Berlin/München (dpa) l Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) will den Korruptionsverdacht im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) genauestens prüfen lassen. Er wolle in dieser Woche eine unabhängige Untersuchung anordnen, sagte der CSU-Chef am Sonnabend dem ZDF. „Ich möchte wissen, ob es hier Systemmängel gibt, die solche Dinge ermöglichen.“ Sollte es diese geben, müsse das Bamf reformiert werden. Die Behörde hat neben dem mutmaßlichen Korruptionsskandal auch Probleme mit der Neutralität und Qualifikation von Dolmetschern.

Am Freitag war bekanntgeworden, dass die frühere Leiterin der Bamf-Außenstelle in Bremen von 2013 bis 2016 mindestens 1200 Menschen Asyl gewährt haben soll, obwohl die Voraussetzungen nicht gegeben waren. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Frau und fünf weitere Beschuldigte wegen Bestechlichkeit und „bandenmäßiger Verleitung zur missbräuchlichen Asylantragstellung“. In den meisten Fällen ging es laut Bremer Staatsanwaltschaft um kurdisch-sprachige Menschen, die angaben, Jesiden zu sein.

Bei einem Auftritt vor den CSU-Bezirksverbänden Oberbayern und München sagte er mit Blick auf Bremen: „Das ist ein schlimmer Vorfall, der mich schwer bedrückt.“ Er wolle die Mitarbeiter des Bamf nicht unter Generalverdacht stellen. „Es scheint aber offenbar schräge Entwicklungen gegeben zu haben.“ Dazu zählt auch die mangelnde Vertrauenswürdigkeit einzelner Dolmetscher. So hat das Bamf allein 2017 die Zusammenarbeit mit 30 Dolmetschern „aufgrund von Verletzungen gegen den Verhaltenskodex“ beendet, wie aus einer Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine Anfrage der Linken hervorgeht, über die zuerst die „Bild“-Zeitung berichtet hatte. Darüber hinaus wurden 2017 und 2018 mehr als 2000 Dolmetscher von weiteren Einsätzen ausgenommen.

Nach Angaben des Bamf müssen Dolmetscher für die häufigsten Zielsprachen seit Sommer 2017 ein C1-Sprachzertifikat für die deutsche Sprache nachweisen. Deshalb habe sich die Zahl von rund 7500 auf etwa 5200 im Februar 2018 reduziert. Auf dem C1-Niveau werden ausgeprägte, tiefgehende Kenntnisse der Sprache erwartet.

Das Motiv der Beschuldigten in Bremen ist unklar. Laut „Braunschweiger Zeitung“ ging es der leitenden Bamf-Mitarbeiterin womöglich nicht um Geld. Auf ihrem Twitter-Account habe die Frau immer wieder Beiträge von Pro Asyl und dem Verein „Eziden Weltweit“ geteilt. Die Vertretung jesidischer Verfolgter verteidigte die Bamf-Mitarbeiterin: „Sie handelte wie ein Mensch, der seinem Gewissen folgt, analog dem Gerechten der Völker Oskar Schindler“, hieß es in einer Stellungnahme.