Magdeburg l Kurzer Handschlag mit seinem Trainer Bernd Berk- hahn, anschließende Besprechung des Tagesprogramms: Der Montag nach den nationalen Titelkämpfen war ein Tag wie jeder andere im Leben des Schwimmers Marius Zobel. Auch Zobel selbst ist nach seinem überraschenden Goldgewinn in Berlin über die 200 Meter Freistil nicht in die Welt der Träume umgezogen, sondern hat in der Elbehalle sein obligatorisch nüchternes Interview mit dem ebenso obligatorisch verschmitzten Lächeln gegeben.

Von der großen Euphorie, die er in den Tagen zuvor im Überschuss produziert hatte, fehlte inzwischen jede Spur. Vielleicht auch deshalb: „Ich denke, dass ich in Glasgow noch schneller schwimmen kann“, erklärte er mit Blick auf die Europameisterschaften in Schottland (3. bis 12. August). Coach Berkhahn bestätigte: „Er hat noch nicht die richtige Frische. Wir werden bei der EM noch eine Leistungssteigerung von ihm sehen.“

Dass dem 18-Jährigen vom SC Magdeburg im Europa-Sportpark in Berlin am vergangenen Sonnabend der große Coup gelungen ist, merkte er nicht nur beim Zielanschlag. Kaum hatte er das Becken verlassen, „wurde mir eine Kamera ins Gesicht gehalten. Das fand ich nicht schlimm“, meinte Zobel zwar, „aber ich wäre lieber in Ruhe etwas runtergekommen, hätte dreimal durchgeatmet, dann wäre alles ein bisschen entspannter für mich gewesen.“ Gegen ein Dejá-vù dieser Szene hätte er trotzdem nichts einzuwenden. „Das kann ich mir auch öfter vorstellen“, erklärte der 2,05-Meter-Hüne.

So also hat Marius Zobel seinen ersten Meistertitel in der Elite erlebt. Nach einem Rennen, in dem „ich auf der dritten Bahn gemerkt habe, dass ich mich absetzen konnte. Aber auf den letzten Metern war es nur noch stehen, durch- und ankommen.“ Und letztlich der Sieg in einer neuen persönlichen Bestzeit von 1:47,92 Minuten. Sofort gejubelt hat Zobel darüber nicht. Er verpasste nämlich den deutschen Altersklassenrekord für 19-Jährige, aufgestellt vom Offenbacher Michael Groß am 22. Juli 1982 in Rom (Italien), um fünf Hundertstelsekunden. „Das hat mich tatsächlich ein bisschen geärgert, aber nur im ersten Moment“, sagte Zobel lächelnd.

Rekord über 400 Meter

Die Grundlage für diesen Erfolg hat Zobel in der Höhe der Sierra Nevada (Spanien) gelegt. Drei Wochen lang hat er dort „sehr, sehr gut trainiert, er ist jeden Meter kontrolliert geschwommen“, resümierte Berkhahn. Im Gegensatz zum ersten Aufenthalt im Februar und März, damals war das Trainingslager „eine Katas- trophe, Marius hatten Qualität, Konsequenz und Technik gefehlt“, erinnerte sich der Coach.

Alles zusammen hat er rechtzeitig vor der EM gefunden, das bestätigt nicht nur der Gewinn der Goldmedaille, die in seinem häuslichen Jugendzimmer nun ihren Platz zwischen anderen Edelmetallen aus der Vergangenheit gefunden hat.

Zobel hatte bereits zum Auftakt der Meisterschaften am vergangenen Donnerstag mit 3:49,03 Minuten über 400 Meter Freistil seine alte Bestmarke um fünf Sekunden gesteigert, den zwei Jahre alten Altersklassenrekord von Henning Mühlleitner (SV Schwäbisch Gmünd) um 1,2 Sekunden verbessert und dazu Silber gewonnen. „Das war ein bombastisches Rennen von ihm“, lobte Berkhahn.

Und das soll es auch am 5. August zunächst im Vorlauf der 4 x 200-Meter-Staffel in Glasgow werden. Wenn Zobel mit seiner Einzelzeit in jenem Wettbewerb einen Teamgefährten hinter sich lässt, dürfte er auch im Finale am Abend starten, sollte sich die Staffel dafür qualifizieren. Für den Endlauf gesetzt ist nur Damian Wierling (Essen), der derzeit beste deutsche Sprinter.

Wie Zobel seine Chancen sieht? „Ich denke, das wird die Tagesform entscheiden“, erklärte er nüchtern, verabschiedete sich und sprang zum Training ins Becken der Elbehalle. Wie an jedem anderen Tag.