Vittel (dpa) l Nicht Marcel Kittel, nicht André Greipel – stattdessen dürfen die Gastgeber auf der von schlimmen Stürzen überschatteten vierten Etappe der 104. Tour de France erstmals jubeln. Der Franzose Arnaud Démare stahl den deutschen Sprintstars die Show und holte sich den Sieg. Im Mittelpunkt der 207,5 Kilometer langen Etappe standen allerdings zwei heftige Stürze, einer davon wurde vom Weltmeister Peter Sagan verursacht. Dabei ging auch Klassikerspezialist John Degenkolb in hohem Bogen zu Boden.

So holte sich Démare den Sieg im Sprint aus einer kleinen Gruppe heraus. Der Franzose verwies Sagan und den Norweger Alexander Kristoff auf die Plätze zwei und drei. Greipel landete auf Platz vier, Kittel war dagegen auf der komplizierten und hektischen Zielanfahrt abgehängt worden und verlor damit sein Grünes Trikot an Démare.

Für Aufsehen sorgten die zwei heftigen Stürze im Finale. Erst krachte es gut 1000 Meter vor dem Ziel, dabei ging auch der walisische Gesamterste Geraint Thomas zu Boden. Kurz vor dem Ziel wurde dann Sprintstar Mark Cavendish von Sagan in die Absperrgitter gedrängt. Degenkolb stürzte anschließend über den Briten hinweg.

Aldag und Greipel sauer auf Sagan

Mark Cavendish krachte bei Tempo 60 in die Balustraden, John Degenkolb flog in hohem Bogen über den Ex-Weltmeister – und der große Buhmann war Peter Sagan. "Nur weil er das Weltmeister-Trikot anhat, kann er sich nicht alles erlauben", schimpfte der deutsche Sprintstar André Greipel über Sagan, der durch einen kleinen Ellbogencheck gegen den Briten einen schlimmen Crash kurz vor dem Ziel der vierten Etappe der Tour de France am Dienstag in Vittel ausgelöst hatte. Auch Cavendishs Sportdirektor Rolf Aldag war außer sich und sagte: "Das muss Konsequenzen haben. Er ist Weltmeister und eine Art Vorbild. Der Weltverband muss reagieren."

Cavendish wurde unterdessen dick bandagiert ins Krankenhaus gebracht, es besteht der Verdacht auf einen Schulterbruch. Etwas glimpflicher kam Degenkolb davon, der noch Minuten später kreidebleich am Teambus stand. "Es geht mir den Umständen entsprechend. Ich bin schlimm gestürzt. Ich habe nur noch gesehen, wie Cav am Boden lag und wollte noch drüber springen. Fast hätte es geklappt", sagte Degenkolb, der nach der Etappe, die der Franzose Arnaud Demare gewann, sicherheitshalber zum Röntgen fuhr.

Zeistrafe für Überltäter Sagan

Übeltäter Sagan hatte offenbar gleich ein schlechtes Gewissen und fuhr umgehend zum Teambus von Cavendish. "Ich wollte mich entschuldigen. Ich konnte ihm nicht mehr ausweichen", schilderte Sagan seine Sicht der Dinge. Die Jury sah dies freilich anders. Sagan, der hinter Demare Platz zwei belegt hatte, wurde an das Ende des Feldes zurückgestuft und erhielt eine 30-Sekunden-Zeitstrafe.

Auch durch die Stürze – gut 1000 Meter vor dem Ziel gab es noch einen Massencrash – konnten die deutschen Sprint-Asse nicht in die Entscheidung eingreifen. Greipel belegte nach der Rückstufung von Sagan hinter Demare und dem Norweger Alexander Kristoff Platz drei. Marcel Kittel war gar nicht im Finale vertreten, da er durch den ersten Sturz ausgebremst worden war. "Ich bin froh, dass ich an einem Stück das Ziel erreicht habe, sodass ich mir auf den nächsten Etappen noch etwas vornehmen kann", sagte Kittel, der das Grüne Trikot an Demare verlor.

Bergankunft am Mittwoch

Nennenswerte Änderungen im Klassement gab es unter den Favoriten nicht, sie hielten sich auf dem Weg in die Kurstadt zurück. Aus gutem Grund, schließlich wartet am Mittwoch in den Vogesen die erste Bergankunft der Tour. Auf dem 5,9 Kilometer langen Schlussanstieg nach Planche des Belles Filles dürfte es zum ersten Kräftemessen von Froome, Nairo Quintana und Co. kommen. "Das wird der erste große Test. Richie Porte wird sicher etwas versuchen", sagte Thomas.

Buhmann Sagan war am Vortag noch der strahlende Sieger, als er in Longwy der Bora-Mannschaft den ersten Tour-de-France-Etappensieg der Teamgeschichte beschert hatte, was entsprechend mit einer feuchtfröhlichen Prosecco-Runde gefeiert wurde. "Die Verpflichtung von Peter zahlt sich schon die ganze Saison aus. Die Media-Werte sind extrem hoch. Er ist ein spezieller Typ, deshalb bezahlen wir ihm auch relativ viel Geld", sagte Teamchef Ralph Denk über den zweimaligen Weltmeister und freut sich über das "Return on Investment".

Nach dem Start im luxemburgischen Mondorf-les-Bains, nur wenige Meter von den Häusern der Schleck-Brüder Andy und Fränk entfernt, war lange Zeit der Belgier Guillaume van Keirsbulck an der Spitze gefahren. Zwischenzeitlich betrug sein Vorsprung mehr als zwölf Minuten. Doch als die Sprinter-Teams das Tempo erhöhten, war die Solofahrt beendet.