Tangstedt | Das Online-Rollenspiel "World of Warcraft" von Blizzard Entertainment feiert am 27. August 2019 die Veröffentlichung von "World of Warcraft Classic". Das Rollenspiel wird 2019 15 Jahre alt. Für Steve Krömer, auch bekannt als "Stevinho", ist das Spiel ein großer Bestandteil seines Lebens. Er betreibt zwei Webseiten, durch die er bekannt wurde: Die Blizzard-Fan-Seite "justblizzard.eu" und sein Blog "stevinho.de". Der 45-jährige Lehrer für Sport, Politik und Informatik aus Tangstedt in Schleswig-Holstein erzählt von seinem Schaffensweg, ob er an den Erfolg von "Classic" glaubt und von den Schwierigkeiten des Doppellebens als Lehrer und Internet-Ikone in der Gaming-Branche.

Seit 1999 sind Sie in der Gaming-Szene aktiv. Wie hat das alles angefangen?
Steve Krömer:
Ich habe schon immer Blizzard-Spiele geliebt, auch schon vor Warcraft III welche gespielt. Obwohl ich ziemlich schlecht in Warcraft III war, hat es mich fasziniert. Ich habe Teil I und II gespielt, aber Teil III hatte etwas, mit der Geschichte und den charismatischen Charakteren. Das hat mich gefesselt. Ich war schon immer jemand der sehr kreativ war und hatte meine erste Internetseite schon 1994 gebaut. Dann habe ich mit einem Kumpel zusammen w3community.de auf die Beine gestellt. Das war eine Szene-Seite für Warcraft III. Den großen Durchbruch haben wir dann mit dem Übergang von Warcraft III zu World of Warcraft (WoW) gefunden. Wir hatten eine Grund-Community und mit der Seite wowszene.de wurden wir dank des WoW-Hypes in Deutschland relativ erfolgreich.

Wann ging WoW-Szene online?
WoW-Szene gab es 2004 schon. Wenn du mit so einer Seite erfolgreich sein willst, musst du eigentlich schon in der Beta dabei sein. Ich habe einen Kumpel aus Warcraft-III-Zeiten, der einer der besten Spieler der Welt war und er durfte schon in der Alpha und Beta hereinschauen und hat seinen Account mit mir geteilt. Das hat uns beide so begeistert, dass wir dann schon die Seite gebaut haben. 

Was hat Sie 2004 an diesem Spiel so gefesselt?
Wir neigen dazu unsere Erinnerungen zu idealisieren. Man hat schon mal irgendwie in ein MMORPG (Massively Multiplayer Online Role-Playing Game) hereingeguckt. Das war damals, was Fortnite heute ist. Dann kam Blizzard, welche meine Lieblingsreihen entwickelt haben, und haben dieses Genre revolutioniert. Sie haben den Zahn der Zeit erkannt, was ihren Vorgängern gefehlt hat.

Der Anfang von WoW war besonders, weil es eben für alle neu war. Was für uns heute selbstverständlich ist, diese Dungeons und Raidbosse zu bewältigen. Damals habe ich als erstes Jäger gespielt und wir haben uns wie die Allergrößten gefühlt, wenn wir nur das erste Klassen-Set hatten. Dann haben wir uns auf alten Webseiten die späteren "T1- und T2-Sets" angeguckt, die noch nicht einmal fertig gestaltet waren. Wir dachten uns: "Das werden wir irgendwann haben". Die Hauptmotivation war das große Unbekannte. Es gab eine riesige Welt, die darauf wartete, erkundet zu werden. Es gab so viele Geheimnisse in diesem Spiel.

Wenn die Hauptmotivation war, dass alles neu war und man diese riesige Welt erkunden kann, ist dann jetzt 15 Jahre später nicht schon alles erkundet? Wird sich das Spiel dann überhaupt bei den Rückkehrern halten können?
Ich würde sagen: Nein. Ich habe die Beta gespielt und erkannte, dass ich vielleicht etwas voreilig war und früher war eben nicht alles besser. Es ist eine gewisse Ernüchterung eingekehrt. Wir neigen dazu bestimmte Dinge, die wir als besonders schön empfunden haben, als Perfekt darzustellen. Ein Beispiel, ich habe früher auf der Nintendo 64 unglaublich gerne "Wave Race" gespielt. In meiner Erinnerung hatte es die beste Grafik, da es seiner Zeit voraus war. Jetzt spielt man es 20 Jahre später, macht seine Konsole an und es ist verpixelt und nicht mehr so toll.

Mein Beta-Erlebnis war am Anfang großartig. Doch je länger ich es gespielt habe, desto mehr hat es mich gelangweilt, weil viele Mechaniken nicht so ausgereift sind. Man stirbt öfters und das Verhalten der Monster nicht so gut ist. Heutzutage werden Spiele danach gestaltet, dass Spieler Erfolgserlebnisse haben und World of Warcraft sollte den Spieler so lange wie möglich im Spiel halten.

Ich freue mich mehr auf das Drumherum. Das heißt mit meiner Community gemeinsam zurückzuschauen, mein Hörspiel "Allimania" zu machen und eine geile Zeit zu haben. Ich bin mir nicht sicher, ob es für mich eine Langzeitmotivation bringt, um es monatelang zu spielen. Wenn ich wetten müsste, hält es sich eher nicht. Es wird ein Nischen-Ding. Ein Extra, das man mit dem WoW-Abo dazubekommt. Der Hype wird sich aber relativ schnell wieder legen.

