Wochenschau vor 62 Jahren: Ein erwartungsvolles Schmunzeln liegt auf den Gesichtern des Ehepaars Breuninger und ihres 13 Jahre alten Sohns Karl, als sie nach zwölf Jahren in ihre Heimat zurückkehren. Die fünfjährige Tochter kneift dagegen die Brauen zusammen. Als der Zug die Grenze zwischen der Sowjetunion und Polen passierte, hatte sie geweint: Das Land, in dem sie geboren wurde, lag nun hinter ihr. Fröhlich wirkt dagegen ihr Spielkamerad Clemens Pingel, nicht nur, als er das Begrüßungsgeld in seinen Händen wendet. Auch er kam in Russland auf die Welt.

Ihre Väter gehören zu jenen „deutschen Spezialisten“, die nach dem Zweiten Weltkrieg zur Arbeit in der Sowjetunion verpflichtet wurden. Zwischen 3000 und 5000 Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker wurden im Rahmen der geheimen „Aktion Ossawakim“ von den Junkers-Werken in Dessau, den BMW-Werken in Staßfurt, von Siebel in Halle und den Askania-Werken in Berlin abgezogen und mit ihren Familien gen Osten geschickt. Helmut Breuninger hatte als Entwickler von Autopiloten für Flugzeuge bei Askania gearbeitet, Heinrich Pingel als Feinmechaniker. Weil sie anschließend in die BRD wollten, mussten sie am längsten auf die Heimkehr warten.

Den Tag der Abfahrt am 22. Oktober 1946 schildert Helmut Breuninger in seinen Aufzeichnungen so: Frühmorgens klopfte es an der Tür und zwei Offiziere und ein Soldat eröffneten ihm: „Auf Befehl der sowjetischen Militäradministration müssen Sie fünf Jahre in Ihrem Fach in der Sowjetunion arbeiten. Sie werden Ihre Frau und Ihr Kind mitnehmen. Sie können von Ihren Sachen so viel mitnehmen, wie Sie wollen. Packen Sie!“ Davon erzählt Helmut Breuninger nicht selbst, er ist bereits gestorben. Sein 75 Jahre alter Sohn Karl hält die Geschichte lebendig.

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Nach dem Krieg arbeitslos

Breuninger war wie viele, die in der Rüstungsindustrie gearbeitet hatten, nach dem Krieg arbeitslos geworden. Das Angebot von Askania kam wie gerufen. Es war eine der Firmen, bei denen die Russen den Betrieb angekurbelt hatten. Es ging darum, deutsches Wissen abzuschöpfen, vor allem in der Atomforschung, der Raketentechnik und im Flugzeugbau.

Die Männer ersten Ranges waren schon von den Amerikanern abgefischt worden. Helmut Gröttrup war einer der wenigen Verbliebenen, die selbst in Peenemünde gearbeitet hatten. Als früherer Assistent von Wernher von Braun war er der bedeutendste Raketenspezialist, den die russischen Headhunter gewinnen konnten. Also suchten sie in anderen Fachgebieten nach Leuten, die in der Lage waren, etwa Hitlers „Wunderwaffe“, die V2-Rakete, zu rekonstruieren und nachzubauen.

Die Angeworbenen waren froh, dass sie in Nachkriegsdeutschland weiter in ihrer Profession arbeiten konnten. Die Bezahlung war gut und im Vertrag wurde ihnen zugesi-chert, dass sie vom Arbeitsverhältnis zurücktreten könnten, sollte die Firma in ein anderes Land verlegt werden. So wurde ein knappes Jahr lang rekonstruiert und auch produziert, obwohl es nach dem Potsdamer Abkommen verboten war, die Rüstungsproduktion auf deutschem Boden aufzunehmen. Mit der Verlagerung der Betriebe und der Deportation deutscher Spezialisten sollte dieses Problem gelöst werden.

Am 22. Oktober 1946 standen dann Soldaten zum Packen bereit, Kisten und Möbel wurden in Lastwagen geladen und zum Bahnhof gefahren. Trotz des Zeitdrucks versuchten die Soldaten, Wünsche zu erfüllen, und so kam es, dass Männer gefragt wur-den, ob sie lieber Frau oder Geliebte mitnehmen wollten; dass eine Frau ihren Umstandspelzmantel vom Schneider abholen durfte und dass die Frau von Helmut Gröttrup zwei Kühe mitnahm, damit ihre Kinder genug Milch hatten. Der Wunsch, nicht mitfahren zu müssen, wurde mit einem Nicken Richtung Maschinenpistole beantwortet.

