Glasgow/Magdeburg l Zwei Stunden vor dem Start beginnt die Anspannung. „Dann fängt es an zu kribbeln“, sagte Florian Wellbrock. Er packt die Tasche, er verlässt das Marriott Hotel in Glasgow, in dem die Athleten des Deutschen Schwimmverbandes (DSV) während der Europameisterschaft untergebracht sind. Mit dem Shuttle geht es von der Argyle Street zur Wellshot Road, 20 Minuten dauert die Fahrt. Dort steht die Halle seines ersten großen Triumphes, das Tollcross International Swimming Centre.

Diese Route ist Wellbrock oft gefahren in den vergangenen Tagen, zweimal zum Finale. Immer mit Musik auf den Ohren. Derzeit hört Wellbrock „500 PS“ von Bonez MC & RAF Camora. „Das ist kein besonders tiefgründiger Song“, sagte er lächelnd. Aber der Rhythmus passt, der Rhythmus pusht.

Am vergangenen Sonntag pushte er sich damit zum Titel über 1500 Meter Freistil, den er in der deutschen Rekordzeit von 14:36,15 Minuten gewann – der viertschnellsten, die ein Athlet in der Historie dieses Wettbewerbs erzielte. Es war seine erste Medaille bei einem internationalen Großevent.

Am Mittwoch pushte er sich damit ins Finale über 800 Meter, in dem er in deutscher Rekordzeit von 7:45,60 Minuten Bronze hinter dem Ukrainer Michailo Romantschuk (7:42,98) und Gregorio Paltrinieri (Italien/7:45,12) gewann. „Ich bin sehr, sehr zufrieden“, sagte Wellbrock: „Das Rennen war von Beginn an ziemlich schnell. Aber wenn man um Medaillen mitschwimmen will, muss man vorne mitgehen.“

"Unser Erfolg"

Sonntag wie Mittwoch: Der 1,92-Meter-Hüne vom SCM zeigte bei den Titelkämpfen die ganze Reife, die seit seinem Wechsel im Sommer 2014 aus Bremen in ihm gewachsen ist. „Ich bin in Magdeburg selbstbewusster, strukturierter, einfach erwachsen geworden.“ Und das in der Obhut von Coach Bernd Berkhahn, der auch mal „übertrieben hart trainieren“ lässt, sagte Wellbrock nach seinem Triumph über die längste Beckendistanz lächelnd. „Aber das hat sich ausgezahlt.“ Deshalb bezeichnet er den Titel als „unseren Erfolg“.

Sein Weg zum Triumph war kein Weg ohne Hindernisse. 2016 bei den Olympischen Spielen belegte er nur Rang 32 über die 1500 Meter. Danach ging er zur Psychologin, erhoffte sich dort mentale Hilfe. Aber Wellbrock war schon damals und ist noch heute von dieser Hilfe nicht überzeugt. „Ich habe mein eigenes Mittel gefunden“, berichtete er – ohne ins Detail zu gehen.

2017 bei der WM in Budapest (Ungarn) belegte er Platz 17 –kein Ergebnis, das ihn glücklich stimmte. Über 800 Meter wurde er Siebter. Danach ließ er sich ein Tattoo auf die linke Brust stechen: „Genieß dein Leben ständig, du bist länger tot als lebendig.“ Eine Zeile aus dem Lied „Fühl dich frei“ des Rappers Sido.

Alles hinterfragt

Wellbrock blickt weit über den Tellerrand seines Sports hinaus. Weiter, als jeder andere in seinem Alter. Er hinterfragt sein Leben, sein Glück. Nicht pessimistisch, sondern so nüchtern, wie er selbst nach seinem größten Triumph ein Rennen analysiert. Im vergangenen Winter hat er also „alles infrage gestellt“, berichtete Wellbrock: „Lohnt es sich weiterzumachen?“ Würde ein EM-Titel ihn erfüllen, würde er mit solch einem Erfolg zufrieden aus dem Leben treten, irgendwann in 60 Jahren? Und: „Was könnte ich dann überhaupt machen?“

Der Auszubildende zum Immobilienkaufmann las dazu ein Buch des Immobilien-Gurus Alex Fischer. „Reicher als die Geißens“ heißt es. Reicher als jene Familie, die im Privatfernsehen ihr Leben vermarktet und verkauft. Man erwartet ein Buch über Häuser, man erhält eines über Lebensphilosophien. Zwei Wochen dauerte sein Gedankenspiel, welches das Schwimmen für sich entschied. „Mir fehlt es an nichts“, stellte Wellbrock fest. Nicht privat, nicht sportlich, erst recht nicht an Zielen.

Die nächsten rücken immer näher: WM 2019 in Gwangju (Südkorea), Olympische Spiele 2020 in Tokio (Japan). Immer das Finale, immer der Medaillenkampf. Und dann auch im Freiwasser über die zehn Kilometer. Nach Glasgow kann er jedenfalls sagen, wogegen er sich in den vergangenen Monaten noch ein wenig gesträubt hat: „Jetzt bin ich in der Weltspitze angekommen.“