Hannover (dpa) l Um starke Worte ist Gerhard Schröder auch heute nicht verlegen. „Traurig“ mache es ihn, dass die SPD nicht erkannt habe, dass man wirtschaftliche Kompetenz ausstrahlen müsse, sagte er kürzlich in Berlin. Für die aktuelle SPD-Spitze sind solche Kommentare des Alt-Bundeskanzlers nichts Ungewohntes.

Nicht einmal SPD-Chefin Andrea Nahles selbst würde von sich behaupten, sie habe ökonomische Kompetenz, hatte der frühere Parteichef ihr zuvor in einem Interview ins Stammbuch geschrieben.

Schröders flapsige Sprüche

Provokationen, Pointen, schillerndes Auftreten, Volksnähe, politische Leidenschaft und Lebenslust prägen Schröders Bild auch 14 Jahre nach der Amtsübergabe an Angela Merkel. Am Sonntag wird Schröder 75.

Legendär sind nicht nur seine flapsigen Sprüche – ob der Kanzler bei einer Autogrammstunde „Hol mir mal 'ne Flasche Bier, sonst streik‘ ich hier“ forderte oder die Zuständigkeit des Ministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend nach der gewonnenen Bundestagswahl 1998 mit „Familie und das ganze Gedöns“ umschrieb.

Tatsächlich sind Schröders Kanzlerjahre als Reformphase nach 16 Jahren Kanzlerschaft Helmut Kohls in die Nachkriegsgeschichte eingegangen. Aber „Agenda 2010“, „Hartz IV“ und die damit verbundenen Härten haben auch einen bitteren Beigeschmack. Spektakulär verweigerte Schröder 2003 den USA die Gefolgschaft im Irakkrieg: „Für Abenteuer stehen wir nicht zur Verfügung.“

Putins langjähriger Freund

Ob als langjähriger Freund des russischen Präsidenten Wladimir Putin oder als Aufsichtsratschef des russischen Energiekonzerns Rosneft – Schröder lässt keinen Zweifel daran, dass er zu seinen umstrittenen Positionen und Haltungen steht.

Schröder liebte den Wahlkampf

Er liebte den Wahlkampf. Reden konnte er wie kein zweiter. Mit seiner markanten rauen Stimme brachte er jeden Saal zum Kochen. Schröder sei einer der „besten Wahlkämpfer, die Europa gesehen hat“, sagte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) über ihn. Unterschätzt habe sie ihn und sein unbedingtes Machtbewusstsein nie.

„Leidenschaft ist wichtiger als Augenmaß“, sagte Schröder einst über sich selbst. Das erklärt recht gut, weshalb er wiederholt vom Testosteron über das eigene Ziel hinausgespült wurde. Sein Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) attestierte ihm eine „feinsinnige Art zu holzen“.

In seiner Partei ist Schröders Bild eher gespalten. Heute sehen ihn viele Parteimitglieder – nicht nur wegen seiner provokanten Attitüde – am liebsten von hinten. Auch als Privatier mischt sich der Ex-Kanzler, gefragt oder ungefragt, noch gerne in die Tagespolitik ein. Mit einer eigenwilligen Sicht auf das Weltgeschehen bringt er die SPD regelmäßig in Erklärungsnot.

Höchst umstritten wegen Reformen

Wer Schröder mit all seinem Selbstbewusstsein verstehen will, muss in die frühen Tage zurückblicken. „Gerhard Schröder hat immer gesagt: Ich bin in der letzten Hütte im Unterdorf groß geworden, unter schwierigen Bedingungen aufgewachsen“, erzählt Franz Müntefering.

Nach seiner Lehre habe Schröder sich über den zweiten Bildungsweg hochgearbeitet. „Bei all seinen manchmal flapsigen Reden und Sprüchen hat mich immer sein Verhältnis zu seiner Mutter mit ihm versöhnt“, sagt der damalige Mitgestalter des Regierungs- und Parteikurses Müntefering. „Er nannte sie Löwe und hat oft erzählt, dass sie der Familie mit Putzen das Leben gesichert hat.“ Liebevoll habe Schröder das stets beschrieben, freundlich. Das alles habe ihn jedenfalls geprägt. „Er konnte auch seine Ellenbogen ausfahren, hat gelernt, dass man kämpfen muss.“

Auch zur Schau gestellter Luxus gehörte für Schröder dazu. Müntefering sagt aber: „Ich war froh, als nach seinem Amtsantritt als Kanzler seine erste Phase mit Brioni und Zigarren vorbei war.“ Glamour umweht den Altkanzler auch heute, etwa als er sich beim diesjährigen Wiener Opernball mit seiner Frau Soyeon Kim glücklich lächelnd auf der Tanzfläche wiegte. Es ist seine fünfte Ehe. Die Hochzeitsparty hatte Schröder im Oktober in großem Stil im Berliner Hotel „Adlon“ steigen lassen.

Auch seinen Geburtstag am 7. April will Schröder nicht daheim in Hannover feiern - sondern nach einem Abstecher zum Festakt anlässlich der Eröffnung des Bauhaus-Museums in Weimar mit seiner Frau dort in der Nähe, entspannt im Urlaub.