Magdeburg l Die weibliche Stimme aus dem Navigationsgerät ist seinem Resümee ständig in die Quere gekommen. Sie sagte: „In 500 Metern bitte rechts abbiegen“, als Yul Oeltze während der elf Kilometer langen Rückfahrt mit dem Auto vom Szeged Olympic Center ins Mannschaftshotel Forras seinen Frust verbal abarbeitete. Dann sagte sie: „Bitte rechts abbiegen“ – und Oeltze fauchte die imaginäre Dame kurz an.

Platz vier bei einer Weltmeisterschaft. 4,62 Sekunden hinter dem Sieger. Das waren die nüchternen Zahlen, die Oeltze vom SCM und Peter Kretschmer aus Leipzig nach dem Finale im Canadier-Zweier über 1000 Meter am Sonnabend auf dem Ergebnisprotokoll lesen mussten. Und zu denen der Magdeburger resümierte: „Die Enttäuschung ist groß.“

Hummelts Hoffnung nicht erfüllt

Oeltzes Heimtrainer Detlef Hummelt nahm das Resultat indes am heimischen Computer zur Kenntnis. Er selbst konnte aufgrund einer Gallenblasen-Operation vor einigen Wochen die Reise nach Ungarn nicht antreten. „Nach dem Halbfinale war ich zuversichtlich, dass es zur Medaille reichen könnte“, berichtete Hummelt. Dieses hatten Oeltze und Kretschmer technisch sauber gewonnen. Aber die Final-Niederlage bereitete Hummelt hörbar einiges Kopfzerbrechen.

Und nicht nur, weil Liu Hao und Wang Hao völlig entspannt zum Sieg fuhren. Ein chinesisches Duo, das bei der WM vor einem Jahr in Portugal gar nicht aufzufinden war.

"Abnormale" Zeiten der Chinesen

Liu hatte im vergangenen Juni beim Weltcup in Duisburg mit einem anderen Partner Oeltze und Kretschmer die erste Niederlage nach zwei Jahren zugefügt. Aber bei der WM legten die Chinesen Zeiten vor, die Oeltze als „abnormal“ bezeichnete. Nicht im Finale, als sie mit 3:40,55 Minuten und bei Gegenwind siegten, aber im Halbfinale mit 3:24,08 Minuten. „Der Anspruch muss bleiben, 2020 eine Olympia-Medaille zu gewinnen“, sagte Hummelt. Um aber Gold zu holen, „müssen wir bis Tokio zehn Sekunden auf die Chinesen aufholen“, ist sich der 64-Jährige sicher.

Weder die Stärke noch die Fahrrinne der Chinesen haben für Oeltze und Kretschmer beim Kurs auf ihren dritten WM-Titel in Serie gepasst. „Sie sind extrem weit rechts in ihrer Bahn gefahren, dadurch haben wir ihre Welle bekommen, mussten kämpfen und sind von unserem Stil abgekommen“, berichtete der 25-Jährige. Und der Fluch dieser Welle verhinderte letztlich einen Endspurt.

Ein Abbild der Saison

Für Hummelt war das Finale dennoch auch ein Abbild der gesamten Saison, die für Oeltze und Kretschmer durchwachsen verlaufen war. Trotzdem gibt es auch eine gute Nachricht: „Wir haben den Quotenplatz für Olympia geholt, damit sind wir im Team“, betonte Oeltze. Wenngleich er mit Kretschmer zumindest einmal im nächsten Jahr einen Leistungsnachweis für Tokio erbringen muss.

Diesen Vorzug, den der Deutsche Kanuverband allen Athleten, die den Startplatz für Tokio sichern, gewährt, bedeutet aber nicht, dass es für Oeltze/Kretschmer ein ruhiges Jahr wird. „Nach dem Testwettkampf in Tokio (9. bis 16. September/d. Red.) werden wir reden und analysieren“, so Hummelt. Am 1. Oktober beginnt die Vorbereitung auf die Olympiasaison. Oeltze weiß: „Wir müssen einiges besser machen.“ Und was? „Ein Jahr lang explodieren.“