Magdeburg l Für Joachim Streich war der 9. November 1989 ein besonderer Tag. Das lag allerdings weniger an dem Fall der Berliner Mauer und der Öffnung der DDR-Grenzen. Streich war nämlich zu diesem Zeitpunkt gar nicht in der DDR. „Das ist alles ein bisschen komisch gelaufen“, erinnert sich der 68-Jährige.

Nach dem Ende seiner Spielerkarriere, nach 171 Toren in 237 Spielen für den 1.  FC Magdeburg, trainierte Streich den Club von 1985 bis 1990. Um neue Einblicke zu bekommen, hospitierte er 1989 eine Woche lang beim niederländischen Traditionsverein PSV Eindhoven. Der Kontakt kam 1986 über ein Freundschaftsspiel in Tschechien zustande. „Ich habe in einer Europaauswahl gegen die tschechische Nationalmannschaft gespielt“, erzählt Streich.

Hospitanz in Eindhoven

Dort lernte er unter anderem auch den späteren Schalke-Trainer Huub Stevens kennen, der damals Jugendcoach in Eindhoven war. „Wir haben uns unterhalten und irgendwann sagte ich, dass ich Interesse hätte, in Eindhoven zu hospitieren.“ So kam es tatsächlich – über Stevens wurde die Hospitanz organisiert. Und die fand ausgerechnet im November 1989 statt.

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Im Verlauf seiner Spielerkarriere war Joachim Streich zwar häufig im westlichen Ausland, „dass ich so einfach nach Eindhoven durfte, überraschte mich dann aber doch ein bisschen“. Doch ganz alleine wurde der frühere Stürmer-Star dann doch nicht in die Niederlande geschickt. Der Chef des wissenschaftlichen Zentrums begleitete ihn, blieb stets eng an seiner Seite. „Mein Aufpasser“, flachst Streich heute.

Streich spürte Euphorie

Am Abend des 9. November vor 30 Jahren ging Joachim Streich recht früh schlafen. „Wir haben mit vielen Trainern zusammengesessen, hatten intensive Tage. Ich war müde und verschwand auf mein Zimmer.“ Und als er wieder aufwachte, war in der Heimat nichts mehr wie zuvor. „Ein Kollege hat mir gesagt, dass die Grenzen offen sind. Ich habe mir gedacht, dass er spinnt“, sagt Streich. Also schaltete er den Fernseher ein und sah auf einem niederländischen Kanal die Bilder des Vortages. „Ich konnte es gar nicht fassen, diese unglaubliche Euphorie.“

Es passte zu Joachim Streichs Geschichte, dass auch sein Rückflug ganz im Zeichen der neuen Zeit, ganz im Zeichen des Mauerfalls stand. Denn als es einige Tage später zurück nach Magdeburg gehen sollte, verpassten Streich und sein Begleiter wegen Nebels den Flug nach Schönefeld. „Wir mussten nach Tegel fliegen“, erzählt er. Eigentlich undenkbar, Flüge nach West-Berlin waren strikt verboten. Doch Joachim Streich nutzte die neue Situation – und durfte ohne Probleme einreisen: „Ich habe mir gedacht: Die Grenze ist offen, das machen wir.“

Trainerjob im Westen

Bereits im Sommer 1990, noch vor der deutschen Einheit, wechselte Joachim Streich dann in den Westen, wurde Trainer bei Eintracht Braunschweig. Es war ein schwieriges Engagement. „Der Verein hatte Ziele, die unerreichbar waren“, sagt er. „Die Mannschaft war viel schwächer als der FCM-Kader. Trotzdem wollten die Verantwortlichen unbedingt in die 1. Liga. Da der sportliche Erfolg ausblieb, wurde ich entlassen.“

Danach wurde Streich kurzzeitig noch mal Coach beim FCM und ging schließlich zum FSV Zwickau, den er zum Zweitliga-Klassenerhalt führte. „In dieser Zeit wurde mir aber klar, dass der Trainerjob nichts für mich ist.“ Ihm fehlten seine Familie, seine Freunde, die alle in Magdeburg oder in Möckern wohnten. „Ich habe deshalb meine Trainer-Laufbahn beendet, bin raus aus dem Fußball.“

Streich ist zufrieden

In den Folgejahren arbeitete Streich bei einer Krankenkasse als Bewegungsberater, für einen großen Sportartikelhersteller und von 1998 bis zur Rente 2015 im Allee-Center als Schuhverkäufer.

Auch wenn Joachim Streich nicht den Weg prominenter West-Fußballstars wie Franz Beckenbauer oder Paul Breitner gegangen ist – er ist zufrieden. „Meine Frau und ich hatten immer Arbeit, auch meinen Freunden ging es immer gut – und das ist keinesfalls selbstverständlich, wie man nach der Wende gesehen hat. Das Gefühl der Arbeitslosigkeit, das Gefühl, nicht gebraucht zu werden, hat an vielen Menschen genagt.“

Dossier 30 Jahre Mauerfall