Seehausen l Wissen Sie denn schon, was Sie am frühen Nachmittag des 13. August 2016 machen? Die Leichtathletik-Fans aus Seehausen und Umgebung, allen voran Trainer Klaus-Peter Rennau und Sportlehrer Michael Kraft, hätten sofort eine Antwort parat: Public Viewing im Feuerwehrgerätehaus des 2000-Seelen-Ortes.

Zu dem Zeitpunkt laufen nämlich die Olympischen Sommerspiele in Rio, und am besagten Tag steht das Finale der Diskuswerfer an – dann hoffentlich mit dem Aushängeschild des Vereins: Martin Wierig. Und wie vor vier Jahren, als Ortschef Eckhard Jockisch dem Diskus-Ass zu Ehren zum gemeinsamen Zuschauen und Daumendrücken eingeladen hatte, soll das Treffen der Fangemeinde Glück bringen.

Bei seiner Olympia-Premiere in London hatte das bestens funktioniert: Wierig war ins Finale eingezogen und sorgte am Ende mit einer Weite von 65,85 Metern und einem hervorragenden sechsten Platz für Partystimmung beim Public Viewing. Gegen ein Revival 2016 hätte sicher niemand etwas einzuwenden.

Verpflichtung für Wierig

Der Wahl-Magdeburger Wierig, mit 28 Jahren im besten Diskuswerfer-Alter, betrachtet den Zusammenhalt und das Mitfiebern seiner Fangemeinde mit großem Stolz. Aber auch als Verpflichtung: „Die Seehauser stehen immer hinter mir. Viele schauen sogar bei Wettkämpfen vorbei, drücken vor Ort die Daumen. Zum Beispiel beim Werfertag in Halle oder beim Solecup in Schönebeck. Und natürlich versuche ich immer alles, um sie nicht zu enttäuschen.“ Umso mehr tue es ihm leid, dass es die letzten zwei Jahre nicht allzu viele Gründe zum Jubeln gab. Die EM 2014 in Zürich und die WM im vergangenen Sommer in Peking liefen trotz Daumendrückens von Rennau & Co. „voll gegen den Baum. So gesehen kann es 2016 nur noch besser werden“, hofft „Wieri“ auf ein Happy End.

Dass die Verbindung zum Heimatverein in guten wie in schlechten Zeiten nie gekappt wurde, liegt zuallererst daran, dass Seehausen noch immer Lebensmittelpunkt von Papa Hans-Jürgen ist. Automatisch zieht es den Sohn also immer wieder ins Elternhaus zurück. Dass er oftmals auch dort vorbeischaut, wo die sportlichen Wurzeln zu finden sind, hat indes mit den „schönsten Kindheitserinnerungen“ zu tun. „Meine Eltern wussten immer, wo ich bin: Nämlich dort, wo auch alle meine Freunde waren, auf dem Sportplatz.“ Der sei quasi sein zweites Zuhause gewesen. „Ich habe alles gemacht, was möglich war. Montags ging es zur Leichtathletik, dienstags zum Tischtennis, mittwochs zum Fußball, donnerstags wieder zur Leichtathletik, freitags zum Fußball, und an den Wochenenden fanden Punktspiele oder Wettkämpfe statt“, kennt der „Hansdampf in allen Abteilungen“ seinen Wochenplan noch aus dem Effeff.

Sein damaliger Leichtathletik-Trainer Klaus-Peter Rennau legte großen Wert auf eine vielseitige Grundausbildung. Und so war Wierig, auch ein begnadeter Fußballer, oft derjenige, „der mit den meisten Medaillen nach Hause kam. Das war cool und das Training hat gefetzt“. Und er zeigte in fast allen Disziplinen Talent. Nur nicht fürs Speerwerfen, erinnert sich der Rentner mit einem Augenzwinkern daran, dass sich sein Schützling beim Abwurf „das Ding volle Kanne gegen den Kopf geknallt hat“.

„Alle haben gefeiert“

Anfangs war der Hürdensprint Wierigs Steckenpferd. Für diese Disziplin wurde er in der 7.  Klasse von Rennau „zum Club und ans Sportgymnasium in Magdeburg delegiert“. Erst ein Jahr später nahm ihn Wurftrainer und „Ziehvater“ Armin Lemme unter seine Fittiche: „Armin hatte schon beim Aufnahmetest ein Auge auf mich geworfen und gefragt, wie groß meine Eltern sind ...“

Von seinem letzten großen Auftritt in den rot-weißen Farben des SV Seehausen/Börde schwärmen indes einige Kumpels von damals noch heute: „Ich war längst beim SCM Mitglied, ich denke mal so 15, 16 Jahre alt, da hatte ich immer noch den Spielerpass des SV. Die Seehauser Jungs standen in der Endrunde der Hallen-Landesmeisterschaften und fragten mich, ob ich mitspiele.“ In einem Spiel standen Wierig & Co., am Ende sogar Dritter, auch dem großen FCM gegenüber. „Da waren einige Kicker aus meiner Klasse dabei. Der FCM kassierte im ganzen Turnier nur ein Gegentor – und das war ausgerechnet von mir. Mann, war das geil. Alle haben gefeiert.“