Das originale World of Warcraft liegt fast eine Generation zurück. Wer 2004 geboren wurde, ist oder wird 2019 15 Jahre alt. Da kann natürlich eine komplett neue Generation an Spielern dazu kommen, die das Spiel noch nicht kennen und die davon vielleicht doch gefangen werden.
Ein ganz klares Nein. 2004 war das Spiel die größte Innovation der Gaming-Szene. Damals war das der Gaming-Standard, es gab nichts Besseres. Heute sind Leute extrem faul geworden. Damals haben wir uns das mühsame Questen und Laufen angetan, weil es eben nichts anderes gab. Heute gibt es viel bessere Spiele, die sehr viel ausgereifter sind und Spieler viel intensiver belohnen und motivieren. Ich glaube, dass gerade die jüngere Generation einloggen wird und sehr schnell frustriert wieder das Spiel verlassen, weil es wirklich nur was für Nostalgiker ist.

Ich hatte immer mal wieder Schüler in einer Klasse, die mir erzählt haben, dass sie WoW spielen. Aber auf Privatservern, die nichts kosten. Ich habe dann gefragt, warum sie es spielen. "Ja, weil es umsonst ist", kam als Antwort zurück. Der größte Erfolg der Privatserver war darauf begründet, dass man umsonst ein cooles MMORPG spielen konnte. Die Frage ist, nehmen die Leute das auch in kauf, wenn man dafür Geld zahlen muss? Für ein 15 Jahre altes Spiel, bei dem der Inhalt bereits bekannt ist und wo du weißt, was auf dich zukommt?

Sie leben in all den Jahren Ihren Lehrerberuf neben einem zeitintensiven Hobby. Und erst kürzlich haben Sie eine Familie gegründet. Wie schaffen Sie das alles?
Es ist viel anstrengender als vorher und jetzt ist noch die Familie dazugekommen. Priorisieren ist das Stichwort. Mein Sohn ist natürlich das Allerwichtigste. Es funktioniert aber irgendwie. Die tägliche Arbeit mit dem Blog wird zwischendurch gemacht. Manchmal klappt es aber auch nicht und dann muss es auch Tage geben, wo es nur ein bis zwei Blogeinträge gibt. Ich arbeite auch viel Nachts und schlafe weniger als früher. Gerade an den Tagen, wo ich später zur Schule muss, arbeite ich, wenn Frau und Kind im Bett sind. Ich versuche viel Nachts zu machen. Es ist anstrengend, aber es funktioniert. 

Wie hat sich denn in Ihrem Lehrerberuf die Akzeptanz für Ihr Hobby über die Jahre verändert?
Diese ganze Zockerei ist zuallererst meine Privatsache und das trage ich nicht in der Schule herum. Ich bin ja auch keine Werbefigur für die Gaming-Szene. Ich hatte im Laufe meines Lehrerberufs sehr häufig Schwierigkeiten. Gerade zu Hochzeiten von World of Warcraft gab es diese Hassprediger, wie Christian Pfeiffer (SPD) und die Boulevard-Presse, die sehr populistisch über Gaming berichtet haben und eine Welle der Angst vor sich herschoben. „Wir werden alle sterben. Computerspiele sind für Amokläufe zuständig und wenn ihre Kinder Computerspiele spielen, dann sind sie Junkies!" – diese Weltuntergangsmelodie führt natürlich dazu, dass Leute, die sich nicht informieren, das wirklich glauben. Im Referendariat hatte ich richtig Probleme damit, weil ich damals noch eine sehr bekannte Figur im Internet war und eine große Reichweite hatte (Anm. d. Redaktion: Rund zwei Millionen Aufrufe von www.wowszene.de pro Monat im Jahr 2010). Das haben meine Schüler natürlich mitgekriegt und das ging in der Schule rum. Da gab es schon den ein oder anderen Streit. Gerade bei Lehrern, die mir nicht so grün waren, durfte ich mir anhören, ich würde die Schüler dazu bringen WoW zu zocken und das wäre pädagogisch nicht sinnvoll.

Lustigerweise gibt es immer Widerstände. Leute, die damit nicht umgehen können, dass man sie filmt oder Videos von Schülern macht, die man auf die Schul-Webseite stellen will. Auf meiner jetzigen Schule sind 900 Schüler und 70 Lehrer und es ist immer irgendjemand damit nicht einverstanden, dass er oder sie auf einem Video zu sehen sind. Wir leben halt in Deutschland, mit einer regelrechten Datenschutz-Hexenjagd. Im Vergleich dazu bedanken sich die Leute in den USA dafür, wenn du sie filmst, weil es eine coole Werbung für das ist, was sie tun.

Die neue Generation interessiert sich viel für Youtube und Instagram. Wenn ich über den Schulhof gehe, höre ich Getuschel: "Das ist der Youtuber, das ist der Youtuber." Für die Schüler ist das etwas ganz besonderes, ein "Youtuber" zu sein. Die Kollegen sehen das immer ein wenig skeptisch. Ist mir aber auch egal, ich bin, wie ich bin.