München l Als Ernest Hemingway im Oktober 1948 mit seiner vierten Frau Mary nach Venedig kommt, ist er schon bekannt wie ein bunter Hund, aber „sehr krank, so krank wie noch nie in seinem Leben“. Vor allem hat er lange Zeit kein Buch mehr geschrieben. In Italien nun will er seine Depressionen und seine Schreibblockade überwinden.

„Du wirst den Menschen hier folgen und dich unter sie mischen, du wirst die Stadt in dich aufnehmen und schauen, ob du ihr ein paar Geschichten abtrotzen kannst“, lässt Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil ihn sagen.

Aus Venedig schöpft Hemingway (1899–1961) dann auch Inspiration für seinen Roman „Über den Fluss und in die Wälder“, dort reift gedanklich seine Erzählung „Der alte Mann und das Meer“.

Der Kölner Autor Ortheil spürt in seinem Roman dem steinigen Weg zu diesem Erfolg nach. Er beschreibt Hemingways Hang zum Alkohol, die sich verschärfende Ehekrise, die beginnende Liebelei mit einer 30 Jahre jüngeren venezianischen Schönheit.

Neue Stadt, neuer Autor

Ortheil, der unter anderen bereits auf Goethes Spuren in Rom wandelte, hat sich für seinen Roman „Der von den Löwen träumte“ nach Venedig aufgemacht, jene Orte besucht, die für Hemingway zwischenzeitlich Zuhause waren. Die legendäre „Harry‘s Bar“, die Locanda Cipriani im einsamen Torcello, wo der Kölner gar am Schreibtisch von Hemingway arbeitete, die weite Lagunenlandschaft, der Fischmarkt.

Die 352 Seiten sind eine wunderbar zu lesende Zeitreise in eine Venedig-Welt fern der heutigen Touristen-Schwemme. Ruhig und beschaulich geht es zu, selbst wenn damals schon jedermann den Schriftsteller erkennt und Reporter auf Hatz sind nach einer Hemingway-Story.

Letztlich tratscht die Presse immer mehr. Ganz Venedig zerreißt sich das Maul über die Liebschaft des 50-Jährigen zur jungen Adriana. Hemingway wird sie als Renata zu einer Hauptperson in seinem Roman „Über den Fluss und in die Wälder“ erheben, an der Seite seines Alter Ego Richard Cantwell, eines Colonels der amerikanischen Infanterie, der geschwächt ist vom Kriegsgeschehen und in Venedig zu sich selbst sucht. Wie Hemingway, der als junger Mann im Ersten Weltkrieg nördlich von Venedig schwer verwundet wurde.

Ortheil beschreibt mit seinem großen Gespür für das venezianische Ambiente all das so intensiv, dass man meint, mit dem stattlichen, kräftigen Mann in der Bar zu sitzen, wenn er Gin für Gin trinkt oder seinen „Montgomery“. Man öffnet im Gritti Hotel die Türen, hört die Kirchenglocken, sitzt gemeinsam mit ihm am Frühstückstisch und im Fischerboot, das der junge Paolo lenkt, der Hemingway seine Dienste anbietet.

Paolo, da ist er schon mehr Freund als nur Bote, animiert den Amerikaner zur Fahrt hinaus aufs Meer, auf dessen Wellen Hemingway gedanklich den Kampf mit einem gigantischen Fisch führt. Paolo sagt nur: „Du bist ein alter Mann, den es hinaus auf das Meer zieht. Diese Geschichte hättest Du schreiben sollen.“ Ortheil vermag es, den Leser spüren zu lassen, wie diese Sätze durch Hemingways Kopf schießen.

Als der in Venedig so Verehrte wieder zurück auf seiner Finca in Kuba ist, im Gepäck all seine Beobachtungen und Notizen, schickt er seinem jungen Freund Paolo das schmale Buch „The Old Man and the Sea“. Paolo liest es sofort bis zum Ende, klappt es zu und hat Tränen in den Augen.

Für die Mann-Meer-Geschichte wird Hemingway 1953 den Pulitzerpreis bekommen, ein Jahr später den Literaturnobelpreis.