Fahrt ins Ungewisse

Es war eine Fahrt ins Ungewisse. Man wusste nicht wohin, man wusste nicht mal, ob man wieder- kommen würde. Nach zwölf Tagen stoppte der Zug in Kujbyschew, einer Stadt an der Wolga, die heute Samara heißt – das neue Zuhause für rund 700 Spezialisten mit ihren Familien. Die Siedlung bestand aus Steinhäusern, Holzhütten und „Finnenhäusern“, einer Reparationsleistung des Nachbarn. Die Wohnungen wurden nach Hierarchie vergeben. Als Akademiker bekam Helmut Breuninger mit Frau und Sohn ein Zimmer in einem Steinhaus zugeteilt. Feinmechaniker Heinrich Pingel kam mit Frau und Sohn in einem Holzhaus unter, das für die kalten Winter kaum geeignet war. An sechs Tagen in der Woche konkurrierten Mitarbeiter der Firmen Junkers und BMW in ihren Projekten in der Flugzeugindustrie, Mitarbeiter von Askania entwickelten Autopiloten für Flugzeuge und Raketen. Die Männer waren in ihrem Element, die Frauen bestritten den Alltag. Viel zu essen gab es nicht, aber mehr als in Deutschland. Während von Breuningers Lohn etwas übrig blieb, kamen Arbeiter mit mehreren Kindern kaum über die Runden. Bald richteten die Deutschen eine Sozialkasse ein, um arme Familien zu unterstützen, etwa wenn der Lohn wegen Krankheit ausfiel oder eine Frau zur Witwe wurde. Zurück durften Angehörige nicht, wenn ein Spezialist starb – die Operation sollte geheim bleiben.

Man versuchte, sich einzurichten in diesem Leben. Im Sommer wurde Tennis gespielt, im Winter Ski und Schlittschuh gelaufen. Man führte Theaterstücke auf, sang und musizierte, sonntags hielt jemand eine Predigt. „Für viele war es ein goldener Käfig, es ging den Leuten gut, bis auf die Ungewissheit“, sagt Karl Breuninger. Einzelne trieb sie in den Suizid.

Der Kontakt zu den Russen war anfangs zwiegespalten. Zum einen verdienten die besiegten Deutschen mehr Geld. Zum anderen hatten viele einen geliebten Menschen im Krieg verloren. Es kam vor, dass Deutsche als Faschisten beschimpft wurden, unter den Kindern gab es Raufereien. Trotzdem entstanden Freundschaften. „Russen haben unsere Eltern gefragt: Seid ihr Nazis? Und wenn die Antwort nein lautete, wurde Wodka getrunken“, erzählt Clemens Pingel, der heute 71 Jahre alt ist. „Wir haben keinen Hass erlebt, eigentlich erstaunlich.“

An ihre Kindheit denken Clemens Pingel und Karl Breuninger gern zurück. Die Wolga war ein Abenteuerspielplatz. Es gab einen breiten Strand, man konnte baden, die älteren Kinder ruderten oft mit einem Boot auf eine Insel, machten Lagerfeuer, zelteten. Im September 1950 erhielten rund 200 Deutsche die Nachricht, dass sie in ihre Heimat zurückkehren dürfen. Die anderen sollten 1952 folgen. Kurz darauf kam der Befehl für einen Teil der Askania-Gruppe, nach Moskau umzuziehen. Der Kalte Krieg war im Gange und amerikanische Aufklärungsflugzeuge hatten Russland in einer Höhe überflogen, in der sie nicht abgeschossen werden konnten. Die Russen wollten Abwehrraketen mit höherer Reichweite entwickeln und die Deutschen sollten ihnen helfen. Dazu wurden neue Teams zusammengestellt, die in Konkurrenz zueinander an Teillösungen arbeiteten – ins große Ganze sollten sie keinen Einblick erhalten. Anfang 1951 wurde ihnen dann ein Vier-Jahres-Vertrag vorgelegt und die angekündigte Heimkehr fürs kommende Jahr war vom Tisch.

