„Die werden geschlachtet“: Demo für Aufnahme von Afghanen

Selbst starker Regen hält Hunderte Demonstranten nicht davon ab, im Berliner Regierungsviertel mehr Verantwortung für Menschen in Afghanistan zu fordern. Die Anklage steht auf einem Transparent: „Ihr habt versagt.“

Von dpa
Der Zug einer Demonstration zieht vor dem Reichstagsgebäude über die Marschallbrücke.
Der Zug einer Demonstration zieht vor dem Reichstagsgebäude über die Marschallbrücke. Christoph Soeder/dpa

Berlin - Im strömenden Regen haben in Berlin Hunderte Demonstranten die Aufnahme bedrohter Menschen aus Afghanistan gefordert. Redner verlangten vor dem Kanzleramt unter anderem ein schnelles Ausfliegen von Ortskräften der Bundeswehr, Menschenrechtsaktivisten, Frauenrechtlerinnen, Wissenschaftlerinnen und Sportlerinnen. Die Berliner Polizei sprach von rund 1700 Teilnehmenden. Darunter waren viele junge Leute und Frauen. Sie zogen am Nachmittag mit Regenschirmen durch das Regierungsviertel zum Auswärtigen Amt.

Aufgerufen zu dem Protest hatte unter dem Motto „Afghanistan: Verantwortung übernehmen - Aufnahme jetzt!“ ein Bündnis von Hilfsorganisationen, darunter Seebrücke, Pro Asyl und der Flüchtlingsrat Berlin.

Auf der Kundgebung wurden auch Forderungen nach Familienzusammenführung laut. „Rettet meine Frau und meine Familie aus Afghanistan“, hatte ein Demonstrant auf sein Plakat geschrieben. Ein afghanischer Redner ist nach eigenen Angaben vor fünf Tagen vor dem Auswärtigen Amt in den Hungerstreik getreten. Es sagte, dass sein Bruder in Afghanistan neun Jahre lang für die Bundeswehr gearbeitet habe. Deutschland habe seinen Bruder sowie dessen Frau und Kinder im Stich gelassen. „Die werden geschlachtet.“ Auf einem anderen Transparent ist in großen Lettern zu lesen: „Ihr habt versagt“.

„Afghanische Verbände fordern seit Monaten, dass gefährdete Menschen aus Afghanistan evakuiert werden“, heißt es am Sonntag vom Afghanischen Kommunikations- und Kulturzentrum in Deutschland. „Die Bundesregierung hat uns viel zu lange ignoriert.“ Deutschland habe seine Menschenrechtspflicht verschlafen. „Wir fordern von der Bundesregierung, die Evakuierungen deutlich zu beschleunigen“, sagt Maura Magni von der Hilfsorganisation Seebrücke.

Fast zwei Drittel der Bundesbürger sind nach einer Online-Umfrage dafür, bedrohten Menschen aus Afghanistan Schutz in Deutschland zu gewähren. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov sprachen sich 63 Prozent der rund 1000 Befragten dafür aus, dass die Bundesregierung Verfolgten helfen sollte. Gefragt wurde hier zum Beispiel nach Frauen und politisch Verfolgten. 37 Prozent der Interviewten votierten dabei mit „Ja“, 26 Prozent mit „Eher ja“.

27 Prozent waren gegen die Aufnahme von Menschen aus Afghanistan. 14 Prozent antworteten auf diese Frage mit „Nein“, 13 Prozent mit „Eher Nein“. In Auftrag gegeben hat die Umfrage die Hilfsorganisation Seebrücke. Die Ergebnisse sind nach Angaben von YouGov repräsentativ für Bundesbürger ab 18 Jahren. Die Befragung lief am vergangenen Donnerstag und Freitag.