London (dpa) l Millionen Briten waren gestern in den Morgenstunden unterwegs, um zum dritten Mal in weniger als fünf Jahren ein neues Parlament zu wählen. In London berichteten Wähler am Vormittag von ungewöhnlich langen Schlangen vor mehreren Wahllokalen.

"Ich habe seit etwa acht Jahren in diesem Wahllokal gewählt, aber ich habe noch nie anstehen müssen", sagte Craig Fordham in Putney. Chris Schofield stand in Bermondsey and Old Southwark in einer Schlange mit etwa 70 anderen Wählern, wie er sagte. „Es ist 20 Mal so viel los wie 2017 und bei lokalen und den Europawahlen“, meinte der 27-Jährige. "Die Atmosphäre ist typisch London: Alle stehen in einer ordentlichen Reihe und niemand spricht mit dem anderen."

Die Spitzenpolitiker wählten schon am Morgen, Jeremy Corbyn im Londoner Stadtteil Islington und Premierminister Boris Johnson in der Nähe seines Amtssitzes in der Downing Street. Er kam mit seinem Hund Dilyn. Johnson und Corbyn posierten für Fotografen, ohne sich politisch zu äußern. Den Hund von Johnson bemühten die Konservativen für einen letzten Wahlaufruf: "Hund Dilyn wünscht, dass Sie die Konservativen wählen", twitterte die Partei am Morgen.

"Ich weiß, wen ich wähle. Ich will, dass dieser Brexit endlich durchgezogen wird", sagte ein Putzmann in London. "Ich habe 1975 für die (EU-)Mitgliedschaft gestimmt ... Mir hat das nichts gebracht. Wir sollten wieder über unser eigenes Schicksal bestimmen können." "Labour ist definitiv besser für Großbritannien", meinte ein Mann, der allein vor dem Parlament gegen angebliche Korruption der Polizei protestierte. Demonstrationen vor dem Unterhaus, die es etwa bei wichtigen Brexit-Abstimmungen gibt, blieben gestern aus.

In Schottland musste ein Wahllokal evakuiert werden, weil in der Nähe ein verdächtiger Gegenstand gefunden worden war. Das Objekt war nach Polizeiangaben in der Nacht zum Donnerstag in einem Wohnhochhaus in Motherwell einige Kilometer südöstlich von Glasgow gefunden worden. Ein 48-jähriger Mann wurde festgenommen. Die Vorrichtung war laut Polizei nicht funktionstüchtig, wurde von Experten aber vorsichtshalber kontrolliert zur Explosion gebracht. Die Wähler mussten ihre Kreuze in einer nahe gelegenen Schule machen.

Wahlforscher hatten zuletzt nur noch einen Vorsprung von 28 Mandaten für die Konservativen vor den anderen Parteien vorausgesagt. Dann kämen sie auf 339 von 650 Sitzen. Für die großangelegte Erhebung im Auftrag der Tageszeitung „The Times“ wurden mehr als 100.000 Menschen über einen Zeitraum von sieben Tagen einschließlich Dienstag befragt. Nach einer Umfrage zwei Wochen früher konnte Johnson noch mit einem Vorsprung von 68 Abgeordneten rechnen.

"Ich weiß, wen ich wähle. Ich will, dass dieser Brexit endlich durchgezogen wird. Ich habe 1975 für die (EU-)Mitgliedschaft gestimmt ... Mir hat das nichts gebracht."

Der Chef der Europäischen Volkspartei, Donald Tusk, pocht darauf, gute Beziehungen zu Großbritannien auch nach dem Brexit aufrechtzuerhalten – unabhängig vom Ausgang der Parlamentswahl: "Die EU sollte alles tun, um die bestmöglichen Beziehungen mit dem Vereinigten Königreich zu haben. Brexit-Müdigkeit kann nicht Müdigkeit gegenüber dem Vereinigten Königreich bedeuten. Was auch immer passiert, wir müssen beste Freunde und engste Partner bleiben", sagte Tusk am Donnerstag am Rande eines Treffens der Staats- und Regierungschefs der EVP vor dem EU-Gipfel in Brüssel.