Tallinn (dpa) - Er gilt als der stille Superstar der zeitgenössischen Musik: Arvo Pärts Werke werden weltweit aufgeführt und als einzigartige Klangwelten bewundert. Mit einfachen musikalischen Mitteln avancierte er zu einem der erfolgreichsten Komponisten der Gegenwart.

Nun feiert der berühmte Tonsetzer am Freitag (11. September) seinen 85. Geburtstag - in seiner Heimat Estland. Dort ist ihm mit einem Kulturzentrum bereits zu Lebzeiten eine Art Denkmal gesetzt worden. Hier arbeitet der Komponist auch im fortgeschrittenen Alter weiter an neuen Werken.

Seine Musik ist geprägt von Ruhe, Melancholie und Schlichtheit - sie kommt zumeist leise, unaufdringlich und manchmal geradezu schüchtern daher. Mit wenigen Tönen füllt Pärt große Räume - und berührt damit den Zuho¨rer. Es ist eine Musik, die zum Nachdenken veranlasst und durchaus Konzentration erfordert. "Stille ist immer vollkommener als Musik. Man muss lernen, ihr zuzuhören", sagte Pärt einmal.

Zu Pärts Bewunderern zählen Musiker und Künstler verschiedener Genres. Popstar Sting bezeichnet ihn als "einen meiner musikalischen Helden", auch Björk, Nick Cave oder R.E.M. verehren ihn. Kritiker dagegen bemängeln die vermeintliche Schlichtheit seines Werks, werfen ihm weltferne Mystik vor und tun ihn als Schöpfer von esoterischem Kitsch ab.

Die Musik des Esten unterliegt strengen Regeln. Geprägt ist sie von der radikalen Reduzierung der kompositorischen Mittel auf wenige rhythmische, melodische und harmonische Elemente. "Ich habe entdeckt, dass es genügt, wenn ein einziger Ton schön gespielt wird", sagt Pärt selbst.

Erarbeitet hatte der 1935 im estnischen Paide geborene Musiker, der schon mit 14 Jahren seine ersten Kompositionen schuf, seinen persönlichen Stil während einer mehrjährigen Schaffenspause nach 1968. Das kompositorische Prinzip nennt er "Tintinnabuli" (lateinisch für "Glöckchen"), das in einigen seiner bekanntesten Werke wie "Für Alina" und "Spiegel im Spiegel" erkennbar ist. Es beruht auf einem "Klingeln" des Dreiklangs, dessen drei Töne das ganze Stück über mittönen und mit der sogenannten Melodiestimme verknüpft sind.

Pärt kam dazu über Umwege. Zu Beginn seiner Karriere schlug der in der Öffentlichkeit eher scheu und schüchtern wirkende Komponist noch vollkommen andere Töne an. Der Este experimentierte nach seinem Kompositionsstudium in den 1960er Jahren erst mit Neoklassizismus, Zwölftontechnik, seriellen Formen und Collage-Technik. Damit wurde der Musiker mit der hohen Stirn und dem Popenbart seinerzeit zu einem der radikalsten Vertreter der sowjetischen Avantgarde.

Seine Kompositionen wurden in der damaligen Sowjetunion mal erlaubt und gefeiert, mal verfemt und verboten. Auch Pärts religiöse Haltung erregte den Unmut der Kulturfunktionäre. 1980 zog der Komponist die Konsequenzen aus dem zunehmenden Druck und siedelte mit seiner Frau Nora und den beiden Söhnen in den Westen über - erst nach Wien, ein Jahr später dann weiter nach West-Berlin. Groß heraus kam er dort mit Veröffentlichungen beim Münchner Plattenlabel ECM, die entscheidend für seinen internationalen Durchbruch wurden.

Dass Pärt auch abseits des Klassik-Marktes bei vielen einen Nerv trifft, beweisen nicht nur die Aufführungszahlen und Plattenverkäufe, sondern auch seine Popularität bei Filmemachern. Seine Werke dienen oft zur Untermalung von Kinostreifen und sind auf unzähligen Tonträgern eingespielt. Lang ist auch Liste an Preisen und Auszeichnungen, die Pärt in seinem Leben bereits erhalten hat.

Trotz aller Erfolge und der weltweiten Anerkennung sind ihm Glanz und Glamour fremd. Pärt ist fest auf dem Boden geblieben, sieht Musik als seine Berufung an und wird inspiriert von der Natur. Stets hat er auch ein offenes Ohr für Musiker, die seine Werke interpretieren. So wird er selbst an seinem Geburtstag beim Nargenfestival in Estland den Proben für das Festkonzert zu seinen Ehren beiwohnen, wie eine Mitarbeiterin auf Anfrage mitteilte.

Pärt ist vor gut 10 Jahren wieder aus Berlin in seine Heimat zurückgekehrt. "Arvo Pärt hat dem estnischen Volk seine Identität gegeben, er verkörpert das, was das Land ausmacht, er verkörpert die Mentalität und den Geist der Kulturnation", umschrieb Kristjan Järvi, der frühere Chefdirigent des MDR-Sinfonieorchesters in Leipzig, im Deutschlandfunk einmal die Bedeutung Pärts für sein Heimatland.

Sinnbild für die große Wertschätzung in Estland für den hageren, asketisch wirkenden Komponisten ist das 2018 eröffnete Arvo-Pärt-Zentrum. Rund 8,3 Millionen Euro hat sich der estnische Staat den lichtdurchfluteten Neubau in einem Kiefernwald nahe der Ostsee kosten lassen. Rund 35 Kilometer von Tallinn entfernt, finden sich darin ein Archiv samt Forschungsstelle, ein Konzertsaal mit 150 Sitzplätzen, eine Bibliothek, Lese- und Seminarräume und Ausstellungsflächen.

Mit etwas Glück können Besucher den Meisterkomponisten auch selbst treffen: Pärt erfreue sich nach Angaben einer Mitarbeiterin "ausgezeichneter Gesundheit" und sei nahezu jeden Tag im Zentrum, um dort in seinem Arbeitszimmer zu komponieren. Ausgestattet ist es mit Möbiliar aus der langjährigen Berliner Wohnung.

Und wer ihm dann tatsächlich begegnet, stößt auf einen freundlichen und demütig wirkenden Mann mit hellen, wachen Augen. Meist an seiner Seite ist seine Frau Nora, die häufig für den wortkargen Komponisten spricht. Interviews gibt der medienscheue Pa¨rt kaum. "Musik sagt, was ich zu sagen habe", sagte er einmal.

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