Salzwedel l Nadin Schumann und André Ballack gehören zu den etwa 250 Mitarbeitern der Regiocom Salzwedel GmbH. Sie suchen täglich ihren Arbeitsplatz an der Arendseer Straße auf und führen zahllose Kundengespräche. Dass André Ballack seit einem Autounfall vor etwa 20 Jahren im Rollstuhl sitzt und Nadin Schumann als kleines Mädchen allmählich ihr Sehvermögen verlor, ist an ihrem Arbeitsplatz nicht von Bedeutung.

„Bei uns arbeiten 16 Kollegen mit Behinderungen, darunter zwei Rollstuhlfahrer“, sagt Michael Ermisch, Bereichsleiter im Salzwedeler Servicecenter. Die Voraussetzungen seien vorhanden: höhenverstellbare Tische, damit Rollstuhlfahrer oder auch kleinwüchsige Menschen an ihnen arbeiten können. Nadin Schumann erledigt ihre Arbeit mithilfe einer Computertastatur, auf der die Buchstaben in Braille-Schrift stehen. Wenn es um Einstellungen geht, die nicht programmierbar sind, steht ihr Gabriele Schulze als Assistentin zur Seite. „Das hat gleich gepasst“, erinnert sich Nadin Schumann an das erste Zusammentreffen.

Gebärdendolmetscher

Auch die Einstellung eines gehörlosen Mitarbeiters sei kein Problem, sagt Michael Ermisch. Schließlich seien auch Schriftarbeiten zu erledigen, für die keine Sprache erforderlich sei. Für die Verständigung benötige man dann einen Gebärdendolmetscher. Dieser werde über die Rentenkasse finanziert, während Gabriele Schulze als Assistentin von Nadin Schumann beim Unternehmen angestellt ist.

Im Gegensatz zu André Ballack und Nadin Schumann sind 147 Menschen mit Behinderung aus der Region bei der Agentur für Arbeit als arbeitslos gemeldet. Nahezu 75 Prozent von ihnen haben eine Ausbildung absolviert. Etwa ein Drittel ist älter als 55 Jahre.

„Bei der Beschäftigung von Menschen mit Behinderung gibt es durchaus noch Aufholbedarf, denn viele Betriebe im Agenturbezirk kommen ihrer gesetzlichen Beschäftigungspflicht nicht im vollen Umfang nach“, so Markus Nitsch, Chef der Agentur für Arbeit Stendal. Demnach müssen Unternehmen mit mehr als 20 Beschäftigten fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit Schwerbehinderten besetzen. Diese Quote wird im Agenturbezirk mit 3,6 Prozent nicht erfüllt.

Suche nach Job

„Viele schreckt die Behinderung ab“, so die Erfahrung von André Ballack. Der Packebuscher wollte eigentlich Tischler werden, absolvierte erst eine Lehre als Koch und nach der Rehabilitation eine weitere Ausbildung als Bauzeichner. Danach folgte eine zermürbende Suche nach einem Arbeitsplatz, unterbrochen von mehreren Praktika, an deren Ende er jeweils aus verschiedensten Gründen nicht übernommen werden konnte.

Nadin Schumann träumte von einer Arbeit als Gerichtsprotokollantin. Immerhin hatte sie eine Ausbildung als Fachkraft für Textverarbeitung absolviert, Stenografiekenntnisse inklusive. Doch zunächst wurde sie Mutter einer Tochter. 2004 bis 2008 nahm sie als festangestellte Sängerin an einem Musikprojekt der Stiftung für Blinde und Sehbehinderte in Frankfurt/Main teil. 2012 kehrte sie nach Salzwedel zurück. Am 3. März 2014, genau um 8 Uhr, habe sie ihre Arbeit bei Regiocom begonnen. Das Vorstellungsgespräch fand bereits im Mai 2013 statt. Dazwischen lagen viele Auseinandersetzungen mit zuständigen Stellen über die Kostenübernahme für den täglichen Weg zur Arbeit.

„Viele Unternehmen scheuen sich, den Weg zu gehen und Kollegen mit Behinderungen einzustellen“, so die Erfahrung von Michael Ermisch. So würden höhere Kosten und eine überbordende Bürokratie befürchtet. Sein Tipp: Kontakt mit der Agentur für Arbeit und dem Integrationsfachdienst Stendal aufnehmen. „Von diesen beiden Institutionen wurden wir in der Anfangsphase massiv unterstützt.“ So ist beispielsweise bei der Agentur für Arbeit nicht nur eine spezielle Beratung von Arbeitgebern für die Einstellung von Menschen mit Behinderung möglich. Zuschüsse zur Ausbildungsvergütung können ebenso gewährt werden wie eine Förderung von Beschäftigungen auf Probe, ein Eingliederungszuschuss oder ein Ausgleich durch technische Hilfen.

Nicht abschrecken lassen

Sich von den körperlichen Einschränkungen der potenziellen Bewerber abschrecken zu lassen, ist aus Sicht von Michael Ermisch die falsche Denkweise. Oft bringen diese Menschen eine gute Ausbildung mit, wollen arbeiten, seien dementsprechend motiviert, „und man bekommt ja auch die Arbeitsleistung zurück.“

Inzwischen habe man bei Regiocom, was die Einstellung von Menschen mit Behinderung angeht, umfangreiche Erfahrungen gesammelt. „Kerstin Persky, die bei uns als Ansprechpartnerin für Kollegen mit Behinderung fungiert, hat sich inzwischen zu einer wahren Expertin in allen damit zusammenhängenden Fragen entwickelt“, berichtet Michael Ermisch.

Auch Nadin Schumann und André Ballack wissen die Unterstützung zu schätzen. „Wenn wir Frau Persky und Mandy Ludwig vom Integrationsfachdienst nicht gehabt hätten ...“, sagt André Ballack.

Bewerbung erwünscht

„Wir würden uns auch freuen, wenn wir mehr Bewerbungen von Menschen mit Behinderungen bekommen würden“, so Michael Ermisch. Diese würden ein ganz normales Bewerbungsverfahren durchlaufen und könnten dann selbst über den wöchentlichen Arbeitsumfang entscheiden. 30 Stunden seien dabei die untere Grenze.

Für André Ballack ist seine Arbeit Selbstbestätigung. „Man muss nicht um Unterstützung betteln, und die Zuweisungen der Arbeitsagentur sind ja auch nicht so umfangreich.“ Vom eigenen Einkommen habe er jetzt die Möglichkeit, auch etwas zu sparen.

„Dass ich blind bin, ist noch keinem Kunden aufgefallen“, erzählt Nadin Schumann. Auch das regelmäßige Feedback ihrer Teamleiterin finde sie super.

Anstatt Menschen mit Behinderung Hindernisse in den Weg zu legen, wenn sie arbeiten wollen und diese erst bei entsprechendem Nachdruck zu beseitigen, sollte es selbstverständlich sein, dass Leute wie André Ballack und sie Arbeit haben, betont die Salzwedelerin mit Nachdruck.