Deutschland nicht in Sicht

Um die Anwesenheit der deutschen Spezialisten geheim zu halten, durften sie die Siedlung in Tuschino – damals Vorort, heute Stadtteil von Moskau – nur in Begleitung verlassen. Besuche auf dem Markt, in der Oper oder im Zirkus mussten angemeldet werden, auch in den Urlaub und ins Krankenhaus kamen Bewacher mit. Die Geheimarbeit war im Frühjahr 1954 beendet, im Sommer 1955 wurde den Spezialisten verkündet, dass sie zur „Abkühlung“ nach Suchumi ans Schwarze Meer verlegt werden, wo sie ihre Forschung vergessen sollten. Nach den vielen Vertröstungen platzte den Deutschen der Kragen. Als zwei Frauen die Besprechung stürmten, kam es beinahe zu Schüssen. Am nächsten Tag streikten die Männer und die Kinder schrieben Flugblätter mit der Losung „Nicht nach Suchumi, sondern nach Deutschland!“ und übergaben sie am Holzzaun russischen Kindern. Bis der Staatssicherheitsdienst sie entdeckte, hingen sie an jedem Laternenpfahl nahe der Siedlung. Große Auswirkungen hatte der Aufstand nicht, außer, dass die Verlegung verschoben wurde, damit die Deutschen nicht im Hochsommer in den Süden wechseln mussten.

Zu ihrem Erstaunen wurde schließlich jeder gefragt, ob er in die DDR, in die BRD oder nach Österreich zurückkehren wolle. Familie Breuninger und Familie Pingel, deren Verwandtschaft im Westen lebte, entschieden sich für die BRD. Im Oktober 1956 sollte es endlich zurückgehen, doch als der Tag kam, fuhren die Lastwagen nur zu jenen, die sich für die DDR entschieden hatten. Nach Westdeutschland sollte es erst 1958 gehen. Hintergrund war, dass heimgekehrte Spezialisten rübergemacht hatten und von Amerikanern verhört worden waren.

Im Februar 1958 war es aber wirklich so weit: Die 21 Familien, die in die BRD wollten, durften es auch. Als sie am 12. Februar endlich im Heimkehrerlager Friedland ankamen, rollten Freudentränen. Journalisten erwarteten sie, es gab Begrüßungsgeld und Hygieneartikel. Als Kriegsgefangene wurden sie allerdings nicht anerkannt und bekamen daher auch keine finanzielle Unterstützung. Wenige Wochen später fing Helmut Breuninger eine Stelle bei Telefunken in Ulm und Heinrich Pingel beim Bodenseewerk in Überlingen an. Mit den neuen Gegebenheiten kamen die Heimkehrer unterschiedlich zurecht. Karl Breuninger, damals 13 Jahre alt, und Clemens Pingel, 9 Jahre alt, hatten Schwierigkeiten in der Schule, obwohl sie in der Sowjetuntion gute Schüler gewesen waren. Hinzu kam eine härtere Gangart. „Prügelstrafe gab es in Suchumi nicht“, sagt Pingel. Als er aufs Gymnasium kam, hatte er seine Probleme überwunden. Älteren Schülern fiel die Umstellung schwerer, einige verließen die Schule ohne Abschluss und fühlten sich vom Leben betrogen.

Von den Spezialisten selbst begriffen viele die Jahre in der Sowjetunion als Chance. Sie hatten in ihrem Fach arbeiten können, ihre Arbeit wurde geschätzt. Andere sahen die Zeit als Ungerechtigkeit. Deutschland florierte, Verwandte hatten sich nach dem Krieg etwas aufbauen können. Auf viel Verständnis stießen die Heimkehrer nicht. „Wir wurden bedauert, aber es gab wenig Empathie. Viele waren froh, dass es nicht ihnen passiert war“, sagt Pingel. Den Zwiespalt der Erwachsenen haben er und Karl Breuninger nie gehabt. „Durch unsere Jugendzeit sind wir dem Land anders verbunden“, so Pingel. Er hat die Russen nie als die Bösen in ihrer Geschichte betrachtet. „Die Deutschen haben den Krieg angezettelt und einer musste dafür bezahlen.“