Gardelegen l „Das macht er nicht.“ „Das schafft er nicht.“ Das waren die Meinungen der meisten Storchenfachleute, die Gardelegens Hobbyfotograf und Naturliebhaber Uwe Külper nach dem großen Unglück, bei dem eine Storchenmama ums Leben kam, befragt hatte. Doch Rudi Rotbein, wie er den Storchenpapa von der Gardelegener Mühlenstraße taufte, erwies sich als eifriger und fleißiger Familienvater und zog seinen Nachwuchs allein groß. Aber der Reihe nach.

An der Mühlenstraße stand ein großer Schornstein mit Storchennest und Turmfalkenkasten. Doch dieser wurde abgerissen. Im Frühjahr 2019, erzählte Külper, wurde an der Mühlenstraße ein Betonmasten aufgestellt – auf der Spitze wieder eine Nisthilfe für einen Storchenhorst, am Masten selbst ein Turmfalkenkasten. Im vergangenen Jahr war zwar schon ein Turmfalkenpaar dort und brütete auch. Störche kamen aber nur zu Besuch. In diesem Jahr war das anders.

Turmfalke David gegen Storch Goliath

Sehr früh fand erst einmal der Turmfalkenkasten seine Mieter. Das Pärchen, das dort einzog, zog vier Junge groß. Zuvor aber hatte es versucht, das Storchenpaar, das sich im April die Wohnung im obersten Stock ausgesucht hatte, zu vertreiben. Die Erinnerung daran lässt Uwe Külper immer noch lachen. Es sei ein tolles Schauspiel gewesen, wie da Turmfalke David gegen Storch Goliath kämpfte und anders als in der biblischen Geschichte verlor, natürlich nur im übertragendem Sinne. Denn anschließend lebten beide Pärchen in guter Nachbarschaft.

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Auch das Storchenpaar richtete sich ein und verteidigte seinen Horst erfolgreich gegen Mitbewerber, berichtete der Naturliebhaber. Auch das Klappern war erfolgreich. Bald konnten Külper und die Nachbarschaft im Mai beobachten, dass die Brutzeit begonnen hat. Zwei Junge schlüpften im Juni, die von ihren Eltern liebevoll und gut versorgt wurden. Aber nur zehn Tage lang.

Dann kam die Störchin nämlich nicht wieder von der Futtersuche zurück. Das Weibchen war am Ipser Weg verunglückt. Diese Information erhielt Külper von Hans-Günther Benecke, dem Storchenbeauftragten der Region. Auch die Anwohner entlang der Mühlenstraße waren bestürzt, denn sie beobachteten ihre tierische Nachbarn immer gern von ihren Balkonen aus. Das war bestes Tierkino.

Nun war also nur noch der Storchenpapa für das Aufziehen der Jungen da. Doch ob er sich dieser Verantwortung stellen würde, war erst noch völlig unklar. Die Fachleute waren skeptisch, berichtete Külper, sollten jedoch eines besseren belehrt werden.

Rund um die Uhr im Dienst

Zwar fiel ein Küken aus dem Nest, aber das zweite überlebte. Und der Storchenmann erwies sich als vorbildlicher Vater. Er schaffte unermüdlich Futter heran, das in diesem Jahr zum Glück reichlich auf den Wiesen rings um Gardelegen zu finden war. Zudem musste er seinen Nachwuchs auch vor räuberischen Greifvögeln und am Tage vor der brennenden Sonne schützen, als er noch klein war. So war der Storchenmann rund um die Uhr im Dienst.

Und das Storchenjunge gedieh prächtig. Um das zu überprüfen, erzählte Külper, habe man das Nest in der Aufzuchtzeit zweimal mit einer Drohne überflogen – mit Genehmigung natürlich –, um einen Blick in die Kinderstube werfen zu können. Es war immer alles in Ordnung.

Wäre das allerdings nicht der Fall gewesen, hätte man das Küken heruntergeholt und zur Vogelschutzwarte Storchenhof Loburg gebracht, damit es dort aufgepäppelt wird. „Das war Plan B“, so Külper. Doch das war nicht notwendig.

Ab und zu kamen auch mal andere Störche zu Besuch. Vielleicht, vermutete Külper, ist der Papa ja schon auf der Suche nach einer neuen Partnerin.

Mittlerweile schlägt der Storchennachwuchs bereits kräftig mit den Flügeln und startet seine ersten Flugversuche. Bald heißt es Abschied nehmen. Und Külper hofft, dass das Jungtier die kurze Route über Frankreich in den Süden nimmt, die sogenannte Westroute, um dort in milderen Gefilden zu überwintern.

Hoffen auf Rückkehr

Und vielleicht gibt es ja im kommenden Jahr ein Wiedersehen mit dem fleißigen Storchenvater, dann eventuell mit neuer Frau, mit der er für weiteren Nachwuchs sorgt und das Balkonkino für alle Nachbarn wieder gesichert ist.