Wolfsburg/Berlin (dpa) l Der Abgas-Skandal zwingt Volkswagen zu einer schnelleren Neuausrichtung des riesigen Autokonzerns. „Wir werden es nicht zulassen, dass uns diese Krise lähmt“, sagte Vorstandschef Matthias Müller am Donnerstag bei der Vorlage einer ersten Zwischenbilanz. „Wir nutzen sie als Katalysator für den Wandel, den Volkswagen braucht.“ Strukturen und Denkweisen müssten sich ändern, auch damit künftig ähnliche Krisen verhindert werden. Die Folgen des Abgas-Skandals sind allerdings immer noch gravierend.

Wenn es Europas größtem Autobauer gelinge, aus den millionenfachen Falschangaben zum Stickoxid-Ausstoß von Dieselwagen Lehren zu ziehen, könne es wieder bergauf gehen, sagte Müller. „So ernst die aktuelle Situation auch ist: Dieses Unternehmen wird nicht daran zerbrechen.“ Das Top-Management werde VW künftig weniger zentralistisch führen. „Diese Neuausrichtung wäre früher oder später ohnehin nötig gewesen“, meinte der Vorstandschef. Einen Absatzeinbruch gebe es bisher nicht.

Bei der Suche nach Verantwortlichen für den weltweiten Diesel-Skandal hat die VW-Spitze weiterhin nur einen relativ kleinen Kreis von Verdächtigen im Visier. „Wir halten es für wahrscheinlich, dass nur eine überschaubare Zahl an Mitarbeitern aktiv zu den Manipulationen beigetragen hat“, sagte Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch in Wolfsburg. Erstmals seit Ausbruch der Krise stand die VW-Spitze der Öffentlichkeit Rede und Antwort.

Inzwischen habe man über 1500 elektronische Datenträger eingesammelt, um Hinweise auf den Ursprung der Affäre zu finden. Es seien zudem 87 Interviews im Rahmen der Ermittlungen geführt worden. Rund 450 Experten arbeiteten an der Aufklärung. Ziel sei es, bis zur Hauptversammlung am 21. April 2016 einen vollständigen Überblick über die Ergebnisse zu liefern.

VW hatte Mitte September zugegeben, in rund elf Millionen Dieselmotoren eine Software eingesetzt zu haben, die Daten zum Ausstoß gesundheitsschädlicher Stickoxid-Abgase schönte.

Pötsch sagte, der Abgas-Skandal sei eine der größten Bewährungsproben in der Volkswagen-Geschichte. VW werde „schonungslos“ aufklären: „Alles kommt auf den Tisch, nichts wird unter den Teppich gekehrt.“

Anfang Januar soll der Rückruf der betroffenen Dieselautos starten. Verbraucherschützer fordern Klarheit für die Kunden. Die Autofahrer erwarteten, „dass VW endlich aufklärt, wie der Rückruf abgewickelt und wie der Konzern weitere Ansprüche entschädigen wird“, sagte der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv), Klaus Müller. „Insbesondere ein möglicher Wertverlust des Autos oder Mehrverbrauch nach Umrüstung darf nicht zulasten der Verbraucher gehen.“

Nach Angaben Pötschs habe der Ursprung der „Stickoxid-Thematik“ weitgehend nachvollzogen werden können: „Sie stellt sich nicht als einmaliger Fehler, sondern als Fehlerkette dar, die nicht durchbrochen wurde.“ Ausgangspunkt sei die groß angelegte Diesel-Offensive von VW im Jahr 2005 gewesen. Der Konzern steckte damals in den USA in einer Absatzkrise. Man habe keinen Weg gefunden, strengere Stickoxid-Normen in den Vereinigten Staaten im vorgegebenen Zeit- und Kostenrahmen zu erfüllen. So sei es zum Software-Einbau gekommen. Die Führung habe nichts vom Betrug gewusst. Meinung