Herr Härtel, der FCM ist vorzeitig in die 2. Bundesliga aufgestiegen. Hat sich die Anspannung bei Ihnen langsam gelegt?
Jens Härtel:
Der Druck ist erst mal weg. Nach den zehn Punkten Vorsprung im Winter haben wir schon gemerkt, dass wir Getriebene sind, ganz besonders in dieser negativen Phase zu Beginn der Rückrunde, als wir einiges von diesem Vorsprung verspielt hatten. Die Mannschaft ist dann aber zurückgekommen und hat es in der Zeit, als es darauf ankam, überragend gemacht.

Sie waren nach dem 2:0 gegen Köln und dem feststehenden Aufstieg gar nicht ausgelassen. Warum?
Ich fand es ein bisschen schade, dass uns der erste Moment durch den Platzsturm genommen wurde. Ich hätte diesen Erfolg gerne mit den Menschen gefeiert, die eng dran waren und mit denen ich das gemeinsam erreicht habe. Das, was wir sonst als Ritual hatten, noch mal zusammenzukommen und vor Block U diesen Moment zu genießen, war leider nicht möglich. Ich habe auch Verständnis für die Fans, trotzdem war es für uns anders, als wir uns das im Vorfeld vorgestellt hatten.

Die Mannschaft hat mehrere Tage gefeiert. Wie haben Sie diese Zeit verbracht?
Ich war nach der Feier am Sonntag im Gottesdienst. Dann bin ich nach Hause zu meiner Familie gefahren, wir waren in Berlin essen. Am Montag bin ich nach Magdeburg zurückgekehrt und habe Gespräche geführt. Am Dienstag stand eine Arbeitsschutzunterweisung für alle FCM-Mitarbeiter auf dem Programm.

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Worüber haben Sie nach dem Aufstieg nachgedacht?
Das ist schwer zu sagen. Sonnabend und Sonntag waren sicherlich Tage, die ganz anders als sonst verliefen. Am Montag bin ich aber eigentlich schon wieder ins Hamsterrad eingestiegen. Es müssen Entscheidungen und Gespräche geführt werden. Die Arbeit geht weiter, aber unter anderen Vorzeichen. Der Druck direkt vor dir ist nicht da. Die Partie in Halle fühlt sich ein bisschen wie ein Vorbereitungsspiel an. Wir werden uns wie sonst auch vorbereiten, es ist aber natürlich eine andere Situation. Trotzdem wollen wir aber weiterhin jedes Spiel gewinnen.

Sie sprachen in der Pressekonferenz nach dem Köln-Spiel von inneren und äußeren Widerständen, gegen die Sie sich durchgesetzt hätten. Was und wen meinen Sie mit inneren Widerständen?
Es ist in diesem Jahr viel passiert, es war nicht immer ganz so einfach. Bei einem Traditionsverein wie dem 1. FC Magdeburg herrscht Druck von allen Seiten.

Was meinen Sie damit?
Es ist doch so, dass es mehrere Phasen im Saisonverlauf gab, wo wir bereits als Aufsteiger öffentlich gefeiert wurden, als es phasenweise aber etwas von den Ergebnissen her holperte, alles angezweifelt wurde. Hier haben sich die Jungs aber immer wieder neu fokussiert und diese Widerstände durchbrochen. Und: die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Ich glaube, dass wir da nicht die Besten in dieser Liga hatten. Wir haben es aber trotzdem geschafft.

Wann war der Moment, als Sie gedacht haben, dass der Aufstieg wirklich Form annimmt?
Der Sieg in Wiesbaden war ein Riesenschritt. Nach den Dreiern in Unterhaching, gegen Karlsruhe und in Wiesbaden war auch der letzte Zweifel in der Mannschaft weg. Es war wichtig, dass wir die Big Points für uns entschieden haben.

Sie sind mit dem FCM 2015 und 2018 aufgestiegen. Welche Bedeutung hat der aktuelle Erfolg für Sie?
Von den Emotionen her war die Relegation gegen Offenbach noch mal etwas ganz anderes und sogar größer. In diesen Spielen ging es um alles, gegen Fortuna Köln hatten wir dagegen den ersten von vier Matchbällen. Gegen Offenbach durften wir nicht wackeln, wenn wir gegen Köln nicht gewonnen hätten, hätte es weitere Möglichkeiten gegeben. Trotzdem ist auch klar, dass die Wertigkeit jetzt grundsätzlich höher ist, weil wir ganz souverän durch die 3. Liga gegangen sind, obwohl wir eine Mannschaft von vielen waren. In der Regionalliga hatten wir die klare Favoritenrolle.

Welche Rolle nimmt der FCM in der 2. Bundesliga ein?
Infrastrukturell haben wir sicherlich die schlechtesten Bedingungen der Liga. Wenn es um die Trainingsmöglichkeiten und die Räumlichkeiten geht, sind wir im Vergleich zur Konkurrenz ganz hinten. Das ist aber auch ganz normal, wenn man aus der 3. Liga kommt. Diesbezüglich muss sich der Verein aber in Zusammenarbeit mit der Stadt trotzdem Gedanken machen, was in naher Zukunft möglich ist, um den nächsten Schritt zu gehen. Wir bräuchten eigentlich einen Kraftraum, wir haben viel zu wenig Platz für die Spieler, die ihre Übungen mit ihren Matten im Flur des Stadions machen müssen. Mittelfristig wäre eine Option, ein vereinseigenes Trainingsgelände mit Geschäftsstelle und besseren Bedingungen für die Mannschaft zu bauen.

