Abu Dhabi (dpa). Vor der Kulisse aus 1001 Nacht will Sebastian Vettel sein Titelmärchen wahr machen. Im Finale einer irren Saison könnte sich der 23 Jahre alte Deutsche am Sonntag in Abu Dhabi doch noch zum jüngsten Formel-1-Weltmeister der Geschichte krönen – oder als edler Ritter den Königsmacher für seinen Red-Bull-Teamkollegen Mark Webber spielen. "Alles ist möglich. Ihr werdet schon sehen", meinte Vettel und heizte die Rechenspiele im dramatischen WM- Vierkampf nach seinem brillanten Sieg in Brasilien weiter an.

Der Weg auf den Formel-1-Thron aber führt nur über Ferrari-Fahrer Fernando Alonso. Der abgezockte Spanier hat als Spitzenreiter vor dem 19. und letzten Rennen (Start: 14.00 Uhr MEZ/RTL und Sky) 246 Punkte und kann daher schon mit einem zweiten Platz auf dem Yas Marina Circuit Champion werden. Webber liegt acht Zähler zurück, Vettel 15. McLaren-Pilot Lewis Hamilton muss bei 24 Punkten auf "ein Wunder" hoffen, wie er selbst bekannte. "Das wird eine Woche voller Leidenschaft", versicherte Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo.Vettel war vor seiner Reise ins Emirat bemüht, sich der Debatte um die verschiedenen Titel-Szenarien zu entziehen. "Mein Motto ist: Sich keine großen Gedanken machen, schon gar nicht rechnen, sondern nur fahren", erklärte der Hesse, der im vergangenen Jahr die Premiere in Abu Dhabi gewann. Noch nie hat er in seiner Karriere die WM angeführt. Holt er in Abu Dhabi seinen fünften Saisonsieg und Alonso wird höchstens Fünfter, ist der Heppenheimer am Ziel.

Womöglich muss Vettel am Ende doch die schwere Rolle als Edelhelfer beim WM-Triumph des Stallrivalen Webber spielen. Wiederholt sich der Rennverlauf von Brasilien mit Vettel auf Rang eins, Webber dahinter und Alonso auf Platz drei, würde der Deutsche wohl anders als in Sao Paulo kurz vor Schluss seinen Teamgefährten vorbeiwinken. Vettel hätte ohnehin keine Chance mehr auf den Titel, Webber wäre als Grand-Prix-Sieger hingegen Weltmeister. "Das ist etwas, über das wir nachdenken würden", bekannte Vettel. "Es hängt davon ab, wie es in der letzten Runde aussieht", meinte Webber.

Anders als bei der heftig kritisierten Ferrari-Teamorder von Hockenheim, als Felipe Massa auf Anweisung aus der Box für Alonso Platz machen musste, liegt die Entscheidung bei Red Bull aber wohl allein bei den Fahrern. "Was Ferrari gemacht hat, machen wir sicher nicht", beteuerte Red-Bull-Besitzer Dietrich Mateschitz. Teamchef Christian Horner betonte: "Ich bin sicher, die Fahrer werden genau das machen, was notwendig ist, um das beste Resultat für das Team zu sichern."

Macht Vettel seinen Kollegen zum Formel-1-König, wäre auch ihm Verehrung gewiss. Doch der Heißsporn hat selbst Lust auf Attacken. Nach einer Achterbahn-Saison mit beeindruckenden Siegen, bitteren Pannen und unnötigen Patzern hofft er auf viel Glück – und Pech bei Alonso. "Über Rauch aus dem Ferrari würde ich mich nicht beschweren", sagte Vettel vor den letzten 305,355 Kilometern der Saison: "Jetzt kommt die große Show." Die Wüste bebt.