Lyon (dpa) - Weiße Kieselsteine, Sand und in der Mitte eine weiß-rote Eisenplatte, die jederzeit abzuheben scheint. Das Werk trägt die Handschrift des koreanischen Starkünstlers Lee Ufan. Es ist minimalistisch und arbeitet mit Materialien aus der Natur.

Die Installation befindet sich vor dem Altar des von Le Corbusier entworfenen Klosters Sainte-Marie. Der 81-Jährige hat es eigens für den Gebäudekomplex des Dominikanerordens geschaffen. "Die Werke machen das Unsichtbare sichtbar", sagt der Künstler und Philosoph. Er habe versucht, die Topologie des Ortes zu erfassen.

Lee Ufans Einzelausstellung "Jenseits der Erinnerung" gehört zu den unzähligen Veranstaltungen der diesjährigen Kunstbiennale in Lyon. Unter dem Motto "Mondes flottants", Welten in der Schwebe, werden bis zum 7. Januar 2018 die Visionen von mehr als 75 Künstlern aus der ganzen Welt gezeigt. Dabei geht es um das Verständnis der Moderne und der Modernität und darum, wie sich die Frage heute neu stellt. Die seit 1991 in Lyon stattfindende Biennale gehört in Frankreich zu den wichtigsten Schauen moderner Kunst.

Vor dem Hintergrund der zunehmenden Globalisierung, die eine kontinuierliche Mobilität und Beschleunigung der Dinge mit sich bringe, gewinne das Konzept von Modernität wieder an Bedeutung, erklärte die Kommissarin Emma Lavigne. Ihr gehe es darum, das Erbe des Konzepts der Modernität in der Kunst des 21. Jahrhunderts zu illustrieren, legte die Leiterin des Centre Pompidou in Metz dar.

Die Werke, die gezeigt werden, sind so vieldeutig wie der Begriff selbst. So bespielt Ernesto Neto im Museum für zeitgenössische Kunst, einem der zahlreichen Ausstellungsorte in Lyon, einen ganzen Raum mit mehreren Installationen. In dem dadurch entstandenen biomorphen Riesengebilde des Brasilianers geht es um Raum, Körperlichkeit, Licht und Schwerkraft. Um das Verhältnis von Raum, Formen und Gravitation ging es auch schon dem vor mehr als 40 Jahren verstorbenen US-Künstler Alexander Calder, dessen Mobile "31 Januar" im Dialog mit Netos Textilinstallationen steht.

Die weiße Seidenstoffbahn des Deutschen Hans Haacke, die im Wind flattert, der aus einem Ventilator kommt, die Schaummaschine des philippinischen Bildhauers David Medalla und die Spinneninstallation des Argentiniers Tomás Saraceno: Lyon zeigt Modernität in Angrenzung zum Tradierten als das Überkommene, aber auch als das Vorübergehende, Flüchtige und Zufallsbedingte im Sinne des Schriftstellers Charles Baudelaire.

Die Definition des Dichters der Moderne hat die Kommissarin zum roten Faden der Biennale gemacht. Lavigne steht seit 2014 an der Spitze des Centre Pompidou in Metz, im Jahr 2015 war sie in Venedig auf der Biennale für den französischen Pavillon verantwortlich. Ihre Erfahrung spiegelt sich auch in Lyon wider. Denn aus Frankreichs Biennale hat sie eine kohärente und ästhetische Erfahrung gemacht.

Biennale in Lyon

   

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