Leipzig (dpa) - "'Wie man's macht, ist's falsch', Macht macht verantwortlich, und wenn ich gar nichts mehr mache, bin ich schuld, dass ich nichts gemacht habe." Wer nicht in dieses Dilemma geraten wolle, müsse sterben, sagt Resi. Sie ist Mitte Vierzig und wütend.

Nein, eigentlich ist sie beschämt, unsicher, überfordert - und mit der Gesamtsituation unzufrieden. Aber weil das schwer auszuhalten und überhaupt eine Zumutung ist, ist Resi dann doch lieber wütend. Das ist der Grundton, der in Anke Stellings Roman "Schäfchen im Trockenen" vorherrscht, für den sie am Donnerstag mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte Belletristik ausgezeichnet wurde.

260 Seiten lang hadert Stellings Ich-Erzählerin mit ihrem Schicksal und mit ihrem Umfeld. Es ist ein Generalangriff. Er richtet sich gegen die 68er-Generation, die die gesellschaftliche Ungleichheit zwar überwinden wollte, aber, so Resis Analyse, indem sie die Unterschiede wegschwieg, statt sie tatsächlich zu überwinden. Er richtet sich gegen die Lebenslügen der Gesellschaft wie jedes Einzelnen.

Damit meint die Ich-Erzählerin auch sich selbst, ihr Leben mit ungeregeltem und nicht gerade üppigem Einkommen, vier Kindern und dem wackelnden Glück, trotzdem eine günstige Wohnung in der Berliner Innenstadt zu haben. Und sie meint die täglichen Niederlagen des Alltags, dieses dauernde Gefühl zu scheitern, es "nicht im Griff zu haben", es "nicht hinzukriegen".

Deswegen diskutiert sie in einer Art Tagebuchtext mit sich selbst, adressiert darin manchmal ihre größte Tochter im Teenageralter, Bea, ohne dass klar ist, ob sie ihr den Text je vorlegen wird. Resi sucht universelle Gerechtigkeit - und ist am Ende doch nur selbstgerecht. Mal klingt es bitter, mal kämpferisch, mal verzweifelt.

Der Erzählstil wechselt, je nach Laune, so wie es auch Tagebucheinträge gerne tun. Insgesamt klingt Stellings Text so, als könne er in Auszügen auch gut auf einer Poetry-Slam-Bühne vorgetragen werden. Resi spielt mit Songzitaten, Erinnerungen und auch mal Satzzeichen. Beispiel: "Idee für einen Songtext: My hungry heart hitchhikes, my ass is on Sitzstreik".

Mit "Schäfchen im Trockenen" umkreist Stelling ähnliche Themen und Fragen wie schon in "Bodentiefe Fenster". Damit stand die Autorin, geboren 1971 in Ulm, auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

"Wir wollten einander davor bewahren, gescheit im Sinne von rücksichtslos, erwachsen im Sinne von überfordert, verheiratet im Sinne von eingesperrt und Eltern im Sinne von paternalistisch zu werden", schreibt Resi über ihren Freundeskreis, der seit Schulzeiten - also knapp drei Jahrzehnten - bestand. Finanziell gehörte sie nie so richtig dazu, intellektuell aber schon.

Es scheint eine Resignation zu sein. Denn ihre Clique, alle außer ihr selbst aus gehobenem Elternhaus und mit gehobenem Einkommen, ziehen ohne sie in ein gemeinsames Hausprojekt, kündigen Resi wegen ihrer erbarmungslosen Analysen über die Lügen des Bionade-Bürgertums die Freundschaft - und letztlich auch noch den Untermietvertrag für die günstige Wohnung in der Innenstadt.

Und Resi weiß weder, wie sie mit dieser Situation umgehen, noch wie sie das ihrer Familie beibringen soll. Ihre Freunde hätten es sicher gewusst, denn eine ihrer liebsten Phrasen war stets "weiß man doch". Nur Resi, die weiß es eben nicht.

Es liegt am Leser, ob er das als Anklage versteht, oder als Aufmunterung, den Weg der 68er wieder aufzunehmen. Aber eben nicht nur die Ungleichheit wegzuschweigen, sondern sie kleiner zu machen. "Schäfchen im Trockenen" ist nicht nur eine Abrechnung, sondern klingt wie ein Appell zu akzeptieren, dass das Leben voller Ecken und Kanten ist - Scheitern ist nicht immer eine Chance, aber Nachsicht ist nötig.

Anke Stelling: Schäfchen im Trockenen. Verbrecher Verlag, Berlin, 266 Seiten, 22 Euro, ISBN: 978-3-95732-338-5

Schäfchen im Trockenen