Magdeburg l Die SES-Boxer wollen erst am Sonnabend richtig zuschlagen – aber ihr Promoter musste gestern schon zum Zahnarzt. Aber die Fans müssen sich keine Sorgen machen. Ulf Steinforth hat nicht beim Sparring ausgeholfen, sondern unterzog sich nur einer schon länger geplanten Zahn-OP. Am Sonnabend wird er auf der Seebühne natürlich am Ring sitzen.

Dort wird aber vieles anders sein als bei den Veranstaltungen in der Vor-Corona-Zeit. Die wenigen Zuschauer, genau 550 an der Zahl, dürfen keinerlei Kontakt zu den Aktiven haben. Und wer keinen Nachweis einer negativen Testung hat, muss einen Mund-Nasen-Schutz tragen.

Seebühne wird zur Box-Arena

Schwergewichtler Agit Kabayel sind diese Rahmenbedingungen völlig egal. „Die Seebühne ist natürlich ein attraktiver Veranstaltungsort. Und dass jetzt auch einige meiner Freunde dabei sein dürfen, freut mich auch. Aber ich stand so lange nicht im Ring. Da hätte ich auch irgendwo im Keller geboxt“, erklärt Agit Kabayel, der auch sofort seine genaue Kampfpause nachschiebt: „Es sind genau 504 Tage, die ich ohne Wettkampf bin. Da kann sich bestimmt jeder vorstellen, wie heiß ich auf diesen Kampf bin.“

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Gegen den Griechen Evgenios Lazaridis geht es um den Continental-Titel der WBA. Kabayel: „Ich will eines Tages Weltmeister sein. Und dafür ist dieses Duell ein weiterer Schritt.“ Gegen einen Gegner, den er bestens kennt. Lazaridis war nämlich für den im Januar vorgesehenen, aber dann aufgrund von Visum-Problemen abgesagten Kampf in den USA einer der Sparringspartner von Kabayel. Dessen Trainer Sükrü Aksu warnt deshalb: „Ein großer Mann, der auch richtig zuhauen kann. Während für Agit der Sieg ganz klar ein Muss ist, hat der Grieche nichts zu verlieren. Das macht den Kampf so gefährlich. Und jeder weiß, dass im Schwergewicht ein Schlag entscheidend sein kann. Auch wenn du vorher zehn Runden dominiert hast.“

Für Kabayel geht es ums Prestige

Wenn es möglich gewesen wäre, hätte Aksu lieber gegen Mariusz Wach geboxt. Dieses Duell war ja für den 28. März geplant, musste aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt werden. So war der Kampf am 2. März 2019 im Magdeburger Maritim-Hotel der letzte große Auftritt des früheren Europameisters. Den EM-Gürtel hatte Kabayel aber freiwillig zurückgelegt, nachdem er einen Vertrag beim US-Sportsender ESPN unterschrieben hatte und künftig vorrangig in den USA boxen sollte.

Deshalb geht es für den 27-Jährigen am Sonnabend wohl auch weniger um den WBA-Gürtel, sondern vielmehr ums Prestige. Kabayel: „Ich will zeigen, dass ich noch da bin. Dafür habe ich hart trainiert.“ Weil durch die Corona-Beschränkungen kein richtiges Sparring möglich war und auch echte Kandidaten dafür schwer zu finden waren, ging es beim Pratzentraining richtig zur Sache. Aksu hat sich sogar in einen gepolsterten Anzug gezwängt, um einen Sparringpartner zu improvisieren. Aksu: „Er hat mich richtig gequält.“

Mit einigen Kilo zu viel in die Vorbereitung

Vor allem vom Kopf her war es für den gebürtigen Leverkusener nicht so einfach, sich erneut auf einen Kampf vorzubereiten. Kabayel: „Wenn du schon zweimal den Körper voll hochgefahren hast und dann alles umsonst war, weil die Kämpfe ausgefallen sind, ist das schon nicht so einfach.“ Die Anfangszeit der Corona-Pandemie kam erschwerend hinzu. „Es gab Tage, da war mein weitester Weg vom Bett zum Kühlschrank und zurück. In dieser Zeit habe ich dann auch ein paar Kilo zugelegt. Als ich damit dann wieder ins Training eingestiegen bin, musste ich schon an meine Grenzen gehen. Das war wirklich nicht einfach. Trotzdem habe ich auch mit den paar Kilos mehr einige meiner Werte verbessert“, erzählt Kabayel, der äußerlich einen topfiten Eindruck macht.

Auch sein Gegner ist voll des Lobes über ihn. „Er hat eine gute Ausdauer und ist ein starker Techniker. Ich gehe fest davon aus, dass es ein toller Kampf wird. Und ich will meine Chance unbedingt nutzen“, kündigt der 32-Jährige großen Tatendrang an. Mit Worten einlullen lässt sich Kabayel aber nicht. „Von diesem Lob kann ich mir nichts kaufen.“