Halle l Seit 1992 wird in Halle unter dem Dach der Fraunhofer-Gesellschaft geforscht. Neue und ressourcenschonende Materialien stehen im Fokus der rund 200 Wissenschaftler. Seit Januar ist das Institut eigenständig. Zur Eröffnung am Montagnachmittag reist sogar die Bundeskanzlerin an. Für Angela Merkel ist der Besuch in der Saalestadt auch ein Ausflug in ihre Vergangenheit. Denn wissenschaftliche Arbeit ist der 61-Jährigen vertraut. Von 1973 bis 1978 studierte sie an der Universität in Leipzig Physik.

Doch in Halle weht ihr zunächst der eisige Wind des Alltags entgegen. An der Straße, die zum Institut führt, haben sich lautstarke Gegner ihrer Politik versammelt. Plakate mit Aufschriften „Merkel muss weg“, „Merkel? Verhaften!“, „Die Königin der Schlepper“ und „Mutti Multikulti“ begrüßen die Kanzlerin in der Saalestadt. Auch bei dem kurzen Ausflug nach Sachsen-Anhalt ist die Flüchtlingskrise gegenwärtig.

Angekommen in der Forschungseinrichtung lässt sich die Kanzlerin diese Konfrontation mit den Gegnern ihres Politik-Kurses nicht anmerken. Merkel gibt sich während des Rundgangs mit Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU), Fraunhofer-Institutsleiter Ralf Wehrspohn und dem Präsidenten der Fraunhofer-Gesellschaft, Reimund Neugebauer, interessiert. Fernsehkameras und Fotoapparate beobachten jeden Schritt der Kanzlerin. Ein Kontrast zu der eigentlich ruhigen Arbeit im Labor.

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20 Millionen Euro Forschungsbudget

Und doch kann Angela Merkel für wenige Momente den Duft ihrer Vergangenheit erschnuppern. Für den Besuch der Kanzlerin sind zwei Tische aufgebaut worden, auf denen die Fraunhofer-Forscher die Schwerpunkte ihrer Arbeit präsentieren. Im Fokus steht die Entwicklung neuer Materialien und Werkstoffe. Das Spektrum reicht von leichten Karosserieteilen für die Automobilhersteller bis zu langlebigen Dämmstoffen aus nachwachsenden Rohstoffen für die Bauindustrie.

Rund 20 Millionen Euro beträgt der Haushalt des neuen Instituts in Halle. 30 Prozent steuern Bund und Länder als Grundfinanzierung bei, 70 Prozent werden mit Aufträgen aus der Industrie und mit öffentlich finanzierten Forschungsprojekten erwirtschaftet. Mitarbeiter bei Fraunhofer müssen heute Erfinder, Wissenschaftler und Unternehmer sein, hat Institutsdirektor Ralf Wehr- spohn bereits bei seinem Amtsantritt in Halle 2006 gesagt.

Für viele Unternehmen in Sachsen-Anhalt ist die Zusammenarbeit mit den Forschern überlebenswichtig. Konzernzentralen mit großen, eigenen Entwicklungsabteilungen gibt es nicht. Der Mittelstand zwischen Altmark und Harz ist auf das Netzwerk zwischen Wirtschaft und Wissenschaft angewiesen.

Dieses Konzept ist nach der Wende die Erfolgsformel für Sachsen-Anhalt gewesen, sagt Angela Merkel. Nach dem Fall der Mauer hat sich Fraunhofer als erste Forschungsgesellschaft in den Osten der Republik aufgemacht. Mit Magdeburg und jetzt Halle gibt es mittlerweile zwei eigenständige Institute in Sachsen-Anhalt. Merkel hebt in ihrer Rede die Bedeutung der Fraunhofer-Standorte für die hiesige Wirtschaft hervor. „Die Forschungseinrichtungen sind der Motor für die mittelständischen Unternehmen in Sachsen-Anhalt“, erklärt die Kanzlerin. Sachsen-Anhalt habe den Strukturwandel nach der Wende erfolgreich gemeistert, sagt sie. Die aktuelle Landesregierung habe zudem die Verzahnung zwischen Wirtschaft und Wissenschaft weiter vorangebracht. Sachsen-Anhalt stehe gut da. Wahlkampf für Parteifreund Haseloff – das muss auch an diesem Nachmittag sein.

Professor unterbricht die Kanzlerin

Die Kanzlerin ist in Fahrt, als sie von ihrer Flüchtlingspolitik eingeholt wird. Ein Mann springt von seinem Stuhl auf, nur wenige Meter von dem Podium entfernt, auf dem Angela Merkel steht. „Sie machen einen Versuch und wissen nicht, wie das Experiment ausgeht. Ich mache mir ernsthafte Sorgen“, sagt der Mann, der Thomas Rödel heißt und Professor an der Hochschule Merseburg ist. Merkel lässt ihn ausreden, erwidert dann: „Ich werde meiner Verantwortung gerecht und werde auf alles achten, damit Deutschland eine gute Zukunft hat.“ Das Publikum applaudiert. Der Zwischenrufer wird aus dem Saal geleitet.

Nach dem Merkel-Besuch haben die Fraunhofer-Forscher in Halle noch viel vor. In einem neuen Leistungszentrum wollen sie zusammen mit industriellen Partnern neue, nachwachsende Rohstoffquellen erforschen. 13 Millionen Euro sollen dafür investiert werden.