Magdeburg | Nun kommen sie also doch und zwar definitiv: Bremsschwellen am Hasselbachplatz. Dass dies nun nach einem seit Sommer 2019 andauernden Geklüngel im Stadtrat geschehen soll, kündigte die Stadtratsfraktion Die Grünen/future! Magdeburg am 22. April bei Twitter an.

Ab dem 2. Quartal sollen Autofahrer am Kreisel auf zwei Arten ausgebremst werden. Zum einen durch ein Tempolimit von 20 km/h, wo zuvor 30 zu fahren war, zum anderen durch Bremsschwellen. Diese sollen an den Zufahrten des Kreisels platziert werden, so den Fußgänger- und Radverkehr sicherer gestalten.

Mal eben darauf herumdenken

Bereits seit rund einem Jahr wünscht sich die SPD-Stadtratsfraktion Bremsschwellen am Hasselbachplatz. Zugesagt wurden Breiter Weg Höhe Keplerstraße und Einsteinstraße sowie auf der Otto-von-Guericke-Straße. Hinzu kamen darauf die Sternstraße auf Höhe der Einmündung Bölschestraße und Geißlerstraße.

Zeitgleich forderten die Grünen Tempo 20 für das Areal um den Hassel. Die Schweller wurden laut Grünen-Tweet nun abgesegnet, das Tempolimit wird vorausichtlich folgen.

Nun. Als direkter Anwohner des Hassels gefällt mir der Gedanke, dass ich künftig nicht mehr um mein Leben bangen muss, wenn ich eine oder mehrere der acht Fahrspuren quere - ob per Pedes oder auf dem Stahlross. Gefühlt eines von zehn Fahrzeugen gewährt mir großzügigerweise das Überqueren. Großzügig weil, um es mit den Worten des ADAC auszudrücken, "Fußgänger, die die Straße überqueren, haben Vorrang gegenüber abbiegenden Fahrzeugen. Der Abbiegende muss nach § 9 Abs. 3 S. 3 StVO auf Fußgänger besondere Rücksicht nehmen und, wenn es nötig ist, warten." Gleiches gilt für Radfahrer, bitte weitersagen.

Was wohl die wenigsten wissen: Der “Kreisel” am Hassel ist nämlich kein(!) Kreisverkehr, sondern eine Kreuzung (leicht zu erkennen am nicht vorhandenen Kreisverkehrsschild). Gleiches gilt im übrigen für den Kreisel Planckstraße/Harnackstraße und Uni-Kreisel - Fahrschüler wissen um die irritierende Situation.

The pedal to the metal

Sei es drum. Was nämlich deutlich schwerer wiegt, ist das Nichteinhalten des Tempos. Fahrern von hochgetunten Kanonenkugeln, die mit heulenden Motoren spätabends durch die Straßen der südlichen Altstadt donnern, könnte man mit installierten Blitzern kräftig in den Protein-Shake spucken. So forderte bereits im vergangenen Jahr Marcel Guderjahn von der Gartenpartei, Blitzer rund um den Hasselbachplatz zu installieren. Blitzer, oder wie viele Autofahrer sagen: staatliche Gelddruckmaschinen (nicht meine Meinung).

Sollten Blitzer installiert werden, würde so meine Wohnung wohl jeden Abend zum Club mutieren - für Freunde von Stroboskop-Licht eine Wonne. Eine Alternative? Schwer zu sagen.

Werden Bremsschweller installiert, wie nun geplant, tönt wegen der Lärmerzeugung nun der dazu passende Beat in meinen Räumlichkeiten - und das gilt für die vielen hundert Anwohner im Kiez ebenso. Das Argument, dass man doch ausziehen könne, wenn es einem nicht passe, ist im übrigen so gehaltvoll wie jemanden zu empfehlen das Autofahren einzustellen, wenn einem die Verkehrsteilnehmer nicht gefielen - überflüssig wie ein eingewachsener Zehennagel.

Also welche Alternative bleibt?

Tempo 20 und Bremsstreifen sollen es nun werden. Anwohner freuen sich auf eine mögliche Entspannung des Verkehrs, erkaufen dies jedoch mit Lärm. Passierende Autofahrer werden stark ausgebremst, ärgern sich über die unfreiwillige Entschleunigung - zumal der Hassel alles andere als ein Unfallschwerpunkt ist. Zudem würden laut Matthias Boxhorn, Christdemokrat und Notfallsanitäter, die Patienten in Rettungsfahrzeugen die Schwellen spüren.

Sinn und Zweck

Als Bremsschwellen gewünscht seien laut Grüne sogenannte Berliner Kissen - plateauförmige, rund acht Zentimeter hohe Streifen. Kritiker bemängeln bei diesem Modell vor allem, dass die gewünschten Effekte - weniger Lärm und verminderte Schadstoffbelastung - ausbleiben würden. Fahrer bremsen vor der Schwelle ab und beschleunigen darauf wieder. Dann gelangen sie an die Kreuzung und dasselbe Spiel beginnt von vorne. Bei hunderten Autos, Lkw, Bussen und Motorrädern, die täglich über den Hassel brettern, eine mindestens fragwürdige Entscheidung.

Ziel der Installation und Temporeduzierung sei es, dass sich “die Menschen in der Innenstadt wohlfühlen” sollen, wie Grüne/future!-Fraktionschefin Madeleine Linke im August 2019 erklärte. Ein durchaus progressiver wie positiver Vorschlag, der im Stadtrat gerne mal hinten runterzufallen scheint. 

Und da kommen wir zum Casus Knacksus. Geht mal kurz in Euch und stellt Euch die Frage: Halte ich mich gerne am Hasselbachplatz auf, außer um mir ein Bier beim Späti, Brötchen beim Bäcker und Käsekrainer beim Fleischer zu organisieren? Traurig. Vor allem wenn man bedenkt, welch außergewöhnlicher Ort der Hassel und sein Kiez doch ist, oder besser: sein könnte - unabhängig von dem hysterischen Geschnatter über den Hassel und seinem (als Anwohner schwer nachvollziehbar) schlechten Ruf als “Problemviertel”. Am Hassel schlägt das Herz von Magdeburg am lautesten.

Der Anstoß für einen lebenswerten Kiez wurde von SPD und Grüne/future geleistet, der erste Schritt in diese Richtung gemacht - jetzt muss nur noch angefangen werden im Schritttempo weiterzulaufen. Davon profitieren nämlich nicht nur die Anwohner, sondern auch die Tourismusbranche, damit die Wirtschaft und somit zuletzt jeder Magdeburger und jede Magdeburgerin. Und war da nicht mal was mit Kulturhauptstadt …? 

Haltet Ihr die Initiative für sinnvoll? Wie erlebt Ihr den Hassel und welche Maßnahme würdet Ihr vorschlagen? Ist dieses Thema gar ein Volksentscheid wert? Diskutiert mit uns in den Kommentaren

Euer Nico Esche