Yeosu/Magdeburg l Florian Wellbrock wird sich, sollte er das Olympia-Ticket bei der Freiwasser-WM gelöst haben, vor lauter Freude keinen Koi-Karpfen kaufen. Dieser ominöse Fisch, eine kulinarische Köstlichkeit in Japan, kann ja durchaus ein Vermögen kosten. Aber zumindest hat der 21-Jährige vom SCM die Idee geäußert, sich nach dem Flügel unterhalb der rechten Schulter einen „Koi tätowieren zu lassen“. So hat er noch kurz sinniert vor der Abreise nach Kumamoto (Japan), wo sich die deutschen Schwimmer auf die Titelkämpfe in Yeosu und in Gwangju (Südkorea) zuletzt vorbereitet haben. Nur: „Einen Termin habe ich noch nicht.“

Macht nichts. Es gibt andere Dinge, die ihn ans große Ziel Tokio erinnern. Wie eine Fahne, die an der Wohnzimmertür in seiner Magdeburger Wohnung hängt. Auf der Tokio 2020 steht. „Daran laufe ich jeden Tag sechsmal vorbei“, sagt er lächelnd. Und trotzdem verschwendet er vor seinem ersten WM-Start über zehn Kilometer am kommenden Dienstag (1 Uhr/MESZ) im Ocean Park von Yeosu an die Sommerspiele keinen Gedanken. „Die sind noch ganz weit weg für mich, mein nächster Baustein ist die WM.“

Wellbrock kann Freiwasser

Ein Baustein mehr, mit dem seine Karriere Form annehmen kann. Eine Form, für die er mit dem Europameistertitel 2018 über 1500 Meter im Becken die Basis gelegt hat. Mit dem deutschen Rekord in 14:36,15 Minuten außerdem. Und nicht zuletzt mit fünf Siegen bei fünf Freiwasser-Wettbewerben über zehn Kilometer. Wie sehr Wellbrock Freiwasser kann, hat er zum ersten Mal bereits vor vier Jahren in Kasan (Russland) bewiesen, als der damals 17-Jährige Fünfter über fünf Kilometer wurde.

Und damals war er eine Überraschung, heute ist er eine Hoffnung. Auch für Heim- und Bundestrainer Bernd Berkhahn. Und nicht zuletzt ist Wellbrock ein Favorit, weniger über 800, vielmehr über 1500 Meter und zehn Kilometer, die er allesamt angehen wird. Mit einem Top-Ten-Platz in letzterem Rennen ist er in Tokio dabei.

Im Fokus der Öffentlichkeit

Was Wellbrock so unheimlich macht für Gegner, ist seine Cleverness. Und clever ist wohl auch, dass der nach wie vor unbedarfte Stratege sich zu Zielen nicht äußert. Der Fokus der Öffentlichkeit ist sowieso auf ihn gerichtet. „Meine Ziele sind an Platzierungen angelehnt“, sagt er nur, „und wenn ich diese erreiche, sind mir die Zeiten auch egal.“

Man kann mit Wellbrock gerne auf seine Vorgaben wetten. Er lächelt dann nur freundlich, er sagt dazu kein einziges Wort. Stattdessen rechnet er vor: „Vielleicht schwimme ich im Freiwasser auf Platz sechs, dann hätte ich das Olympia-Ticket in der Tasche und Energie für die Beckenwettbewerbe gespart.“ Aber dann wäre er gar nicht der Wellbrock, der immer gewinnen will und der kein Halten auf der Zielgeraden kennt.

Und deshalb muss man sich nicht sorgen: Denn Wellbrock mag seinen Körper vielleicht mit neuen Tattoos verändern, aber nicht die Einstellung zu seinem Sport.