbrock, der 17-jährige WM-Debütant, sich ganz "konstant in der zweiten Reihe gehalten hat".

Und die Trainer werden dann angestoßen haben auf die Sensation im WM-Fluss Kasanka, auf Silber für Muffels, auf Bronze für Wunram, auf Platz fünf für Wellbrock jeweils über die fünf Kilometer. Damit haben zwei Magdeburger bereits das DSV-Medaillenziel im Freiwasser bei den Weltmeisterschaften in Kasan (Russland) erfüllt. Für beide war es das erste Edelmetall bei ihrer zweiten WM nach Barcelona 2013.

Muffels hatte sich noch auf dem Steg nach der Zielankunft als legitimer Nachfolger von Robert Harting, dem Berliner Diskus-Hünen, etabliert. Er packte seinen Anzug auf Brusthöhe und zeriss das Textil bis zur Gürtellinie im dritten Versuch. Bislang war das Harting vorbehalten nach WM- und Olympiasiegen - bis seine Oma ihm das verboten hat. Muffels konnte es niemand verbieten, er tat es eigentlich in der Gewissheit, soeben sein erstes Gold bei einer WM geholt zu haben.

Das hätte ihm selbst Thomas Lurz, der inzwischen zurückgetretene Rekordweltmeister (12 Titel), zugetraut. "Er hat Stefan (Lurz/Freiwasser-Bundestrainer/d. Red.) geschrieben, dass ich der Schnellste im Feld bin und eigentlich gewinnen muss", berichtete Muffels. Aber nach Auswertung des Zielfotos stellte sich heraus: Muffels war einen Moment später mit der Hand am Brett als der zeitgleiche Südafrikaner Chad Ho (55:17,6 Minuten). "Deshalb bin ich zu 99,9 Prozent glücklich."

Natürlich hat sich der EM-Zweite von 2014 geärgert über den Anschlag, weil er wie bei seinem zweiten Platz bei den deutschen Meisterschaften am Bodensee im Juni wieder den langen Weg über den linken statt den kurzen über den rechten Arm gewählt hatte. "Dabei hatten wir das intensiv geübt", meinte Berkhahn seufzend, aber frei von Vorwürfen.

Ärgerlich war es außerdem, weil Muffels sich nach einer eher schlechten zweiten langen Bahn im Viereck der Kasanka, als er zu weit nach innen abgedriftet und mehr Meter als die gesamte Konkurrenz geschwommen war, an die Spitze zurückgekämpft hatte. Trotzdem: "Silber ist super", so Muffels, der nach seinem Triumph nicht einschlafen konnte: "Mir taten die Beine noch so weh", berichtete er gestern Mittag. "Heute machen wir einen entspannten Tag und genießen unseren Erfolg." Dann steht am Donnerstag für ihn das Teamrennen über fünf Kilometer an: "Als Titelverteidiger ist natürlich auch eine Medaille das Ziel", sagte Muffels, der mit Christian Reichert und Isabelle Härle startet. Und er ist sich sicher: "Danach wird gefeiert."

Während Muffels am Sonnabend über Silber jubelte, fragte Wellbrock bei seinem Trainer erst mal nach, welchen Platz er überhaupt belegt hätte. Sechs Zehntelsekunden fehlten dem Youngster zu Bronze, drei Sekunden waren es zum Sieger. "Das ist der Hammer", meinte Wellbrock. Sein Rennen fand Berkhahn "wirklich genial".

Freudentränen des Tages

Zwei Stunden vor dem Start der SCM-Männer lagen sie sich noch mit Wunram in den Armen. Die 19-Jährige hatte mit dem Bronze-Gewinn für die größte Überraschung gesorgt. Sie weinte danach hemmungslos die Freudentränen des Tages und fand alles "überwältigend". Entsprechend "wird die Medaille in meiner Wohnung sicher einen ganz besonderen Platz bekommen", kündigte sie an.

Mit 58:51,0 Minuten im Ziel fehlten der mutigen Wunram nur 2,6 Sekunden auf die Siegerin Haley Anderson (USA). Zweite wurde die Griechin Kalliopi Araouzou, die auf den letzten 100 Metern plötzlich zum Spitzentrio mit der führenden Sharon van Rouwendaal (Niederlande) vorgedrungen war. Van Rouwendaal, Europameisterin über zehn Kilometer, fiel auf Platz vier zurück. "Sie hatte gestanden", sagte Berkhahn. Das hatte Wunram nicht. "Unglaublich, wie sie das hohe Tempo mitgehen konnte", lobte der Coach. "Ich konnte kaum glauben, dass ich Dritte bin, nachdem ich die Holländerin überholt hatte", berichtete Wunram.

Die WM ist auch für sie nicht vorbei: "Ich starte noch über die 25 Kilometer." Sie bilden am 1. August den Abschluss der Freiwasser-Wettbewerbe. Wunrams Ziel: "Durchschwimmen, denn das habe ich noch nie geschafft." In Kasan ist aber offenbar alles möglich. Und die Bar im "Shalyapin Palace Hotel" hat auch am kommenden Samstagabend geöffnet.

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