Welche Entwicklungsschritte waren auf dem Weg bis heute besonders wichtig?
Wichtig war, dass wir die Regionalliga hinter uns gelassen haben und in den Profifußball gekommen sind. Das war der wichtigste Schritt. Die Basis war dann zunächst, die 3. Liga zu erhalten und sich Schritt für Schritt weiterzuentwickeln. Das haben wir mit den zwei vierten Plätzen und dem Aufstieg geschafft. Einen großen Anteil an den Erfolgen hat das ganze Team, das sich um die Mannschaft kümmert, die beiden Co-Trainer Ronny Thielemann und Silvio Bankert sowie Torwarttrainer Matthias Tischer, Spielanalyst Kevin Waliczek, Fitnesstrainer Dirk Keller, die Physiotherapeuten Mandy Rosenschon und Tino Meyer sowie Zeugwart Heiko Horner.

Welche Lehren haben Sie aus Ihren ersten Monaten als FCM-Trainer gezogen, als es in der Regionalliga sportlich nicht rund lief?
Es waren am Anfang vielleicht zu viele Sachen, die ich wollte – zu viele Videos, zu viele Informationen beim Training und zu viel taktisches Training. Ich kannte die Mannschaft auch noch nicht so gut. Es ist ein Prozess, in dem man mit der Mannschaft zusammenwachsen muss. Das geht nicht innerhalb weniger Monate. Rückschläge gehören aber dazu und helfen auch. Wenn alles immer nur nach oben gegangen wäre, könnte ich bestimmte Erfolge vielleicht gar nicht so schätzen, wie ich das jetzt kann. Niederlagen schärfen die Sinne, man dreht jeden Stein noch mal um und versucht, bestimmte Dinge zu optimieren. Das ist uns in dieser Zeit gelungen, Geschäftsführer Mario Kallnik war damals sehr stark involviert.

Welche Bedeutung hat für Sie der „alte Kern“ um Nils Butzen, Felix Schiller, Marius Sowislo, Christian Beck, Christopher Handke, Nico Hammann und Jan Glinker?
Sie haben sich angepasst und immer weiterentwickelt. Wir haben vom ersten Tag vorgegeben, dass man nicht zufrieden sein darf. Solange es besser geht, ist gut nicht gut genug. Die Spieler sollten nie zufrieden sein. Der „alte Kern“ ist auch für mich persönlich sehr wichtig, die Spieler können mich einschätzen und wissen, was das Trainerteam will. Sie geben die Magdeburger DNA an die Neuzugänge weiter.

Warum hat es mit Andreas Ludwig und Gerrit Müller beim FCM nicht geklappt, die den Verein verlassen werden?
Gerrit hatte in der vergangenen Saison eine gute Phase. Danach war er verletzt und es gab wenig Gründe zu wechseln, weil es für die Mannschaft gut lief. Beide sind zudem ein Stückchen Opfer des Systems geworden, weil sich herausgestellt hat, dass wir im 3-4-3 ohne zentralen offensiven Mittelfeldspieler stabiler sind. Es war auch nicht einfach für die beiden Jungs, weil wir sie immer gebracht haben, als wir zurücklagen und sie deshalb kaum glänzen konnten.

Kapitän Marius Sowislo beendet seine Karriere. Welchen Stellenwert hat er für Sie?
Er hatte jetzt einen perfekten Abschied. So etwas hätte ich mir für meine Karriere auch gewünscht, mit einem solchen Erfolg abzutreten. Er hat sich ein kleines Denkmal gesetzt und die Latte für seine Nachfolger schon hoch gelegt.

Wer hat gute Chancen auf seine Nachfolge?
Es geht schon ein bisschen nach Alter, außerdem muss es jemand aus dem Mannschaftsrat sein. Wir werden uns nach den Abgängen von Marius, Felix und Jan neu sortieren.

Ist Nils Butzen ein Kandidat?
Es wäre ein logischer Schritt. Er ist ein ganz fester Bestandteil der Mannschaft und unumstritten innerhalb und außerhalb des Teams. Jetzt geht es darum, als Persönlichkeit die Verantwortung nach außen zu tragen, auch wenn es mal unangenehme Wahrheiten zu verkünden gibt – ob gegenüber der Mannschaft oder den Vereinsgremien.

Welche Bedeutung hat es für Sie, demnächst Zweitligatrainer zu sein?
Die 2. Bundesliga bekommt noch mal deutlich mehr Aufmerksamkeit als die 3. Liga. Die Mannschaften haben zudem eine ganze andere Qualität. Wir freuen uns darauf, es ist ein neuer Reiz, ein neuer Ansporn und eine besondere Motivation.

Die Drittliga-Meisterschaft ist das Ziel des FCM. Wie schwer ist es, das Team noch mal richtig zu motivieren?
Das Halle-Spiel am Sonnabend wird am schwierigsten, weil die Eindrücke vom Aufstieg noch so präsent sind und weil wir ein bisschen die Luft rausgelassen haben. Meine Hoffnung ist, dass die Jungs, die zuletzt nicht so oft dabei waren, zeigen wollen, dass sie zu Unrecht nicht aufgestellt wurden.

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