Magdeburg l Als Konrad Mieth im Frühjahr 1990 als Stadtratspräsident die erste Sitzung des ersten frei gewählten Stadtparlaments von Magdeburg nach der Wende eröffnete, hatte er seit seiner Geburt im Mai 1926 schon so viel erlebt, dass es glatt für zwei und drei Leben reichen würde. „Eigentlich kam die Wende für mich etwas zu spät, denn genau in dem Jahr wurde ich pensioniert“, blickt Konrad Mieth im Volksstimme-Gespräch zurück.

Allerdings wollte er in der Wendezeit und in den Umbruchjahren nach 1989 die Politik in Magdeburg und im Land mitgestalten. „Ich bin 1989 in die SPD eingetreten und habe mich 1990 auch als Stadtratskandidat aufstellen lassen.“ Nach der Wahl führte Konrad Mieth dann ab Mai 1990 eine Legislaturperiode lang als Präsident den Magdeburger Stadtrat an. „Wichtig war, dass wir ein wirklich gutes Präsidium waren, das über alle Partei- grenzen hinweg hervorragend zusammengearbeitet hat“, erinnert sich Konrad Mieth. Und das Präsidium von damals, dem neben Mieth auch Barbara Bertram, Günter Neum, Hansi Boese, Eva Grigoleit, Edeltraud Radojewski und Axel Arand angehörten, trifft sich noch heute regelmäßig mehrmals im Jahr. „Damals hatte das Stadtratsplenum noch 150 Abgeordnete, und keiner wusste so richtig, was alles notwendig war und wie die Arbeit im Stadtrat richtig funktionieren sollte“, sagt Konrad Mieth. „Da war ein starkes Präsidium unbedingt notwendig.“

Seit 1990 hat Konrad Mieth in vielen politischen und gesellschaftlichen Bereichen in Magdeburg und in Sachsen-Anhalt Spuren hinterlassen. Er war im Vorstand der Magdeburger Stadtsparkasse, hat die Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Sachsen-Anhalt mit aufgebaut, war im Beirat der Justizvollzugsanstalt Magdeburg, er war in der Seniorenvertretung der Stadt aktiv und im Kuratorium für den Wiederaufbau der Johanniskirche. Auch war er Kreis- und Stadtwahlleiter. „Mit 69 Jahren bin aus dem Stadtrat nach einer Wahlperiode dann wieder ausgeschieden, und mit 80 Jahren habe ich mir dann gesagt: Jetzt ist genug, auch mit Ehrenämtern.“

Für sein politisches und ehrenamtliches Engagement wurde Konrad Mieth mit dem ersten „Goldenen Ring“ der Stadt Magdeburg geehrt, durfte sich ins goldene Buch der Stadt eintragen und wurde mit dem Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik ausgezeichnet.

Krieg, Bergwerk, Pfarrer in Berlin

Das war Konrad Mieths „Magdeburger Leben“ nach 1989. Vorher durchlebte er noch weitere. Geboren wurde er 1926 im Erzgebirge, seine Kindheit und Jugend verbrachte er aber in Leipzig. Schüler der berühmten Thomasschule war er, wo sich auch seine Liebe zur Musik und vor allem zu Johann Sebastian Bach entwickelte. Noch heute steht in Mieths Wohnung ein Cembalo, das er lange selbst gespielt hat. Nach dem Abitur fing er an, evangelische Theologie zu studieren. Mit 17 musste er noch als „letztes Aufgebot“ in den Zweiten Weltkrieg ziehen, geriet aber schnell in amerikanische Gefangenschaft. „Ich landete in einem belgischen Kohlenbergwerk und musste untertage schuften.“ Das Elend des Krieges, das er in diesen Jahren erleben musste, auch das hat ihn geprägt.

Eines Tages wurde er dann zum Kommandanten des Gefangenenlagers gerufen. „Man sagte mir, dass in Berlin in der damaligen ,Ostzone‘ dringend Pastoren gesucht würden und da ich doch Theologiestudent sei, sei ich der Richtige dafür.“ Mieth sagt zu und ist schon nach wenigen Tagen raus aus der Kriegsgefangenschaft. Er studiert erst in Bethanien bei Bielefeld, dann in Berlin, in Leipzig und in Göttingen, geht als Vikar nach Radebeul. Danach ist seine Aufgabe, in Ost-Berlin christliche Studentengemeinden aufzubauen. Dort erlebt er die Aufstände vom 17. Juni 1953 mit. Dann übernimmt er eine kleine Gemeinde in Sachsen, wird nach zehn Jahren Studentenpfarrer in Berlin. „Das war zu der Zeit, als dort die Studentenunruhen ausgebrochen sind. Es war eine schwierige Zeit.“

Nach sechs Jahren wird er aus Berlin abgerufen. Seine neue Aufgabe: Im ersten Neubaugebiet von Karl-Marx-Stadt eine Kirchengemeinde aufbauen - mitten im „Vorzeigesozialismus“. Wieder ist Konrad Mieth an einer Art „Frontlinie“ im Einsatz.

Kirchenregierung und die Finanzen

Mit 50 wird für ihn das berufliche Leben etwas leichter, allerdings nicht uninteressanter. Mieth wird ins Konsistorium der Kirchenprovinz Sachsen berufen und leitet von da an das Finanzwesen der Kirchenprovinz. Und ab 1976 bleibt Konrad Mieth dann auch in Magdeburg. Mit seiner Ehefrau Maria und seinen fünf Kindern, die ihm 14 Enkelkinder und vier Urenkel schenken.

Am 8. Mai feiert Konrad Mieth in der Kreuzkirche in Nordwest seinen 90. Geburtstag - und blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Aber er bleibt in der Gegenwart verhaftet. „Wenn ich jünger wäre, würde ich sofort Flüchtlinge aufnehmen. Die Aufnahme von Flüchtlingen darf nicht begrenzt werden“, so sein Kommentar zur Flüchtlingskrise.

Und er wünscht sich zu seinem 90. auch keine Geschenke, lieber Spenden für den Magdeburger Kantatenchor.