Verein

Tradition wahren und fortsetzen

Die Amateur-Sportwelt steht aufgrund der Corona-Pandemie weiterhin still.

Zerbst l Doch es besteht nach den Lockerungen, die ab 1. März in Sachsen-Anhalt greifen sollen, Hoffnung, dass auch der Vereinssport bald möglich sein wird. Für den Zerbster Turnverein Gut Heil jährte sich ein wichtiges Datum in der interessanten Geschichte zum 30. Mal. Am 21. Januar 1991 erfolgte die Wiedergründung des TV Gut Heil. Ein Ereignis, auf das im ersten Teil bereits hingewiesen wurde.

Nun folgt der zweite Teil.Mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 begann eine verheerende Zeit, die Not, Leid und Zerstörung brachte, der zweite Weltkrieg. Der 16. April 1945 besiegelte vor fast 76 Jahren das Schicksal der einstigen fürstlichen Residenzstadt Zerbst. Bereits drei Tage zuvor setzten amerikanische Truppen bei Barby über die Elbe. Das faschistische „Tausendjährige Reich“ war so gut wie besiegt, doch ein Ultimatum, die Stadt Zerbst kampflos zu übergeben, lehnte der deutsche Stadtkommandant ab.

Die amerikanischen Piloten erhielten am frühen Morgen des 16. April den Befehl, Zerbst zu bombardieren. Der Angriff erfolgte kurz nach 10 Uhr in fünf Wellen. In nur wenigen Minuten wurde die gesamte Zerbster Innenstadt in Schutt und Asche gelegt. Zwischen 500 und 600 Menschen kamen in Häusern, Luftschutzkellern oder durch Schüsse von Artillerie und Tieffliegern ums Leben. 1433 Häuser wurden vernichtet.

Nach der Zerschlagung des Faschismus wurden der Turnverein Gut Heil Zerbst und der Frauenturnverein Zerbst, wie auch alle anderen dem Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen (NSRL) angehörenden Turn- und Sportvereine in der damaligen sowjetischen Besatzungszone aufgelöst. Das Vermögen wurde beschlagnahmt und das Grundstück mit der Friesenhalle wurde 1951 zum Volkseigentum erklärt. Die Friesenhalle und der Sportplatz wurde allerdings noch bis zum 19. Dezember 1990 von den in Zerbst stationierten Panzereinheiten der sowjetischen Streitkräfte genutzt.

Dabei wurde die Friesenhalle als Kino- und Konzertsaal genutzt. Beide Fensterfronten der Nord- und Südseite wurden dazu komplett zugemauert. Nur die Südseite wurde 1991 wieder original hergerichtet.

Nach dem Bekanntwerden des Abzuges der sowjetischen Truppen ergriffen einige ehemalige Mitglieder der beiden Vereine die Initiative, einen neuen Verein zu gründen und das Eigentum zurückzuerhalten. Voran gingen dabei die Turnschwester Gertraud Rawiel und der Turnbruder Otto Specht.

Anlässlich des 60. Jahrestages der ersten Einweihung der Friesenhalle und des 100-jährigen Geburtstages des Turnvereins war es dann soweit: Am 21. Januar 1991 wurde beschlossen, nur einen Verein neu zu gründen, den Turnverein Gut Heil Zerbst.

„Zur Gründungsversammlung am Montag waren 51 Damen und Herren im Alter von 52 und 88 Jahren erschienen und erklärten spontan die Bereitschaft zur Mitgliedschaft im wieder gegründeten Verein.“, schrieb am 28. Januar 1991 die Zerbster Volksstimme. Von diesen 51 Gründungsmitgliedern lebt nur noch eines und zwar Carl-Ludwig Meinecke.

Auf Grund eines lückenlosen Eigentums- und Rechtsnachfolgenachweises wurde dem Verein Gut Heil vom Amt zur Regelung offener Vermögensfragen im Landratsamt Zerbst am 24. Mai 1991 sein Grundstück zurückübereignet. Dies war vor allem der Beharrlichkeit von Heinrich Jüptner zu verdanken.

Zum Vorsitzenden wurde Emil Dauch gewählt. Seine Stellvertreter waren Heinrich Jüptner und Getraud Rawiel. Horst Burow übernahm das Amt des Kassenwartes. Otto Specht wurde organisatorischer Leiter. Günter Mohs, Ilse Herrmann und Rudi Paul wurden zum Sport-, Damen- und Jugendwart gewählt.

Zunächst wurden die Abteilungen Turnen, Gymnastik und Leichtathletik aufgebaut. Vom 15. August 1991 bis zum 15. Mai 1992 wurden von Zerbster Baufirmen und ABM-Kräften die erheblichen Belegungsschäden an der Friesenhalle aus der 45-jährigen Fremdnutzung durch sowjetische Truppen beseitigt.

Ab 1. Juni 1992 stand die 60-jährige Friesenhalle im neuen Gewand dem Zerbster Sport wieder zur Verfügung. Zuvor, am 30. Mai 1992, wurde die Neugründung mit einer großen Festveranstaltung in der Friesenhalle gefeiert. „Es ist ein ganz besonderes Ereignis, wenn nach der Erstgründung des Turnvereins vor 100 Jahren und der Zwangsauflösung im Sommer 1945 in diesem Jahr anlässlich des 60. Jahrestages der ersten Einweihung der Friesenhalle ein neues Stück Vereinsgeschichte geschrieben wird. Es zeigt, dass der Geist der Mitglieder dieses Turnvereins nicht zu brechen war und die alte Tradition neu gepflegt wird“, hieß es in den Grußworten des damaligen Landrates Georg Credo (CDU). Er war der erste Landrat des Landkreises Zerbst.