Am Sonnabend sollte, Stand noch gestern Morgen, in Berlin Fußball gespielt werden: Union gegen Bayern vor 22 000 Zuschauern in der Alten Försterei – mitten in der aufziehenden Corona-Krise. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn begnügte sich damit, die Entscheidungsträger vor Ort zu kritisieren: „Ich bin etwas verwundert, das will ich sagen, über das, was hier in Berlin mit diesem Fußballspiel passiert“, sagte der CDU-Politiker im Deutschlandfunk. Die Verantwortlichen hätten gezeigt, dass sie noch nicht verstanden hätten, worum es geht.

Auch wenn gestern noch entschieden wurde, dass das Spiel doch ohne Zuschauer stattfindet: Der Vorgang offenbart das ganze Chaos beim Umgang mit der Corona-Krise in Deutschland. Und es zeigt die Grenzen des Förderalismus auf, wenn es, wie jetzt, um nationale Fragen wie den Schutz der Bevölkerung geht.

Frankreich sagt Großveranstaltungen ab

Frankreich und die Schweiz haben Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern kurzerhand verboten, Italien hat das Land zur Sperrzone erklärt. Und Deutschland?

Spahn ermuntert, appelliert, äußert Unverständnis. Mehr darf und soll er nicht. So will es das Infektionsschutzgesetz. Es besagt: Zuständig dafür, zu entscheiden, ob Menschen in Quarantäne geschickt werden, Fußballspiele stattfinden oder Schulen schließen, sind die Behörden vor Ort – eine Konsequenz aus den düsteren Erfahrungen mit dem Zentralismus der Nazi-Zeit.

So kommt es, dass Bayern, Baden-Württemberg oder Schleswig-Holstein Spahns Rat befolgen, andere sich aber weiter sperren können. Der Gesundheitsminister hätte die Möglichkeit, auf eine zentrale Regelung – wenigstens in der jetzigen Notlage – hinzuwirken. Doch das tut er nicht. Möglicherweise brauche es in bestimmten Situationen für den Bund „zusätzliche Möglichkeiten“, sagte Spahn laut „Spiegel“ zwar. Die Debatte darüber wolle er jetzt aber nicht führen. Für Deutschland könnte sich das noch als fatal erweisen. Denn nur leidlich gebremst, droht die Zahl der Corona-Fälle zu explodieren. Experten sprechen von exponentiellem Anstieg.

Erfahrungen mit der Spanischen Grippe

Heißt konkret: eine Verdopplung der Fälle in nur sieben Tagen. Ausgehend von bundesweit gut tausend Erkrankten Anfang der Woche käme man ohne Vorbeugung auf mehr als eine Million Fälle bis Mitte Mai, rechnete die „Süddeutsche Zeitung“ vor. Das Zuständigkeits-Chaos verhindert dabei einen Bremsprozess, der der Epidemie das Tempo nehmen könnte, um wertvolle Zeit zu gewinnen. Zeit, um Wirkstoffe zu entwickeln sowie Betten und Personal des Gesundheitssystems nicht zu überlasten. Wie groß die Effekte guten Krisenmanagements ausfallen können, zeigt ein Blick auf die Spanische Grippe 1918/19 in den US-Städten Philadelphia und St. Louis. Diese Grippe forderte damals weltweit bis zu 50 Millionen Menschenleben, bei ähnlicher Sterblichkeit wie heute beim Corona-Virus.

Während die Behörden in Philadelphia nach Auftreten der ersten Erkrankungen drei Wochen abwarteten, sogar noch eine Parade genehmigten, reagierte St. Louis rasch. Schon zwei Tage nach den ersten Fällen schlossen Verwaltung, Schulen, Kirchen, Theater. Die Folge: In Philadelphia schoss die Zahl der Todesfälle in die Höhe. In St. Louis blieb sie gering – stieg erst nach Verbotslockerung nach einem Monat auf viel geringerem Niveau an (siehe Grafik).

Ähnlich lassen sich aktuelle Zahlen aus Taiwan, Singapur oder Vietnam lesen – allesamt Länder, die Erfahrungen mit früheren Virus-Ausbrüchen wie Sars und Schweinegrippe hatten. 2003 starben auf Taiwan 73 Menschen bei einem Sars-Ausbruch.

Taiwan macht es besser

In der Corona-Krise zeigte sich der schweizgroße 24-Millionen-Einwohner-Staat trotz seiner Nähe zu China sehr gut vorbereitet: Nach ersten Berichten von Erkrankten aus China verschärfte Taiwan Grenzkontrollen, führte Fiebermessungen ein. Am 7. Februar wurde ein Einreiseverbot für Personen aus China verhängt. Die Zahl der Erkrankten lag am Dienstag gerade bei 45 – in Deutschland gestern bei 1296.

Spahn indes hielt verschärfte Auflagen sehr lange für nicht nötig, den Karneval im Rheinland ließ er anstandslos abhalten. Erst im Angesicht der nahenden Krise bewegt er sich – schrittweise. So sprach er nach Ankunft des Virus in Italien plötzlich von einer veränderten Lage.

Und Kanzlerin Angela Merkel? Sie hat Corona erst gestern zur Chefsache erklärt. Endlich kündigte sie mit Spahn ein Treffen der Bundesländer an. Der Schritt kommt spät, zu spät. Sechs Wochen sind seit dem ersten Fall in Deutschland verstrichen. Vom Halleschen Virologen Alexander Kekulé kommt zu Recht harte Kritik: Im ZDF sprach er von „Fehleinschätzung“ und „Missmanagement“. Warnungen hätte es gegeben. Die Regierung laufe der Krise hinterher. Die Kanzlerin bekräftigte indes gestern: „Ich finde, dass Jens Spahn einen tollen Job macht“.

Polen (25 bestätige Fälle) hat derweil angekündigt, Schulen und Unis 14 Tage zu schließen. Für Deutschland (1296 Fälle) hielt Spahn auch gestern Schulschließungen nicht für nötig. Was bleibt, ist das ungute Gefühl, von Krisenmanagern regiert zu werden, die eher den Stadtchefs von Philadelphia als jenen von St. Louis gleichen. Die Regierung agiert nicht, sie reagiert nur.