Magdeburg l Joel Abu Hanna hat trotz seiner erst 20 Jahre klare Vorstellungen, was und wohin er will. So höflich und verbindlich er neben dem Platz ist, so rigoros geht er auf dem Rasen zur Sache. Das bekam im ersten Test gegen den Oberligisten Brandenburger SC auch ein Gegenspieler an der Seitenlinie zu spüren, als er von Abu Hanna abgeräumt wurde. In der Defensive ist der Linksfuß flexibel einsetzbar, kann Innen- oder Außenverteidiger, aber auch im linken Mittelfeld auflaufen. „Ich bin jemand, der gerne den Zweikampf sucht. Meine Mentalität passt zum FCM-Spiel“, betont er. „Beim Trainer ist es glaube ich so, dass jeder auf seine Einsatzzeit kommt, wenn er im Training richtig Gas gibt.“

Familiäres Gefühl

Obwohl er erst seit einige Wochen in Magdeburg ist, fühlt er sich bereits wohl. „Ich habe in einer Stadt noch nie so viele Leute gesehen, die T-Shirts und Trikots des Vereins im Alltag tragen“, sagt er. „Beim FCM fühlt es sich familiär an. Für mich war recht schnell klar, dass ich zum Club möchte. Der Verein ist einfach geil und die Euphorie ist nach dem Aufstieg sensationell.“ Mit Manfred Osei Kwadwo ist ein weiterer Lauterer zum FCM gekommen. Beide erfuhren durch einen Zufall davon, dass sie weiterhin zusammenspielen werden. „Ich war in Magdeburg und hatte meinen Vertrag unterschrieben. Als die Tür aufging, kam mir Manfred entgegen. Das war eine witzige Situation“, sagt er. „Wir hatten uns nichts vom Wechsel erzählt, guckten uns dann hier an und mussten lachen. Ich bin froh, dass er hier ist. Wir haben uns schon in Lautern gut verstanden.“

Profivertrag in Leverkusen

Seinen ersten Profivertrag unterschrieb er noch zu Jugendzeiten bei Bayer Leverkusen, für die er auch in der Uefa Youth League auflief und im Profikader stand, ohne allerdings eingesetzt zu werden. 2015 war Abu Hanna mit der deutschen U-17-Nationalmannschaft in Bulgarien im Finale der Europameisterschaft. Dort spielte er in der Innenverteidigung durch, kassierte mit seinem Team allerdings eine 1:4-Niederlage gegen Frankreich. Auch bei der U-17-WM war er dabei. „Das waren tolle Erfahrungen. Auf diesem Niveau ging es schon anders zur Sache als in der A-Junioren-Bundesliga. Dafür kann ich mir aber nichts mehr kaufen, weil es jetzt um andere Dinge geht“, stellt er klar.

Erfahrungen, wie schnell es im Fußball hoch und runter gehen kann, hat der Spieler mit der Rückennummer 20 in der vergangenen Saison beim 1. FC Kaiserslautern gemacht. Abu Hanna kam aus dem Leverkusener Nachwuchs zum FCK, erkämpfte sich ab dem neunten Spieltag für einige Wochen einen Stammplatz und absolvierte acht Partien in Folge. Ab Mitte Dezember stand er dann allerdings nur noch dreimal bis zum Saisonende auf dem Rasen. „Für mich war das nicht so einfach“, gibt er zu. „Ich habe mich ja nicht mit dem zufriedengegeben, was ich in der Hinrunde erreicht hatte.

Die Ansprüche sind durch die Partien zu Saisonbeginn gestiegen. Dass ich in der Rückrunde nicht mehr so oft spielen durfte, lag sicherlich auch an den Trainerwechseln und daran, dass es ums nackte, sportliche Überleben ging. Deshalb konnte auf niemanden Rücksicht genommen werden.“

Vater in Israel geboren

Die Erfahrungen des Abstiegskampfes haben ihn geprägt. „Es war schon extrem. Kaiserslautern ist ein Traditionsverein, viele Leute lieben den Verein. Es war faszinierend, wie die Fans einen Spieler pushen können, ich habe aber natürlich auch zu spüren bekommen, wenn die Anhänger sauer sind. Das ist dann nicht so schön“, erklärt er. „Es war eine schwierige Situation, die ich nicht noch mal erleben möchte. Daraus habe ich aber meine Lehren gezogen. Vielleicht erkenne ich jetzt Dinge, die in eine falsche Richtung laufen könnten, etwas früher. Ich bin positiv gestimmt, dass es beim FCM richtig gut läuft.“

Eine besondere Beziehung hat der in Troisdorf bei Köln geborene Abu Hanna zu Israel. „Mein Vater wurde in Israel geboren, ist arabisch-christlich und in einem Dorf an der Grenze zum Libanon aufgewachsen. Er ist im Alter von 19 Jahren nach Deutschland gekommen und hat hier meine Mutter kennengelernt“, sagt er. „Ich bin fast jeden Sommer in Israel und besuche meine Verwandten. Dort ist ein Strand in der Nähe und meine Eltern haben ein Haus.“

Mit seinem Vater tauscht er sich oft über Fußball aus. „Ich setze mich mit ihm zusammen und analysieren meine Spiele“, sagt der Defensivakteur. „Meine Familie achtet darauf, dass ich immer auf dem Boden bleibe. Ich bin so erzogen worden, dass ich bescheiden und demütig sein soll.“

Vorfreude auf zweite Liga

Wenig begeistert waren die Eltern dagegen davon, was ihr Sohn als Kind werden wollte, wenn es mit dem Fußball nicht geklappt hätte. „Ich wollte Fußballer werden oder zum Sondereinsatzkommando (SEK)“, sagt er und schmunzelt. „Im Alter von 14 und 15 Jahren habe ich unendlich viele Reportagen über das SEK geschaut. Damals war für mich klar, dass ich das machen möchte, wenn es mit dem Fußball nichts geworden wäre. Meine Eltern hatten mich zwar gewarnt, dass es zu gefährlich wäre, ich war aber entschlossen. Jetzt sind sie immer noch erleichtert, dass ich Fußball spiele.“

Mit dem FCM möchte er in der anstehenden Saison auf sich aufmerksam machen und mit der Mannschaft für die eine oder andere Überraschung sorgen. „Die 2. Bundesliga ist extrem ausgeglichen, das habe ich in Kaiserslautern zu spüren bekommen. Der Hamburger SV und der 1. FC Köln sind die Favoriten. Wir wollen so schnell wie möglich 41 Punkte für den Klassenerhalt holen. Viele Vereine freuen sich bestimmt, nach Magdeburg zu kommen. Sobald sie im Stadion sind, werden sie sich aber hoffentlich nicht mehr freuen“, sagt Abu Hanna.

Hier können Sie mehr zum 1. FC Magdeburg lesen.