Zerbst l Jeder Kabinengang der Kegler des SKV Rot Weiß Zerbst gleicht einer Zeitreise durch die Vereinsgeschichte. In dem bis auf Hüfthöhe holzgetäfelten Gang wird in roten Bilderrahmen von Zeitungsschnipseln über Fotos bis hin zu Urkunden alles aufbewahrt, was die Entwicklung des Vereins festhält. Die Sanierung der Kegelbahn, die Auszeichnungen als Mannschaft des Jahres in Sachsen-Anhalt und – besonders auffällig – 13 einzeln eingerahmte Urkunden für 13 gewonnene Meistertitel.

Lothar Müller, Präsident von Rot Weiß, stemmt seine Hände in die Hüften, zeigt mit dem Finger auf die Bilderreihe. „Ja, hier muss ich ein bisschen was umhängen. Da muss Platz gemacht werden, da muss die neue Urkunde hin.“ Von der Kegelbahn nebenan schallen Rufe herüber, das Spitzenspiel der Zerbster gegen die Chambtalkegler Raindorf aus Bayern ist noch in vollem Gange. Doch dem Gastgeber ist der nächste Bundesliga-Titel bereits sicher. Zum 14. Mal in Serie. Dafür reichten am Sonnabend bereits die zwei gewonnenen Auftaktspiele von Manuel Weiß und Mathias Weber.

Konkurrenz schläft nicht

„Eigentlich könnten wir die Sektkorken schon knallen lassen“, sagt Müller. Eigentlich. Doch in Zerbst wird nichts für selbstverständlich genommen. Schon gar nicht der 14. Titelerfolg. „Jede Meisterschaft ist anders. Der erste Gewinn war einfach super, dann kamen schwere Zeiten“, erinnert sich Müller an Jahre, in denen die Wirtschaftskrise unter anderem den Hauptsponsor wegbrechen ließ. Trotzdem hielt der sportliche Erfolg an. Und 2019? „Dieses Jahr waren wir nah dran, etwas nicht zu schaffen“, meint Müller.

Den Meistertitel verpassen – nicht nur für den 65-jährigen Müller wäre das ein herber Schlag. „Wenn du in Zerbst spielst, musst du dich rechtfertigen, wenn du Zweiter wirst“, erzählt Timo Hoffmann, Kapitän der Mannschaft, der seit 2005 in Zerbst kegelt und jeden Titelgewinn miterlebt hat. War nach dem Bundesliga-Aufstieg 2003 der erste Meistertitel Ansporn genug, so ist es mittlerweile längst die Fortsetzung der Serie. „Wir kriegen die Meisterschaft ja nicht geschenkt. Unsere Motivation ist, uns zu wehren.“ In dieser Saison meldete Staffelstein Meister-Ambitionen an, Zerbst wackelte. „Es gab Spiele, da haben wir nur wegen unseres Charakters gewonnen“, sagt Hoffmann.

Kein Geld, sondern "Ruhm und Ehre"

Manche würden vielleicht auch von einer Portion „Bayern-Dusel“ sprechen, werden die Zerbster Kegler doch sowieso ständig mit dem Rekordmeister aus der Fußball-Bundesliga verglichen. „Ob wir in dieser Saison Spiele verdient oder unverdient gewonnen haben – das ist mir gerade egal. Ich habe zu Beginn gesagt: Wenn wir dieses Jahr die deutsche Meisterschaft holen, dann kann ich den anderen Teams auch nicht helfen“, stellt Hoffmann klar.

Die Dominanz der Zerbster fußt laut den Spielern auf dem professionellen Umfeld. „Kegelt ihr – wir regeln den Rest“ – aufgrund dieser Herangehensweise könnten sie sich ganz aufs Sportliche konzentrieren. Es ist aber auch so: In Zerbst kegelt im Prinzip die deutsche Nationalmannschaft, inklusive Bundestrainer. Die Spieler werden gezielt aus dem In- und Ausland angelockt. Nicht mit Geld – „es geht um Ruhm und Ehre“, stellt Müller klar.

Mühsamer Weg aus Nische

Und nirgendwo sind Ruhm und Ehre mehr zu spüren als im kleinen VIP-Raum. Wimpel, Pokale, Teller und gravierte Kugeln reihen sich hier aneinander – die Regale sind nicht nur Beweis der nationalen, sondern auch der internationalen Erfolge. Dreimal hat Rot Weiß die Champions League gewonnen, achtmal den Weltpokal. Von hier aus blickt Wolfram Beck, Präsident des sachsen-anhaltischen Landesverbands Kegeln/Bowling, durch das Panoramafenster auf die Kegelbahn. „Der Weg hinaus aus der Nische, weg vom Bierkegeln-Vorurteil ist unheimlich schwer und lang“, sagt er.

All die Auszeichnungen und Preise ändern aber nichts daran: Kegeln ist eine Randsportart. Lothar Müller muss in Zerbst und in der Region um Sponsoren und Wertschätzung kämpfen. „Wir haben einfach nicht die Publicity“, sagt Müller und schüttelt den Kopf.

So wird es auch nach dem 14. Titelgewinn eine gute Portion Idealismus sein, die den SKV antreibt „Wenn wir den Erfolg nicht hätten, für was soll ich das dann machen?“, fragt Hoffmann. Eine Frage, die keiner Antwort bedarf.