Prag (dpa) - In Tschechien sorgt eine neue Biografie über den Starautor Milan Kundera für reichlich Gesprächsstoff. Sogar der Regierungschef Andrej Babis äußerte sich kritisch zu der Neuerscheinung des Autors Jan Novak.

Viele erstaunt, dass es das erste Buch überhaupt über das Leben des heute 91-jährigen Schriftstellers ist. Kundera selbst hat immer wieder betont, der Romanautor suche, "hinter seinem eigenen Werk zu verschwinden".

Doch der Reihe nach: Im Juli 1975 verließ Milan Kundera für immer die sozialistische Tschechoslowakei und ging mit seiner Frau Vera in den Westen. Seinen kleinen, blau-weißen Renault 5 packte er voller Bücher. Für Kundera, da schon 46 Jahre alt, begann in Frankreich ein neues Leben.

Knapp zehn Jahre später wurde er mit dem Roman "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" international bekannt. Das Liebesdrama zwischen dem Chirurgen Tomas und der Kellnerin Teresa vor dem Hintergrund der Niederschlagung des Prager Frühlings wurde zu einem Bestseller und von Hollywood erfolgreich verfilmt.

Über sein vorheriges Leben hinter dem Eisernen Vorhang hüllte der nun in Paris lebende Kundera den Mantel des Vergessens. Auf Klappentexten hieß es, er habe sich als Arbeiter oder Jazzmusiker verdingt. Seinem US-Kollegen Philip Roth sagte Kundera, er sei ein "relativ unbekannter" Intellektueller gewesen.

"Konnte er sich nicht ausrechnen, dass ihn diese Lügen einmal einholen", fragt Novak provoktiv in seiner neuen Biografie mit dem Titel "Kundera - sein tschechisches Leben und die Zeit". Für sein 900-Seiten-Buch, das die Jahre bis 1975 abdeckt, befragte er jahrelang Zeitzeugen. Er nutzte aber auch die - als Quelle umstrittenen - Akten der kommunistischen Staatssicherheit.

Novak schreibt, dass Kundera in Brünn (Brno) in gebildeten Verhältnissen aufgewachsen sei - der Vater Hochschulrektor, die Mutter Lehrerin. Er sei mit 18 Jahren der kommunistischen Partei beigetreten - wie viele andere seiner Generation "ein Tropfen in einer gigantischen roten Welle". In seinem tschechischen Frühwerk finden sich Gedichte auf Stalin und den von den Nationalsozialisten ermordeten Antifaschisten Julius Fucik.

Nach einer Lappalie, die er in seinem Roman "Der Scherz" verarbeitet, sei Kundera ausgeschlossen, doch bald wieder aufgenommen worden. Das Parteiabzeichen habe er im Knopfloch getragen. "Damit war er für mich erledigt", wird ein früherer Mitschüler zitiert. Am Ende seines ersten Buches über die "Kunst des Romans" aus dem Jahr 1960 habe Kundera seine Autorenkollegen zum Aufbau einer "neuen künstlerischen Ordnung" aufgerufen.

Kundera sei in der Tschechoslowakei ein bekannter Dichter und Theaterautor ("Die Schlüsselbesitzer") gewesen, der 1963 den Klement-Gottwald-Staatspreis erhielt. Als Dozent an der Prager Filmhochschule FAMU genieße er das Vertrauen der Partei, zitiert Novak aus einer internen Bewertung. Kundera habe zu den Privilegierten gehört, die ins Ausland reisen durften.

Erst nach dem Einmarsch der Sowjettruppen 1968 sei der Reformkommunist Kundera in Ungnade gefallen, seine Bücher aus den Regalen verschwunden. Petitionen zur Freilassung inhaftierter Schriftsteller, initiiert von Kollegen wie Vaclav Havel und Pavel Kohout, habe er indes nicht unterzeichnet. Im Samisdat, dem illegalen Untergrund-Selbstverlag, habe er nicht publiziert.

Was hat Novak, der als Sohn tschechischer Emigranten in den USA aufgewachsen ist, zu seinen kritischen Nachforschungen bewegt? Seine Zeit in Chicago habe ihm geholfen, Kunderas "Wiedergeburt" zu verstehen, sagt der 67-Jährige der Deutschen Presse-Agentur. "Viele Emigranten können der Versuchung nicht widerstehen, für sich eine neue, verbesserte Identität zu erfinden."

Neben der großen Politik und der Literatur nimmt Kunderas Privatleben breiten Raum ein. Das verwundert vielleicht nicht, schließlich stellt der Autor seinen Figuren selbst gern erotische Fallen. "Er war ein sehr lieber und aufmerksamer Liebhaber", zitiert Novak eine damals junge Frau. "Ich war so nervös, dass ich mich mit Rotwein bekleckert habe - und er hat mir beim Fleckenentfernen geholfen."

Es ist nicht das erste Mal, dass Kunderas Vergangenheit für Diskussionen sorgt. Vor zwölf Jahren holten Historiker ein Polizeiprotokoll hervor, demzufolge der Autor im Jahr 1950 als junger Student einen US-Spion an die Behörden verraten habe. Dieser wurde gefasst und zu 22 Jahren Gefängnis verurteilt. Kundera sprach von Lügen und einem "Attentat auf einen Autor".

Novak schenkt ihm wenig Glauben, denn er meint: "Der junge Kundera war zu dieser Zeit nach allem, was wir wissen, tatsächlich ein fieberhafter Stalinist." Hier wie an anderen Stellen ist Novaks Schreiben von seinem überzeugten Antikommunismus geprägt. Was dem Leser am Ende fehlt, ist eine Biografie über die Zeit nach der Emigration. Und es bleibt die Frage: Kann man die erste Lebenshälfte Kunderas ohne die zweite betrachten?

Einen deutschen Erscheinungstermin für "Kundera - sein tschechisches Leben und die Zeit" gibt es nach Angaben des Argo-Verlags in Prag noch nicht. Kundera selbst war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Er gebe seit etwa 30 Jahren keine Interviews mehr, hieß es aus seinem Pariser Verlag Gallimard.

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