Magdeburg l Als Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) nach der Bluttat von Halle das vermeintliche Aggressionspotenzial der Gaming-Szene im Internet anprangerte, fing er sich reichlich Widerspruch ein. Für Klemens Gutmann, Chef der Magdeburger Softwarefirma regiocom, wirkt Seehofer wie aus einer anderen Welt.

In seiner Firma sei kürzlich ein Ligaspiel des Bundesverbandes Gaming ausgetragen worden. „Das waren sehr überlegte junge Persönlichkeiten“, sagt Gutmann. „Es ging um Konzentrations- und Teamspiel, nicht um Aggessionsabbau.“

Herausforderungen der Digitalisierung

Gutmann vertritt bei der Debatte um die Herausforderungen der Digitalisierung Dienstag im Podium die Wirtschaft, Haseloff die Politik und der evangelische Landesbischof Friedrich Kramer die Kirche.

Kramer umreißt die Aufgabe so: „Die Digitalisierung ist nicht nur technisch zu sehen.“ Man müsse auch fragen: Welches Menschenbild liegt zugrunde? Für Kramer ist der Mensch von Natur aus böse und sei deshalb angewiesen auf die Heilung der Welt.

Der Bischof beklagt den Nachfolgeeffekt, der durch das Internet befödert werde, und nennt als Beispiel Behring Breivik: „Menschen machen nach , was zum Tode führt.“ Bei bestimmten Computerspielen, werde zudem „das Töten ohne Nachdenken“ gelernt. „Das Netz zeigt, wie der Mensch ist. Wir brauchen Normen, das ist für Christen eine große Aufgabe.“

Zeit mit ungewöhnlichem Gemälde

Bei der Vermittlung christlicher Werte im Internet fürchtet Kramer eine zunehmende Verflachung, wenn sich das Netz weiter vom schriftlichen zum mündlichen wegbewegen werde. Gutmann gibt zu bedenken, dass christliche Inhalte auch in früheren Zeiten mit neuen Formaten vermittelt worden seien und erinnert an die in seiner Zeit ungewöhnlichen Gemälde eines Hieronymus Boschs.

Haseloff verweist darauf, dass das Internet natürlich ein privates Geschäftsmodell ist. Zu möglicher Regulierung sagt er: „Da sind wir noch Suchende.“ Für Deutschland kann er sich die obligatorische Angabe des Klarnamens und die Einführung von Nutzergebühren ähnlich den öffentlich-rechtlichen Medien vorstellen. Er plädiert für „Schutzräume und Abschneidegrenzen“. Dabei ist sich der CDU-Politiker im Klaren darüber, dass im angelsächsischen Kulturraum anders gedacht wird. „Wir in Europa mit seinem hohen Datenschutz müssen überlegen, ob wir selbst die Standards setze“, erklärt Haseloff.

Die konträren Reaktionen aus dem Publikum der evangelischen Unternehmer zeigen, dass die Wünsche und Vorstellungen zur Netznutzung weit auseinandergehen.

Die Freiheit im Internet zu bewahren, fordert der eine. Mit strafrechtlichen Mitteln gegen Hasstiraden einzuschreiten, verlangt ein anderer. Auch ethische Standards haben Anhänger.

Zu viele staatliche Eingriffe im Internet hält Reiner Haseloff für problematisch. Er nennt als Beispiel die „Wohlverhaltenskontrolle“ in China, wo die Menschen ständig überwacht und gescannt werden. „Das ist schlimmer als bei Orwell“, erklärt der Ministerpräsident.

Gutmann meint, dass ethische Regeln im Alltag der Informatik nicht durchzusetzen sind. „Sie können bei der Künstlichen Intelligenz als Zielgedanke dienen. Sie sind aber nicht die Lösung, sondern eine Hilfe.“