Kabul (dpa) l Es war ein besonderer Besuch – der erste seit sieben Monaten und Zeichen für ein wieder erwärmtes Verhältnis zwischen Pakistan und Afghanistan. Am Sonntag reiste der pakistanische Armeechef Asim Bajwa nach Kabul, um zu diskutieren, wie man die Taliban zu Friedensgesprächen bewegen könne.

Anfang Dezember hatten der afghanische Regierungschef Aschraf Ghani und der pakistanische Ministerpräsident Nawaz Sharif in Islamabad beschlossen, noch einmal Gespräche mit den Taliban zu versuchen. Pakistan ist wichtig für derartige Kontakte. Man wirft dem Land vor, die Aufständischen in Afghanistan unterstützt zu haben.

Seitdem vor einem Jahr pakistanische Taliban 136 Kinder an einer Schule in Peshawar massakrierten, scheint es aber ein Umdenken in Pakistan gegeben zu haben. Es gab Militäroffensiven gegen Teile der eigenen Extremisten. Und im Sommer schaffte es Islamabad, die afghanische Regierung mit Taliban zusammenzubringen.

Die Gespräche scheiterten allerdings, als von unbekannter Seite die Nachricht vom Tod des langjährigen Talibanchefs Mullah Omar lanciert wurde. Das stürzte die Bewegung in einen Nachfolgestreit, der bis heute andauert. Pakistan beschuldige Afghanistan – Afghanistan beschuldigt Pakistan. Eine Anschlags-Serie in Kabul machte dem Verhältnis vorerst den Garaus.

Nun also wieder von Anfang an? Der Außenpolitikberater der pakistanischen Regierung, Sartaj Aziz, sagte Anfang der Woche, Gespräche könnten schon im Januar beginnen.

Der Optimismus wirkt allerdings seltsam zu einer Zeit, da die Taliban militärische Erfolge in der wichtigen Südprovinz Helmand feiern, einen Anschlag nach dem nächsten verüben und Friedensgespräche explizit absagen. „Wieso denn aufgeben – wir gewinnen doch“, war der Tenor eines Tweets. In einer anderen Nachricht nannten die Taliban die Verlängerung der UN-Sanktionen gegen sie sowie die Präsenz ausländischer Truppen in Afghanistan als Gründe zum weiterkämpfen.

Ist wirklich zu erwarten, dass nach vielen gescheiterten Versuchen im Januar der Frieden ausbricht? Und was kann Pakistan tun, um die Taliban an den Tisch zu bekommen?

Die Meinungen sind geteilt – sowohl, was den Willen der Taliban angeht, sich auf Gespräche einzulassen, als auch hinsichtlich der Fähigkeit Pakistans, sie dazu zu bewegen.

Pakistans Regierung betont, nur noch eingeschränkt Einfluss auf die Taliban zu haben. Teile der afghanischen Regierung bezweifeln das laut und öffentlich. Ob es stimmt oder nicht, ist schwer zu ermessen. Ein westlicher Beobachter meinte am Sonntag in Islamabad, dass Pakistan neue Interessen habe – und Gemeinsamkeiten mit Afghanistan.

Eine solche Gemeinsamkeit ist die Bekämpfung der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Die wird in beiden Ländern aktiver. Der IS will eine Provinz „Khorasan“ etablieren und hat dafür sowohl afghanisches als auch pakistanische Staatsgebiet im Auge. Erst am 25. Dezember hatte der IS ein Video veröffentlicht, das nach Medienberichten brutale Exekutionen pakistanischer Soldaten sowie einen Anschlag auf einen Polizeiposten in Afghanistan zeigt.

Bedrohung für beide Länder

„Dies ist eine Bedrohung für beide Länder“, sagt ein westlicher Talibanexperte in Kabul. Außerdem seien viele der Kämpfer, die sich nun in Afghanistan dem IS anschlössen, ehemalige pakistanische Taliban – die Pakistan seit dem Schulmassaker erbittert bekämpft. Seit dem Sommer gebe es mithilfe afghanischer Geheimdiensterkenntnisse immer mehr Drohnenangriffe auf IS-Ziele, sagte der Experte. „Und plötzlich bekämpft Afghanistan die Feinde Pakistans – hier haben wir einen neuen gemeinsamen Nenner.“

Zur Bereitschaft der Taliban an Gesprächen gibt es überraschend positive Rückmeldung aus Afghanistan. Sie laufen auf das Motto hinaus, dass der Kampf das Verhandeln nicht ausschließe.

Der ehemalige Taliban-Kontaktmann bei den Vereinten Nationen und Mitglied des Hohen Friedensrats, Abdul Hakim Mudschahid, versichert, dass die neue Talibanführung definitiv Interesse an Friedensgesprächen habe. „Mullah Achtar Mansur hat das mehrmals gesagt.“ Der Mullah gelte als Pakistan-nah und könnte eine von Pakistan ausgesprochene Einladung zu Verhandlungen positiv aufnehmen.

Extreme Unterschiede

Der Sicherheitsanalyst und Ex-Taliban Wahid Muschda sagt, bisher habe er noch nichts davon gehört, dass Taliban an Treffen in Pakistan teilnehmen würden. Es gebe aber Gerüchte über ein Treffen in Saudi-Arabien. Allerdings erschwere der interne Streit um die Führung Verhandlungen, weil er die Bewegung fragmentiert habe.

Sollte es wirklich zu einer weiteren Runde von Gesprächen kommen, wäre es ein Treffen zweier Parteien, die über fast alles extrem unterschiedlich denken: Emirat oder Republik, Gesetzbuch oder Scharia, Rechte für alle Menschen oder einige wenige, die manch anderen Rechte gewähren? Um Frieden würde es dabei wohl zunächst nicht gehen – noch lange nicht.